200.000 Menschen warten auf Fluchtmöglichkeit

Mariupol durch russische Angriffe heftig zerstört - RTL-Reporter: Die Menschen trinken Wasser aus Heizungsrohren

Blick auf Mariupol
Blick aus einem durch Granatenbeschuss zerbrochenen Krankenhausfenster auf Mariupol. Foto: Evgeniy Maloletka/AP/dpa
deutsche presse agentur

Der Krieg tobt überall in der Ukraine, doch eine Stadt scheint besonders hart betroffen zu sein: Mariupol im im Südwesten des Landes. Seit Tagen dringen Hilferufe der Menschen aus der Stadt nach außen. Der Stadtrat berichtet von dramatischen Zuständen: „Es gibt keine Straße ohne kaputte Fenster, zerstörte Wohnungen oder Häuser.“ Es gäbe kein Wasser, keinen Strom und kein Gas. Lebensmittel und Medikamente werden knapp. Wie lange können die Menschen dort unter diesen Umständen noch leben?

Lese-Tipp: Alle aktuellen Informationen rund um den Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit im Liveticker

Versorgung in Mariupol am Limit

Wadym Bojtschenko, der Bürgermeister von Mariupol, kämpft darum, dass die Einwohner aus der schwer zerstörten Stadt Mariupol fliehen können.
Wadym Bojtschenko, der Bürgermeister von Mariupol, kämpft darum, dass die Einwohner aus der schwer zerstörten Stadt Mariupol fliehen können.
Reuters

Vor wenigen Wochen hat der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Bojtschenko, noch an einem Plan zur Modernisierung der ukrainischen Hafenstadt gearbeitet, sprach in Hemd und Krawatte über neue Investitionen in Technik, Medizin und Bildung. Am Samstag hat er Unterschlupf gesucht in einem Keller. Er trägt ein T-Shirt, hat dunkle Ringe unter den Augen, eine ukrainische Flagge ist hinter ihm an die Wand geheftet. Ein Großteil der Stadt liege in Trümmern. "Sie zerstören uns", sagt Bojtschenko. Während des Videotelefonats mit der Nachrichtenagentur Reuters am Sonntag waren von draußen Explosionen zu hören.

Sein Hauptanliegen sei es nun, Einwohnern zur Flucht aus der Stadt zu verhelfen. Die meisten schlafen in Luftschutzkellern. Tagelanger Beschuss und Belagerung durch die russischen Streitkräfte haben nach Angaben der Behörden die Menschen von der Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser, Strom und Heizmöglichkeiten abgeschnitten. "Sie haben methodisch gearbeitet, um sicherzustellen, dass die Stadt blockiert ist", sagt der 44-jährige Bojtschenko über die Angreifer. "Sie erlauben uns nicht einmal, die Verwundeten und Getöteten zu zählen, weil der Beschuss nicht aufhört."

Wie viele andere Einwohner hat auch Bojtschenko in den letzten Tagen keinen Kontakt zu seinen Angehörigen gehabt - die meisten können ihre Handys nicht mehr aufladen. Sein Sohn kämpft anderswo an der Front. Aber seine Mutter, zwei Großmütter und die junge Familie seines Bruders sind in Kellerräumen in Mariupol. "Ich kann nicht einmal hingehen, um zu sehen, ob sie noch leben", sagt Bojtschenko.

Lese-Tipp: Bürgermeister von Mariupol fleht um Hilfe

200.000 Menschen warten in Mariupol auf Fluchtmöglichkeit

200.000 Menschen warten laut Angaben des Roten Kreuzes darauf, endlich aus Mariupol fliehen zu können. Das ist fast die Hälfte der 440.000 Einwohner der Hafenstadt. Am Dienstag sei ab 8 Uhr erneut ein „humanitärer Korridor“ geöffnet, der den Menschen ermöglichen soll, über verschiedene Routen mit Bussen und Autos aus der Stadt herauszukommen. In Mariupol handelt es sich um den inzwischen vierten Versuch, die Einwohner in Sicherheit zu bringen. Die vorherigen drei Versuche scheiterten immer wieder, weil die vereinbarte Feuerpause nicht eingehalten wurde.

