Schützt die Impfung vor der Mutation?

Neue Corona-Variante Omikron: Was wir wissen - und was nicht

Die neue Coronavirus-Variante Omikron wurde Ende November erstmals in Südafrika und Botswana nachgewiesen - mittlerweile gibt es sie in mehr als 60 Ländern weltweit.
Die neue Coronavirus-Variante Omikron wurde Ende November erstmals in Südafrika und Botswana nachgewiesen - mittlerweile gibt es sie in mehr als 60 Ländern weltweit.
© ©natatravel 2021, natatravel

20. Dezember 2021 - 7:31 Uhr

Omikron auch in Deutschland nachgewiesen

Als wäre die aktuelle Corona-Situation nicht ohnehin schon angespannt genug, gibt es jetzt auch noch die neu nachgewiesene Virus-Mutation B.1.1.529 mit dem Namen Omikron. Sie soll dafür verantwortlich sein, dass die Zahlen in Südafrika in den letzten Wochen so rasant gestiegen sind. Mittlerweile ist Omikron auch in Deutschland angekommen. Das Problem: B.1.1.529 ist stark mutiert, Virologen und Experten vermuten, dass diese Mutation daher noch ansteckender sein könnte als die aktuell vorherrschende Delta-Variante.

Stimmt das? Worauf müssen wir uns in Deutschland nun gefasst machen? Und welche Folge hat Omikron für die Impfstoffe? Ein Überblick.

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Seit wann gibt es die Omikron-Variante?

Wolfgang Preiser, Mitglied des Forschungsteams, das die Omikron-Variante entdeckt hat, geht davon aus, dass es Omikron schon länger gibt als bisher angenommen. Die Variante soll sich schon vor der Entstehung von Alpha und Delta als eigener Virustyp entwickelt haben.

Wo wurde Omikron zuerst entdeckt - und wie verbreitet sich die Variante?

Einige Menschen gehen die zentrale Einkaufsstraße Via del Corso entlang.
Bisher ist die Omikron-Variante in 57 Ländern nachgewiesen worden.
© dpa, Cecilia Fabiano, zeus mbu

Ende November haben Forschende eine neue Variante des vorherrschenden Coronavirus mit der Bezeichnung B.1.1.529 entdeckt.

Die ersten bestätigten Fälle stammen aus Südafrika, wo die Corona-Infektionszahlen seit Wochen immer weiter ansteigen. Das gibt Anlass zur Sorge. Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, stuft das gegenüber RTL als "ziemlich dramatisches Ereignis" ein. Der Grund: Innerhalb einer recht kurzen Zeit wurde die Variante vermehrt nachgewiesen, die "Mutation kam ein bisschen aus dem Nichts", erklärt er im Interview mit RTL. Ob die Variante ihren Ursprung aber wirklich im Kap-Staat hat, ist ungewiss. Laut NewsNodes-Datendienst wurde die Variante mittlerweile in 97 Länder nachgewiesen.

Vor allem in Südafrika, dem Entdeckungsort, ist sie weiter auf dem Vormarsch, in Europa vor allem in Großbritannien. Das Land meldete zuletzt einen sprunghaften Anstieg von Infektionen mit der Omikron-Variante. Das Virus verbreite sich mit einer "phänomenalen Quote", teilt Gesundheitsminister Sajid Javid mit. Allein in London seien wahrscheinlich 40 Prozent der Infektionen auf Omikron zurückzuführen.

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Wie gefährlich ist Omikron?

Die WHO hat Omikron am 26. November als "besorgniserregend" eingestuft. Wie gefährlich die Virus-Variante allerdings wirklich ist, muss weiterhin beobachtet werden. Es gibt bereits Patienten, die keinerlei ungewöhnliche Symptome aufzeigen sowie Infizierte, die erst gar keine Anzeichen einer Erkrankung haben, also symptomfrei sind. Diese ersten Meldungen, dass Omikron einen milderen Krankheitsverlauf verursacht, seien allerdings noch mit Vorsicht zu genießen.

Denn: Es gibt bestätigte Fälle von B.1.1.529 in Hongkong, bei denen eine sehr schnell ansteigende Viruslast festgestellt werden konnte. Zudem scheint die neue Variante deutlich ansteckender zu sein als die Delta-Variante. Im Gespräch mit RTL sagt Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht außerdem: "Es könnte sein, dass diese Variante dem Immunsystem besser ausweichen kann. Aber ob sie wirklich infektiöser ist und ob es krank machender ist, kann man zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht sagen."

Lese-Tipp: Studie gibt erste Hinweise – darum ist Omikron besonders ansteckend

Wie ist die Mutation entstanden?

