Notfallmediziner schlagen mit dramatischen Zahlen Alarm

Fast die Hälfte der Kliniken hat kein Kinder-Intensivbett mehr

RS-Virus breitet sich aus Kinderkliniken schlagen Alarm
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Kinderkliniken schlagen Alarm
RS-Virus breitet sich aus

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von Katrin Koster und Ingo Jacobs

Deutsche Intensiv- und Notfallmediziner beklagen einen dramatischen Bettenmangel in Kinderkliniken. Für eine aktuelle Ad-hoc-Umfrage hatte ihr Verband 130 Kinderkliniken angeschrieben. 110 Häuser haben ihre Daten bereitgestellt. Die Ergebnisse sind katastrophal. Im Video oben erfahren Sie, wie ernst die Lage in den Krankenhäusern wirklich ist.

DIVI: Nur noch 83 freie Betten auf pädiatrischen Kinderintensivstationen

Die Deutsche Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) schlägt Alarm. Viele Krankenhäuser sind schlichtweg überfordert mit der Zahl an Kindern, die derzeit eingeliefert werden. Ergebnis einer aktuellen Ad-hoc-Umfrage der DIVI: Von 110 Kinderkliniken hatten zuletzt 43 Einrichtungen kein einziges Bett mehr auf der Normalstation frei. Lediglich 83 freie Betten gebe es generell noch auf pädiatrischen Kinderintensivstationen in ganz Deutschland – das sind 0,75 freie Betten pro Klinik, also weniger als eines pro Standort.

Bei der Erhebung habe jede zweite Klinik berichtet, dass sie in den vergangenen 24 Stunden mindestens ein Kind nach Anfrage durch Rettungsdienst oder Notaufnahme nicht für die Kinderintensivmedizin annehmen konnten – also der Anfragende weitersuchen musste nach einem adäquaten Behandlungsplatz. „Diese Situation verschärft sich von Jahr zu Jahr und wird auf dem Rücken kritisch kranker Kinder ausgetragen“, so Hoffmann.

Und das, während sich gerade eine RSV-Welle aufbaut, die Notfallmediziner von „Katastrophenzuständen“ sprechen lässt. „Ich habe große Sorge, dass eventuell auch Kinder auf der Strecke bleiben könnten“, warnte Prof. Dr. Florian Hoffmann, Kinder-Intensivmediziner und Divi-Experte aus München, bereits Ende November. „Es ist durchaus ernst, denn wirklich was dagegen tun, das können wir nicht“, warnt auch Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht bei RTL.

Lese-Tipp: Immer mehr Atemwegsinfekte bei Kleinkindern

Keine Kurve mehr - Werte gehen senkrecht nach oben

Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) führen dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge insbesondere bei Kleinkindern vermehrt zu Erkrankungen und Krankenhauseinweisungen. In den kommenden Wochen sei weiter mit weiter steigenden Zahlen zu rechnen, hieß es im RKI-Wochenbericht zur Entwicklung der Corona-Pandemie vom 24. November. Der Kinder-Intensiv- und Notfallmediziner Florian Hoffmann sagte der Deutschen Presse-Agentur zur Entwicklung bei Kleinkindern, es sei keine Kurve mehr, die Werte gingen senkrecht nach oben.

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„Das ist eine katastrophale Situation, anders ist es nicht zu bezeichnen. Deshalb fordern wir die sofortige Optimierung von Arbeitsbedingungen in den Kinderkliniken, den Aufbau telemedizinischer Netzwerke zwischen den pädiatrischen Einrichtungen und den Aufbau von spezialisierten Kinderintensivtransport-Systemen. Wir müssen jetzt endlich handeln“, forderte Hoffmann deswegen am 1. Dezember bei einer Pressekonferenz zur Lage der Kinder-Intensivmedizin im Rahmen des DIVI-Kongresses in Hamburg.

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Zahl akuter Atemwegserkrankungen generell deutlich gestiegen

Bereits im Spätsommer 2021 hatte es eine unüblich hohe RSV-Welle gegeben – die Lage aktuell sei aber schlimmer, sagte Hoffmann. Nicht nur in Deutschland, generell auf der Nordhalbkugel gebe es ein „dramatisches epidemisches Geschehen“. Betroffen seien viele Kinder von ein oder zwei Jahren, die – auch angesichts der Corona-Pandemie und der dagegen getroffenen Maßnahmen – bisher keinerlei Kontakt zum RSV hatten, erklärte Hoffmann.

