„Ich fühle mich auch schuldig, dass ich da nicht hingefahren bin, das ist klar. Aber ich hätte alles machen können."
Wilfried K. ist verzweifelt. Kann den Tod seines Sohnes nicht verstehen. Er hat, wie er selbst sagt, alles verloren.
„Ich liege jetzt seit zwei Wochen jede Nacht neben meinem Sohn, neben dem Sarg, schlafe neben ihm, weil das die einzige Möglichkeit ist, wo ich ihm nachts noch durch ihre Haare kraulen kann, wo ich ihn sehen kann, wo ich ihn fühlen kann."
Es ist der 9. Januar. Kevin geht mit Freunden nachts in diesem Waldstück in Warburg in Nordrhein-Westfalen zur Jagd – er selbst sitzt hier auf dem Hochsitz, als ihn plötzlich eine Kugel trifft. Er stirbt. Sein Kumpel soll von einem anderen Hochsitz aus abgedrückt haben, doch der war über 170 Meter entfernt. Wilfried K. glaubt die Version nicht, hat einen Verdacht.
„Da kann er nicht draufgesessen haben. Weil, wenn ich von da sitze, kann ich diesen Hang hier nicht hochschießen. Ist unmöglich, geht nicht. Der muss hier herumgelaufen sein. Außerhalb vom Hochsitz muss er meinen Sohn hier abgeknallt haben."
Zuerst gehen die Ermittler von einem tragischen Jagdunfall aus, doch mittlerweile ermittelt die Polizei wegen fahrlässiger Tötung. Nicht nur für den Vater ein schwacher Trost. Auch Kevins Freundin Henriette schläft seit Wochen nicht mehr, kann – wie sie sagt – keinen klaren Gedanken mehr fassen.
„Jetzt kann ich auch gar nicht mehr weinen, weil das einfach – man hat keine Kraft mehr. Er war drei Tage vorher noch bei mir. Wir hatten die schönste Zeit der Welt. Wir haben bald unsere Wohnung zusammen und unser ganzes Leben geplant. Und dann? Ab da ist einfach alles nur noch wie so ein Albtraum, der niemals aufhört."
Der 23-Jährige und die Studentin wollten heiraten, hatten schon Urlaube geplant. Nun plant sie seine Beerdigung mit. Sie hat Kevins letztes Outfit ausgesucht. Sein Vater ist Tag und Nacht bei ihm, das ist er ihm schuldig, wie er sagt.
Auch Kevins Freunde waren in den vergangenen Wochen immer wieder hier, haben persönliche Dinge zu ihm gelegt, einen letzten Gruß mitgegeben.
Mittlerweile wurde Kevin beerdigt. Nicht nur seine Familie hofft, dass die Zeit jetzt irgendwie die Wunden heilt und sie erfahren, wie Kevin genau ums Leben kam.