Mutter des Opfers liegt während Urteilsverkündung im Krankenhaus

27 Jahre nach der Tat: Mörder von Nicole Schalla (†16) zu lebenslanger Haft verurteilt

25. Januar 2021 - 19:01 Uhr

DNA-Spur führte Jahrzehnte später zu vorbestraftem Ralf H.

Das letzte Mal lebend gesehen wurde Nicole Schalla aus Dortmund, als sie aus einem Bus ausstieg. Es war der Abend des 14. Oktober 1993. Die 16-Jährige hatte ihren Freund besucht und wollte nach Hause, doch sie kam nie an. Ihre Leiche wurde am nächsten Tag gefunden. Nun wurde der 56-jährige Ralf H. wegen des Mordes an der Schülerin zu lebenslanger Haft verurteilt.

Mutter des Opfers kann Urteilsverkündung nicht miterleben

"So etwas lässt man nicht hinter sich", sagt Nicoles Mutter Sigrid Schalla unter Tränen nach den Plädoyers im Prozess. Die Urteilsverkündung konnte sie nicht miterleben. Sigrid Schalla muss sich wegen eines Herzinfarktes aktuell im Krankenhaus behandeln lassen und konnte deswegen nicht zu dem Gerichtstermin kommen. Im Video beschreibt sie, wie sie heute über die schreckliche Tat denkt.

Richter sieht genug Beweise für Mord-Urteil

Der Beweis für das Gericht, das es Mord war: DNA-Spuren am Körper der 16-Jährigen. Der Vorsitzende Richter erklärte, dass es naheliegend sei, dass die Spuren vom Angeklagten am Bein des Mädchens hinterlassen wurden. Das Opfer hätte sich entkleiden müssen, um dabei die DNA des Angeklagten leicht unterhalb ihres Intimbereichs zu plazieren. Das hielt das das Dortmunder Schwurgericht für nicht sehr wahrscheinlich. Der Richter geht darum davon aus, dass Ralf H. das Mädchen vergewaltigte und dann erwürgte, um die Tat zu vertuschen. Wäre Ralf H. nur wegen Totschlags verurteilt worden, hätte er für die Tat nicht mehr ins Gefängnis gemusst. Denn Totschlag verjährt nach 20 Jahren.

Nachträglich ausgewertete DNA-Spuren führten die Ermittler 2018 zum mehrfach vorbestraften Ralf H. Er soll das Mädchen vergewaltigt und erwürgt haben. Eine Hautschuppe, die auf der Leiche gefunden wurde, stammt mit überwältigender Wahrscheinlichkeit von dem Mann. Der 56-Jährige, der die Tat bis heute bestreitet, muss darum nun lebenslänglich ins Gefängnis. Eine besondere Schwere der Schuld wurde nicht festgestellt. Das Urteil, dass erst 27 Jahre nach der Tat gesprochen wurde, ist noch nicht rechtskräftig.

Prozess in Dortmund: Sigrid Schalla richtet sich an mutmaßlichen Täter

Bei einem der Verhandlungstermine vor dem Dortmunder Schwurgericht richtete Sigrid Schalla das Wort an den mutmaßlichen Täter – um aufzuzeigen, "wie wir die Tat empfunden haben und immer noch empfinden", sagt sie. Wie sehr sie ihre Tochter vermissen. Und um klarzustellen: "Das ist eine Sache, die vergessen wir nicht."

Eltern waren im Urlaub, als Nicole Schalla getötet wurde

Ermordete Nicole Schalla aus Dortmund.
Nicole Schalla wurde 1993 brutal ermordet.

Weil Nicoles Eltern im Holland-Urlaub waren, bemerkte im Oktober 1993 zunächst niemand, dass Nicole von ihrem Freud nicht nach Hause kam. Am nächsten Tag fand eine Zeitungsbotin ihre Leiche in der Einfahrt einer Schule, nicht weit weg vom Elternhaus der 16-Jährigen.

Erst nach Jahrzehnten machten die Ermittler bei der Suche nach dem Täter einen entscheidenden Schritt: Bei der Überprüfung alter Spuren mit modernen Methoden ergab sich 2018 ein DNA-Treffer. Ein Hautschüppchen auf einem unbekleideten Teil von Nicole Schallas Leiche gehörte zu Ralf H. Er wurde 2018 verhaftet und vor Gericht gestellt. Bis heute bestreitet er, etwas mit dem Tod der 16-Jährigen zu tun zu haben.

Angeklagter kam überraschend frei

Der Prozess gegen H. sollte eigentlich nur vier Verhandlungstage dauern. Anfang 2020 platzte das Verfahren, da die Richterin erkrankte. Weil bis April nicht weiterverhandelt wurde, ließ das Gericht den Angeklagten überraschend frei – für Nicoles Eltern ein Schock.

Ralf H. schweigt zu den Vorwürfen

Das ewige Warten auf ein Urteil hat nun endlich ein Ende – es kostete Nicoles Eltern aber unglaublich viel Kraft. Immer wieder mussten sie ertragen, wie der Mann, der mutmaßlich ihre Tochter getötet hat, zu den Vorwürfen schweigt. Aber sie hielten durch. "Das ist das Letzte, was wir für unsere Tochter tun konnten – auch wenn wir sie nicht zurückholen", sagt Sigrid Schalla im RTL-Interview. Nur den Tag der Urteilsverkündung konnte die Mutter aus gesundheitlichen Gründen nicht miterleben.

Sie und ihr Mann Joachim waren von Anfang an überzeugt, dass Ralf H. der Täter ist und hofften auf eine Verurteilung. Statt Reue zu zeigen, verhöhnte der Verdächtige im August 2020 die Eltern vor Gericht. Dennoch kamen sie weiterhin zum Prozess, denn: "Es wäre furchtbar, alles über Dritte zu hören, weil man viele Sachen nicht glauben könnte, wie sie hier im Laufe der zwei Jahre passiert sind", erklärt Nicoles Mutter.

Nicole Schallas Eltern verloren eine weitere Tochter

Sigrid und Joachim Schalla haben 2015 eine weitere Tochter verloren. Sie starb im Alter von 30 Jahren an Krebs. "Nicki ist ermordet worden, unsere zweite Tochter ist an Krankheit gestorben – da liegen Welten zwischen", sagt Sigrid Schalla. Beide Töchter seien tot, aber die Fälle nicht vergleichbar. "Ein komplett anderes Empfinden", wie die Mutter es nennt.

Ihre große Hoffnung, dass der Mörder ihrer Tochter endlich zur Rechenschaft gezogen wird, ging mit dem Urteilsspruch in Dortmund endlich in Erfüllung. "Es ist nicht wichtig, zu wissen, wer es war", sagt Sigrid Schalla. "Sondern es ist wichtig, zu hoffen, dass er nicht frei rausgeht. Dass der Täter wirklich bestraft wird."