Heinz Kegl ist seit zwei Jahren hautnah dabei

Vermisstenfall Rebecca Reusch: RTL-Reporter erklärt, wie sehr ihr Verschwinden die Familie verändert hat

19. Februar 2021 - 14:59 Uhr

Rebecca Reuschs Zimmer ist unverändert

Am 18. Februar 2019 verschwand Rebecca Reusch spurlos. Die 15 Jahre alte Schülerin hatte bei ihrer ältesten Schwester Jessica und deren Mann Florian R. übernachtet. Die Polizei glaubt, dass sie das Haus in Berlin-Britz nicht mehr lebend verlassen hat – bis heute gilt der Schwager als einziger Verdächtiger. Die Familie aber steht zu ihm. Die letzten zwei Jahren waren für die Reuschs extrem belastend. Neue Spuren, anonyme Hinweise, Zeugen, üble Anfeindungen vor der eigenen Haustür – und immer wieder auch Hoffnung, "Becci" wieder in die Arme schließen zu können. RTL-Reporter Heinz Kegl berichtet, was die ständige Ungewissheit und der Hass in den sozialen Medien mit einer Familie machen. Er begleitet die Reuschs seit zwei Jahren.

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"Auch, wenn sie tot wäre, würde ich es leichter verkraften, als diese momentane Situation der Ungewissheit“

Die vermisste Rebecca Reusch im Frankreich-Urlaub mit ihrer Familie
Rebecca habe immer gern Fotos und Videos von sich gemacht und machen lassen - so wie hier in einem Frankreich-Urlaub mit ihrer Familie.
© privat

In Rebeccas Zimmer ist die Zeit stehen geblieben. Nichts hat sich verändert. Es scheint, als würde der Teenie jeden Moment nach Hause kommen. Alles ist noch genauso, wie an jenem Tag vor zwei Jahren, als sie es zuletzt verlassen hat. Mutter Brigitte Reusch pflege es noch, habe nichts angerührt. "Immer in der Hoffnung, Rebecca kommt wieder und wird das Zimmer weiter nutzen. So als wäre nichts gewesen", erzählt Kegl. "Es ist auch ein Ort für sie als kleiner Rückzug, wo sie in Momenten, wo sie wieder an Rebecca denkt und in großer Sorge um ihre Tochter ist, auch innehält."

Hoffnung. Ein trügerisches Gefühl. Aufbauend und niederschmetternd zugleich. Die Jahre der Ungewissheit zehren an den Angehörigen. "Die Mutter sagte zu mir einmal in einem sehr engen Moment: Wenn ich wenigstens wüsste, was passiert ist. Auch, wenn sie tot wäre, würde ich es leichter verkraften, als diese momentane Situation der Ungewissheit." Die Familie klammert sich bis heute an die Vorstellung, dass Rebecca entführt wurde, noch lebt. "Sie glauben, irgendwo wird Rebecca festgehalten und man muss sie nur finden, um sie wieder gesund nach Hause zu bringen." Eine These, die Halt geben kann in einer Zeit, in der die Familie unter enormem Druck steht.

Trotzdem habe es auch diese kleinen Momente der Unsicherheit gegeben. "Obwohl die Familie mir gegenüber – vor allem die Mutter – schon auch Andeutungen gemacht hat", erzählt Kegl. "Wenn es so ist, dann muss man sich damit abfinden", soll Rebeccas Mutter gesagt haben. "Aber eine Sekunde später wollte sie es schon nicht glauben."

Hass und Anfeindungen: "Jedes Lächeln wird ihr negativ ausgelegt"

Mutter Brigitte Reusch sucht ihre Tochter Rebecca
Mutter Brigitte Reusch glaubt noch immer daran, dass ihre Tochter Rebecca am Leben ist.
© RTL.de, unbekannt

Die Familie suchte in ihrer Verzweiflung und Sorge die Öffentlichkeit, leierte eigene Suchaktionen und Recherchen an. Immer wieder meldeten sich angebliche Zeugen, wurden ihnen privat anonyme Hinweise zugespielt, die sich am Ende als Lügen entpuppten. Doch die Hoffnung der Familie, auf eigene Faust etwas herauszufinden, aktiv etwas tun zu können, um ihr Kind zu finden, war stärker als die Enttäuschung, wenn wieder eine Suche im Sande verlief, oder eine Spur ins Nichts führte. Am schlimmsten jedoch sei es für die Reuschs gewesen, so schildert es Kegl, dass die Familie in den sozialen Medien aber auch im realen Leben massiven Anfeindungen ausgesetzt war.

Die Mutter sei vor ihrem eigenen Haus beschimpft worden. Man habe sie bedroht und "wirklich verbal komplett fertig" gemacht. "Sie konnten das Haus zum Teil nicht betreten oder verlassen ohne beschimpft und bepöbelt zu werden", sagt der Reporter. "Das war für sie einer der Momente, wo sie den Glauben an die Gesellschaft verloren hat."

Gerüchte verbreiten sich in den sozialen Medien, jede Geste, jeder Satz wird genau unter die Lupe genommen. Eine enorme Belastung, mit der vor allem Brigitte Reusch zu kämpfen habe. "Es wird viel spekuliert von den Leuten, jedes Wort ganz genau auf die Waagschale gelegt. Jedes Lächeln, was die Mutter vielleicht krampfhaft aufsetzte, wenn es ihr auch nicht zum Lachen ist, wird ihr negativ ausgelegt." Das schmerze die Familie. Speziell die Mutter "kann sehr schwer umgehen damit, dass sie da diskriminiert wird".