Das bestätigt auch Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht im Interview mit RTL. „Es war aber damals schon klar, dass es einen Rebound-Effekt geben würde.“ Jetzt, wo wir wieder zum normalen Leben zurückkommen, gebe es wieder mehr Kontakte, und das RS-Virus gebe es eben auch noch. „Und das verbreitet sich natürlich, und jeder, der keine Immunität ausgebildet hat, aufgrund von einer auch nur leichten Infektion von früher, und das sind eben die kleinen Kinder, von eins bis drei ungefähr, die müssen jetzt diese Infektion durchmachen.“

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Frühchen besonders gefährdet: Unter Umständen tödlich

RS sei ein Virus, das immer schon für Kinder gefährlich war, zumindest für ein Teil der Kinder, so Specht, und momentan komme es als Bumerang zurück.

„Es ist ein Virus, das die Atemwege befällt und in der Regel leichte, selbst limitierende, das heißt Erkrankungen, die von selbst wieder aufhören, macht, auch bei kleineren Kindern.“ Aber bei ungefähr zehn Prozent der Betroffenen sorge für richtig schwere, im Krankenhaus zu behandelnde Erkrankungen – zum Teil mit Beatmung nur zu behandelnde Atemwegsinfekte. „Das kann unter Umständen auch tödlich enden, also das ist eine echte Gefahr“, so Specht.

Besonders gefährdet seien Frühchen, da deren Lunge noch nicht richtig ausgereift ist. Wenn sie eine RSV-Infektion bekommen, dann sei das immer kritisch und ende fast immer in der Klinik.

Im RKI-Wochenbericht der vergangenen Woche hieß es, die Zahl akuter Atemwegserkrankungen sei nach Daten der Online-Befragung „GrippeWeb“ im Vergleich zur Vorwoche generell deutlich gestiegen. In der Woche bis 20. November lag sie demnach mit etwa sieben Millionen über dem Bereich vorpandemischer Jahre.

„Wir werden diesen Winter nicht mehr alle versorgen können“

Dies schlägt sich auch in der Erfassung der mit schweren akuten respiratorischen Infektionen (Sari) neu im Krankenhaus aufgenommener Patientinnen und Patienten nieder: Bedingt durch die ungewöhnlich starke RSV-Zirkulation werden deutlich mehr Sari-Fälle bei den bis 4-Jährigen verzeichnet als in den vorpandemischen Jahren und im Vorjahr, wie es vom RKI hieß. Auch in den folgenden Altersgruppen bis 14 Jahre liegen die Sari-Werte demnach auf einem sehr hohen Niveau.

Ein Problem, das besonders die Kinderkliniken belastet. „Die Kinderkliniken haben ein Problem, denn auch hier ist im Winter die Belegung durch diese Infekte höher als im Sommer, und es sind immer wieder die Atemwegsinfekte, die die Intensivstationen bedrängen“, erklärt Specht.

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Hoffnung auf die Zukunft: Impfung für Mütter soll bald kommen

Wie sieht es bei uns vor allem auch mit der Anzahl der Beatmungsgeräte aus? Werden die auch knapp? „Ich denke, vor den Beatmungsgeräten steht noch das Personalproblem. Ich glaube, dass das noch größer ist“, warnt Specht. Denn man müsse wissen, dass Patienten, die beatmet werden, oft nicht nur Sauerstoff bekommen, sondern intubiert werden, und die sehr spezifische Kinderintensivpflege aufgrund des Personalmangels gegebenenfalls nicht mehr bewältigt werden kann. „Wenn man das weiter dekliniert, irgendwann wäre es so, dass Kinder versterben würden. Das wollen wir nicht hoffen“, so der Allgemeinmediziner.

Doch auch wenn die Lage wirklich ernst ist, gibt es laut dem Experten ein „Stern am Himmel“. So erklärt Specht, dass es derzeit zwar keine aktive Impfung gegen das RS-Virus gebe, aber neue Studiendaten der Firma Pfizer so gut seien, dass man bereits darum bemüht ist, schnellstmöglich ein Zulassungsverfahren für den Impfstoff zu bekommen.

„Das ist eine Impfung, wo man aber nicht die Kinder impft, dazu wären sie zu jung. Sie müssten ja quasi vier Wochen alte Kinder impfen, das wird nicht funktionieren, das würde das Immunsystem nicht mitmachen. Sie impfen im zweiten oder dritten Trimenon die Mutter und die gebildeten Antikörper gehen über die Muttermilch auf das Kind über“, so Specht. Wann der Impfstoff genau kommt, ist aber noch unklar.

Bis dahin, so Dr. Specht, „kann man nur hoffen, dass der Anstieg abflacht“. (mit Material von dpa)

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