Wo genau die neue Mutation entstanden ist, ist bisher noch unklar. Einigen Experten zufolge, wie zum Beispiel dem Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) Carsten Watzl, könnte Omikron in einem Patienten mit HIV oder einer anderen Form der Immunschwäche entstanden sein. Der Grund: In Menschen mit geschwächtem Immunsystem könne sich das Virus über viele Wochen vermehren. "Dabei können immer wieder vereinzelt Mutationen auftreten, die sich aufgrund der fehlenden Kontrolle durch das Immunsystem dann weiter vermehren können."

Inzwischen weisen laut Angaben der Gesundheitsbehörden fast 80 Prozent der sequenzierten Corona-Testergebnisse in Südafrika eine Infektion mit der neuen Mutation nach, berichtet ntv.de. Es zeigt sich: Die Mutation verbreitet sich nicht nur rapide, sondern setzt sich auch noch durch.

Warum sind Experten besorgt?

Viele Virologen und Experten geben ihre Einschätzung zu Omikron ab. Von düsteren Prognosen bis zu harmlosen Bewertungen ist fast alles dabei.

Der in Südafrika arbeitende Virologe Tulio de Oliveira hat schon zu einem frühen Zeitpunkt mitgeteilt, dass B.1.1.529 32 (!) Mutationen im Spike-Protein aufweist. Friedemann Weber, Leiter des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, zeigt sich ebenfalls besorgt: Das Virus bringe einen "Riesen-Strauß an Mutationen mit sich". Von einigen der festgestellten Mutationen sei bereits bekannt, dass sie die Wirkung von Antikörpern abschwächen. Allerdings sei es zu früh, um Aussagen über den weiteren Verlauf zu machen, betont Weber.

Nach Einschätzung von Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel (Schweiz), dürfte Omikron die Delta-Variante in Kürze europaweit verdrängt haben. "Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird Omikron in etwa zwei bis vier Wochen in Europa vorherrschend sein", sagte er in einem auf der Webseite der Universität veröffentlichten Interview. Daten aus Dänemark und Großbritannien legten nahe, dass sich die Zahl der Omikron-Ansteckungen alle drei bis vier Tage verdoppele. Die Übertragungsrate sei dreimal so hoch wie bei Delta. Grund dafür sei, dass sich sowohl Geimpfte als auch Ungeimpfte infizieren.

Der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, erwartet wegen der neu aufgetretenen Omikron-Variante bis zum nächsten Sommer Probleme mit dem Coronavirus in Deutschland, wie er im NDR erklärt. Der Wissenschaftler ist insbesondere durch die hohe Verbreitungsgeschwindigkeit von Omikron besorgt. US-Immunologe Anthony Fauci hingegen zeigt sich optimistischer.

Lese-Tipp: Ursache für 5. Welle oder harmloser als Delta - wie gefährlich ist Omikron wirklich?

Wirkt die Corona-Impfung auch gegen Omikron?

Der mRNA- COVID-19 Impfstoff von Biontech / Pfizer re und Moderna li im Lager des Universitaetsklinikum in Tuebingen fuer das Kreisimpfzentrum KIZ und Zentralen Impfzentrum ZIZ in der Paul Horn Arena *** Tuebingen 15
Ob unsere gängigen Impfstoffe gegen B.1.1.529 wirksam sind, wird sich zeigen.
© imago images/ULMER Pressebildagentur, ulmer via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Nach Angaben der Impfstoffhersteller Biontech und Pfizer seien drei Dosen ihres Impfstoffes nötig, um einen ausreichenden Schutz gegen B.1.1.529 gewährleisten zu können. Dies gaben sie auf einer Pressenkonferenz am 8. Dezember bekannt. Sie gehen allerdings davon aus, dass der Schutz vor einer schweren Erkrankung auch weiterhin bei zwei Impfdosen, also bei einer Grundimmunisierung, gegeben ist. Eine Booster-Dosis erhöhe den Antikörper-Spiegel aber ausreichend, um auch die Omikron-Variante zu neutralisieren. Angesichts der erwarteten schnellen Ausbreitung der Omikron-Variante haben zuletzt Fachleute wie der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Bernd Salzberger, auf eine Verkürzung des Abstands zwischen zweiter und dritter Impfung gedrängt. Eine raschere Auffrischimpfung könne die Ausbreitung der Omikron-Variante beeinflussen, "das zeigen die Erfahrungen aus Israel sehr eindrücklich", sagte Salzberger den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Das Problem bei der neuen Mutation könnte die starke Veränderung im Spike-Protein sein. Im schlimmsten Fall, wenn das Virus sich zu weit vom Ursprungstyp entfernt hat, würde eine Immunantwort ausbleiben und die Vakzine weniger wirksam werden. Denn: Unsere Impfstoffe sind für das ursprüngliche Virus konzipiert worden. Sollte das der Fall sein, müssten sie angepasst werden.