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Schwiegersohn Florian R. im Fokus der Ermittler

Schwager
Florian R., der Schwager der vermissten Rebecca Reusch, ist nach wie vor der einzige Verdächtige in dem Fall.

Gerade die ersten Wochen nach Rebeccas Verschwinden seien von Hektik geprägt gewesen. Der Schwiegersohn wurde zwei Mal festgenommen und wieder freigelassen, Anschuldigungen gegen ihn erhoben. Ein Schock für die Familie. "Da waren sie sehr entsetzt, als es geheißen hat, Florian wurde verhaftet. Und das zwei Mal", so der Journalist. Die Eltern sehen Florian als Opfer, verteidigen ihn. "Aber das ist vielleicht immer so, wenn ein naher Angehöriger in den Verdacht rückt, bei einem Verbrechen irgendwo mit beteiligt zu sein. Dass man den versucht, zu schützen bis zur letzten Konsequenz." Trotzdem habe es auch leise Zweifel gegeben. "Da kam schon auch der Moment auf, wo man sagte: Vielleicht ist da was dran. Die Unsicherheit war gegeben, auch innerhalb der Familie. Wenn auch nur für eine ganz kurze Zeit. Er ist wie ein eigener Sohn, sagt die Mutter. Er ist nicht der Täter, so die Familie. Die Polizei sieht das natürlich anders."

Die Ermittler glauben fest daran, dass Florian R. etwas mit dem Verschwinden von Rebecca Reusch zu tun hat – auch, wenn ihnen der eine entscheidende Beweis fehlt, um das zu belegen. Indizien zeichnen ein Bild, für einen Haftbefehl, gar einen Prozess, reicht es nicht. "Die Polizei hat nicht allzu viel herausgefunden, es gibt keine kriminalistischen Spuren, die eindeutig nachweisen, dass Florian der Täter sein könnte. Daher ist es auch für die Familie sehr schwer zu glauben, dass er damit was zu tun hat. Nicht nur emotional."

Florian R. war am Morgen des 18. Februar mit Rebecca alleine im Haus, das belegen der Polizei zufolge Handybewegungen und Routerdaten. Danach verliert sich die Spur der damals 15-Jährigen. Vor allem auch zwei Autofahrten des Schwagers am 18. und 19. Februar in seinem himbeerroten Renault Twingo geben den Beamten Rätsel auf. Hier verstrickte sich der damals 27-Jährige in Widersprüche, machte sich verdächtig. Ein Zeuge meldete sich, will den Wagen am 18. Februar in einem Waldstück bei Kummersdorf gesehen haben. Erst kürzlich erzählte eine damalige Zeugin in einem investigativen Podcast, sie habe ebenda einen "auffälligen Mann" gesehen. War es der gelernte Koch, der die Leiche von Rebecca Reusch in dem dünn besiedelten, dicht bewaldeten Gebiet zwischen Berlin und der polnischen Grenze versteckte? So zumindest lautet die Vermutung der Ermittler. In demselben Podcast sprach auch eine angebliche Ex-Freundin namens Angie und erhebt schwere Vorwürfe gegen Florian R.. Er sei fremdgegangen und soll sie geschlagen haben. In der Beziehung sei es auch zu sexueller Gewalt gekommen. Beweisen könne sie dies nicht, sie habe damals auch keine Anzeige erstattet.

Kritik an der Arbeit der Polizei: Router falsch ausgelesen?

Die Reuschs sind mit der Arbeit der Polizei "nicht glücklich", formuliert es Heinz Kegl vorsichtig. "Die Familie ist der Meinung, der Kontakt ist zu wenig, man tauscht sich zu wenig aus, sie haben zu wenig Informationen und man geht nicht allen Hinweisen, die sie ihnen auch vielleicht geben, hundert Prozent akribisch nach." Auch verstehe man überhaupt nicht, weshalb sich die Polizei schon so frühzeitig auf Florian R. als Tatverdächtigen eingeschossen habe.

Vor allem die Analyse der Routerdaten, auf die die Polizei unter anderem ihren Verdacht gegen Rebecca Reuschs Schwager stützt, kritisieren die Eltern. Den Ermittlern zufolge habe sich Rebeccas Handy um 08:30 Uhr ein letztes Mal in den Router eingewählt, Rebeccas Familie bezweifelt das, sagt, dass das Handy um 07:46 Uhr zum letzten Mal eingeloggt war. Zwischen 07:30 und 08:00 Uhr habe sie noch ein Foto gemacht und es ihrer Freundin via Snapchat geschickt. Ihr vermutlich letztes Lebenszeichen. "Die Familie selbst glaubt, wenn auch das Handy nicht mehr eingeloggt war, könnte sie das Haus verlassen haben. Da sie das Internet nicht mobil hatte auf dem Handy, könnte sie sich woanders eingewählt haben." Hat sie das Haus also doch freiwillig verlassen?

Fragen, die Rebeccas Eltern jeden Tag quälen. Seit zwei Jahren schon. "Dieses Fragezeichen ist immer in den Köpfen der Eltern", sagt Heinz Kegl. "Die stellen sich Tag und Nacht immer die gleichen Fragen: Wo ist Rebecca? Was ist passiert? Wie wird das Ganze enden? Und wann wird es enden?" Brigitte Reusch habe ihm einmal gesagt: Die Hoffnung stirbt zuletzt. "Und das ist auch das Credo, das sie noch immer verfolgen."