Am Samstag zerstörte beispielsweise der Beschuss der russischen Streitkräfte die Hälfte des Bus-Konvois, den das Team von Bürgermeister Wadym Bojtschenko für die Evakuierung zusammengestellt hatte. "Sie haben uns belogen", behauptet der 44-Jährige. "In dem Moment, als die Menschen versuchten, in diese Korridore zu gelangen, ging der Beschuss wieder los."

Mariupol liegt nahe der sogenannten Kontaktlinie zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischer Armee im Verwaltungsbezirk Donezk. Die Stadt hat strategisch große Bedeutung. Die Hafenstadt ist mittlerweile vom Krieg gezeichnet. Raketen und Artilleriebeschuss haben Fenster in Wohnblocks zerstört, Löcher in Gebäude gesprengt und Straßen aufgerissen, wie im Internet verbreitete Fotos zeigen.

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Die Lage wird von Tag zu Tag schlimmer. Am Dienstag erreicht RTL-Reporter Thomas Präkelt einen Arzt der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, der in Mariupol ist. Dort sähe es „am dramatischsten aus“, urteilt Präkelt. Die Menschen würden inzwischen Wasser aus den Heizungsrohren trinken, weil es nichts anderes mehr gebe, berichtet Präkelt.

Die örtlichen Supermärkte hätten die Verzweifelten aufgebrochen und geplündert. Ebenso die Apotheken, um an Medikamente zu kommen. „Man kann wirklich nur hoffen für die Menschen, dass sich dort im Laufe des Tages noch etwas tut“, meint Präkelt mit Blick auf den „humanitären Korridor“, der den Einwohnern die Flucht ermöglichen soll.

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Todesopfer aus Mariupol

Wie viele Menschen in Mariupol durch den Beschuss der russischen Armee inzwischen ums Leben gekommen sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch immer wieder gelangen Bilder und Informationen zu einzelnen Todesopfern nach außen. Unter ihnen sind unschuldige Kinder, obwohl Russland nach wie vor angibt, keine zivilen Ziele ins Visier zu nehmen.

Mit erst 18 Monaten stirbt der kleine Kirill. Eine Granate hatte das Wohnhaus seiner Familie getroffen. Schwer verletzt brachten die verzweifelten Eltern ihren Sohn ins Krankenhaus von Mariupol. Die Ärzte versuchen alles, was unter diesen Umständen möglich war, um das Kleinkind zu retten. Aber sie konnten ihm nicht mehr helfen.

Lese-Tipp: Putins Truppen schießen auf unschuldige Kinder – Nach Polina (†10) ist nun auch ihr kleiner Bruder Semyon (5) tot

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Das Trauma der Menschen bleibt - auch wenn der Krieg endet

Diese Frau aus Mariupol hat den Kontakt zu ihrer Tochter verloren und ist in großer Sorge um ihr Kind.
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Es ist schier unvorstellbar, welches Leid die Menschen in der Ukraine, aber gerade auch in Mariupol im Moment durchmachen müssen. Alexey Zaretskiy ist einer der ersten, die am Dienstag (08.03.) aus der Stadt heraus evakuiert werden konnte. „Die Kämpfe finden direkt in den zivilen Wohnvierteln statt“, beschreibt er die Situation und fügt entsetzt hinzu: „In ZIVILEN Vierteln. In denen Menschen leben.“

Eine andere Geflüchtete erzählt von ihrem Mann, der seit drei Tagen tot in den Trümmern ihres zerstörten Hauses liegen würde und nicht geborgen werden kann. Ihre Fluchthelfer hätten ihr versprochen, ihn zu beerdigen und ihr später zu erzählen, wo. Ihre Tochter sei auf der anderen Seite der Stadt, sie hätte keinen Kontakt mehr zu ihr. „Ich weiß nichts über sie. Lebt sie überhaupt noch?“, erzählt sie mit tränenerstickter Stimme und schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen.

Selbst wenn Putins Angriffkrieg irgendwann endet, werden die Menschen das Trauma, das durch den Beschuss und die dramatischen Lebensumstände ausgelöst wurde, wohl niemals überwinden. (lha, mit reuters)

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