Bei Bedarf könne ab März unter Vorbehalt der behördlichen Genehmigung ein angepasster Impfstoff von Biontech und Pfizer bereitgestellt werden. Auch Moderna hat bereits mit der Arbeit an einem Impfstoff gegen die Omikron-Variante begonnen, sagte der Chef des Pharmakonzerns, Paul Burton, kürzlich in einem BBC-Interview. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, hält angepasste Impfstoffe für nötig. "Ein Booster mit einem angepassten Impfstoff würde genau die Gedächtniszellen stimulieren, die Antikörper produzieren, die auch Omikron neutralisieren können." Bisher haben sich auch Genesene mit der Omikron-Variante infiziert. Zudem sind Impfdurchbrüche bei doppelt Geimpften bekannt.

Lese-Tipp: Wie gut schützen unsere Impfstoffe vor der Delta-Variante?

"Signifikanter Schutz" durch Booster-Impfung

Ein Mann erhaelt eine Booster Impfung von Moderna gegen Covid 19 im Impfzentrum Schoenefeld. Schoenefeld Brandenburg *** Vaccinations Schoenefeld, 03 12 2021 A man receives a booster vaccination of Moderna against
Die Impfung gegen das Coronavirus ist noch immer effektiv.
© imago images/Jochen Eckel, Jochen Eckel via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Selbst bei verringerter Wirksamkeit bleibe die Impfung die beste Option, betonte auch Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI). "Alle Menschen, die sich impfen lassen, fangen nicht bei null an, wenn sie sich mit einer neuen Variante infiziert haben." Sie hätten auf jeden Fall schon einen gewissen Impfschutz, das sei entscheidend zu wissen.

Dem Berliner Infektionsimmunologen Leif Erik Sander zufolge hat Omikron zwar viele Veränderungen an Stellen, an denen gerade die besten Antikörper binden können. "Aber unser Körper bildet eine Unmenge an verschiedenen Antikörpern." Hinzu kämen spezielle Zellen der Immunabwehr, die in der Regel ganz andere Stellen erkennen als die Antikörper. "Also wir haben immer ein Netz und einen doppelten Boden", so der Immunologe der Berliner Charité.

Geboosterte hätten mit den jetzigen Impfstoffen bereits einen Schutz von 75 Prozent, sagte Bundesgesundheitsminister Lauterbach in der ARD. Entsprechend Geimpfte, die sich infizieren, erkrankten in der Regel nicht schwer. "Somit ist die Booster-Impfung unfassbar wertvoll", betonte Lauterbach. Sie könne die Delta-Welle brechen und eine Omikron-Welle abwenden.

Laut einer Studie aus Israel schützt vor allem eine Booster-Impfung mit dem Biontech-Impfstoff vor einer Corona-Erkrankung mit Omikron. Demnach erhöhe die Auffrischungsimpfung die Wirkung des Impfstoffs gegen Omikron um etwa das Hundertfache. Durch die Booster-Impfung bestehe ein "signifikanter Schutz", sagte Dr. Gili Regev-Yochay, Leiterin der Abteilung der epidemiologischen Infektionskrankheiten am Sheba Medical Center, das die Studie mit durchgeführt hat, der "The Jerusalem Post".

Es zeichnet sich aber bereits ab, dass auch die derzeitigen Auffrischungsimpfungen nicht die letzten sein werden. "Wir rechnen damit, dass im Sommer, spätestens im Herbst eine vierte Impfung nötig sein wird", sagte Hausärzteverband-Chefs Ulrich Weigeldt der "Bild"-Zeitung.

Wie geht es weiter?

Dass sich Viren verändern können, ist bekannt. Daher war es auch nur eine Frage der Zeit, bis auch SARS-CoV-2 irgendwann (wieder) mutieren sollte. Dem stimmt auch Zinn zu: "Es ist keine große Überraschung, wir haben die ganze Zeit schon darauf gelauert, dass die nächste Mutation, die nächste 'Variant of Concern', so ist der Fachausdruck, tatsächlich kommt. Wir haben lange Zeit nach Großbritannien geguckt, nach einer Delta-Plus-Variante, aber jetzt ist es die südafrikanische Variante."

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Alpha, Beta, Delta – all diese Varianten, sind nach Buchstaben des griechischen Alphabets benannt worden. Seit ihrer Entdeckung sind sie fester Bestandteil unseres Alltags. Vor allem aber die Delta-Variante sorgte für hohe Infektionszahlen und forderte viele Opfer. Inwieweit sich Omikron auf das Pandemiegeschehen auswirken wird und ob Erkrankte mildere – oder sogar schwerere – Verläufe erleben werden, gilt es weiter zu beobachten. Es werden allerdings bereits Stimmen laut, wie zum Beispiel von Karl Lauterbach, der B.1.1.529 für eine "echte massive Durchbruchsvariante" hält. Heißt: Sie könnte noch verheerender und "stärker" als Delta sein. (dpa/rts/vdü/akr/mol/evo)

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