"Ich habe persönlich das Gefühl, dass nur einseitig in Richtung des Schwagers ermittelt wird"

Rebecca Reusch: Anwalt der Familie kritisiert die Staatsanwaltschaft

12. Oktober 2020 - 9:29 Uhr

Keine Beweise für eine Gewalttat

Seit über einem Jahr wird Rebecca Reusch aus Berlin vermisst. Polizei und Staatsanwaltschaft starteten kurz nach ihrem Verschwinden eine intensive Suche nach der Schülerin - der Fokus der Ermittlungen liegt vor allem auf ihrem Schwager. Die Ermittler gehen von einem Tötungsdelikt aus. Das kritisiert der Anwalt der Familie nun, denn laut Khubaib-Ali Mohammed haben sich die Behörden bei den Ermittlungen zu sehr auf eine Richtung festgelegt, obwohl es keine Beweise gibt, dass Rebecca getötet wurde.

Er beklagt eine weitere Panne: Das damalige Fahndungsfoto sei ungeeignet. Selbst Rebeccas Vater hätte seine Tochter darauf nicht erkannt. Um welches Foto es sich handelt und wie die Staatsanwaltschaft auf die Kritik reagiert, sehen Sie im Video.

"Keine Kampfspuren, keine Blutspuren, keine sonstigen Spuren"

Die Schülerin gilt seit über einen Jahr als vermisst
Fahndungsfoto nach Rebecca Reusch
© dpa, ---, dna wst

Für eine Aufklärung im Fall Rebecca Reusch ist es für die Familie wichtig, dass alle Ermittlungsansätze verfolgt werden. Laut ihrem Anwalt habe sich die Staatsanwaltschaft im letzten Jahr zu sehr darauf versteift, dass die Schülerin einem Tötungsdelikt zum Opfer gefallen sei. Im RTL-Interview stellt Khubaib-Ali Mohammed klar, dass es laut aktuellem Stand keine Hinweise auf eine Gewalttat gebe. "Also konkret gibt es keine Kampfspuren, keine Blutspuren, keine sonstigen Spuren, die darauf hinweisen, dass es eine körperliche Auseinandersetzung sowohl im Haus als auch außerhalb gab", so der Rechtsanwalt.

Der Schwager ist seit Anfang der Ermittlungen im Visier der ermittelnden Behörden. Nachdem er 2019 für einige Tage in Untersuchungshaft genommen wurde, ließ man ihn wieder laufen. Eine großangelegte Öffentlichkeitsfahndung nach seinem PKW wurde gestartet. Nach der Tat wurde sein Kennzeichen auf der Autobahn Richtung Frankfurt (Oder) erfasst, in unmittelbarer Umgebung kam es zu Suchaktionen - ohne konkretes Ergebnis. "Ich habe persönlich das Gefühl, dass nur einseitig in Richtung des Schwagers ermittelt wird", erklärt Khubaib-Ali Mohammed.

Er zieht dabei auch einen Vergleich zu den NSU-Ermittlungen: Hier wurde über 10 Jahre an der falschen Ermittlungshypothese festgehalten, dass es sich um Schutzgelderpressungen handelt. Die Morde konnten erst Jahre später aufgeklärt werden. "Genauso drängt sich der Eindruck im Fall Rebecca auf", sagt der Rechtsanwalt im Interview. Der Fokus der Ermittlungen müsse sich erweitern.

Staatsanwaltschaft weist Kritik zurück

Die ermittelnde Behörde in Berlin kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen, sie geht weiterhin von einem Gewaltverbrechen aus. "Leider entspricht das nicht unseren Ermittlungsergebnissen. Wir müssen leider davon ausgehen, dass sie Opfer eines Tötungsverbrechens geworden ist und an diesen Fakt müssen wir uns halten", so Martin Steltner, Pressesprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Für ihn ist es aber nachvollziehbar, dass die Familie den Gedanken aufrecht erhalten will, ihre Tochter sei noch am Leben. Das entspreche aber nicht den Ermittlungserkenntnissen.

Ob die Staatsanwaltschaft bei der Auswahl des Fahndungsfotos richtig gehandelt hat, erklärt er im Video.