Jugendreporter Marc Luca Sleegers (16) will es wissen

RTL-Jugendreporter: Ist unser Schulsystem veraltet?

12. November 2021 - 11:23 Uhr

72% aller Deutschen halten unser Schulsystem für altmodisch und unflexibel

von Marc Luca Sleegers

"Wir sind Schüler von heute, die in Schulen von gestern mit Lehrern von vorgestern und Methoden aus dem Mittelalter auf die Probleme von morgen vorbereitet werden." Dieses provokante Zitat von Dr. Peter Pauling (Professor für Schulpädagogik) findet man immer wieder im Internet oder in YouTube-Videos, wenn es um die Lernmethoden an unseren Schulen geht. Wir haben zwar in vielen Bereichen moderne, digitale Technik, aber der Großteil der Schüler und Eltern findet, dass die viel zu wenig eingesetzt wird. Das bestätigt auch eine Forsa-Umfrage, die ich zusammen mit meinem Vater, "Punkt-12"-Reporter Thorsten Sleegers, in Auftrag gegeben habe.

Ich befrage Verantwortliche aus der Politik zum deutschen Schulsystem und bekomme nach mehrmaligem Nachhaken eine persönliche Antwort von Bildungsministerin Karin Piel aus Schleswig-Holstein. Was sie dazu sagt, sehen Sie im Video.

Arbeitspensum und Lerntempo selbst bestimmen - Berliner Schule macht es vor

Evangelische Gesamtschule Berlin Zentrum
Jelde (15) und Max (15) zeigen unserem Jugendreporter ihren Schulalltag
© RTL, Michael Matz

Für meine Reportage besuche ich die Evangelische Schule Berlin Zentrum, kurz ESBZ. Das ist eine Gemeinschaftsschule, in der jahrgangsübergreifend unterrichtet wird, also die Klassen 7 bis 9, dann die sogenannte Verbindungsstufe mit den Klassen 10 und 11. Die Oberstufe ist dreistufig mit den Klassen 11 bis 13, wo die Schüler schließlich ihr Abitur machen können. Als ich an der Schule ankomme, fühlt es sich ein bisschen so an wie mein erster Schultag. Ich weiß gar nicht genau, was mich erwartet. Super ist auf jeden Fall, dass es hier erst um 8:30 Uhr los geht, und nicht wie bei mir, schon um 8 Uhr. Jelde und Max gehen beide in die 10. Klasse und nehmen mich mit durch ihren Schulalltag.

Der fängt schon mal ziemlich entspannt an, denn die beiden haben einen ganzen Klassenraum für sich alleine, später stoßen noch drei weitere Schüler dazu. Es ist Projektunterricht, sie arbeiten eigenständig an der Entwicklung einer neuen Schülerzeitung. Das Ganze ist Teil des sogenannten Kommunikationsbandes. Im letzten Halbjahr ging es um Literatur und Deutsch, jetzt ist das Projekt Schülerzeitung dran. Lehrer sind nicht dabei, aber stets ansprechbar in sogenannten Lernbüros.

Natürlich werden die normalen Hauptfächer unterrichtet, das ist auch hier so vorgeschrieben, aber eben anders als den meisten anderen Schulen. Hier ist Raum für mehr, vor allem für ganz viel Praxis, wie z.B. Arbeiten in einer Holzwerkstatt oder Theateraufführungen mit allem, was dazu gehört, wie Beleuchtung, Kostüme nähen oder Marketing.

"Unsere Schule macht glücklich"

Schule muss begleiten und auf das Leben vorbereiten
Jugendreporter Marc Luca (16) im Gespräch mit Schulleiter Uli Marienfeld
© RTL, Thorsten Sleegers

Die Tür zum Büro des stellvertretenden Schulleiters Dr. Uli Marienfeld steht offen. Die Schulleiterin befindet sich während unserer Dreharbeiten in Mutterschutz. Vom Büro aus kann ich direkt auf den Schulhof schauen. Mir fällt auf, dass die Stimmung an dieser Schule extrem entspannt und gut ist. Obwohl das Gebäude von außen kein Schmuckstück ist, wie so viele andere deutsche Schulen, gibt es innen um so mehr Überraschungen, die mich total begeistern.

"Jede zählt, Jeder ist einzigartig. In den Unterschieden der Kinder sehen wir eine große Chance, die wir bewusst bejahen", heißt es auf der Website der ESBZ. Das hat mich direkt begeistert, denn meine größte Kritik am Schulsystem ist, dass wir alle das Gleiche lernen müssen, obwohl wir alle unterschiedlich sind. Da laufe ich bei Dr. Uli Marienfeld offene Türen ein. Das Konzept gibt ihm und seinem Team recht. Schüler werden zur Eigenständigkeit ermutigt, Lehrer begleiten, leiten an. Klassischer Frontalunterricht ist eher selten. Es wird viel in Lerngruppen gearbeitet. Da können sich die Schüler gegenseitig helfen, sich Zusammenhänge erklären. "Das prägt sich besser ein", erzählt mir ein Schüler der Klasse 9. Gerade die Gruppenarbeit sei perfekt, weil da nicht einer alles alleine machen müsse, sondern die Arbeit auf die Gruppe verteilt würde.

Man kann an der Schule folgende Abschlüsse machen: Mittlerer Schulabschluss (MSA) nach Klasse 10 , die erweiterte Berufsbildungsreife (EBBR) nach Klasse 10 und die Berufsbildungsreife (BBR) nach Klasse 9 oder 10. Die Oberstufe ist dreistufig, Klasse 11-13. Der Notendurchschnitt im Abitur liegt bei 1, 9, deutlich höher als bei anderen Gesamtschulen und vergleichbar mit den Abschlüssen der Berliner Elite-Gymnasien.

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Projektarbeit statt Klausur

Hier lernen die Schüler:innen das Drechseln
Projektunterricht "Holzwerkstatt"
© RTL, Michael Matz

Der Berliner Senat hat der ESBZ sogar erlaubt, in den Leistungskursen weniger Klausuren zu schreiben und diese durch Ersatzleistungen aus dem Projektunterricht zu ersetzen. Eine tolle Idee, finde ich, denn hier geht man sehr gezielt auf die Interessen und Begabungen der einzelnen Kinder und Jugendlichen ein.

Wie das genau funktioniert und wie die Schüler dieses für Deutschland besondere Konzept erleben, das sehen Sie im Video.

Der ausführliche Talk mit der Schulleitung

Ich bin sehr begeistert von der Berliner Schule. Sicherlich werden sich Experten immer über Schulkonzepte streiten, vor allem, wenn vieles so anders ist, wie hier. Aber die Stimmung und die Leistungen sprechen für sich, finde ich. Während meiner Dreharbeiten habe ich ein ausführliches und sehr spannendes Interview mit dem stellvertretenden Schulleiter Dr. Uli Marinefeld gemacht. Das hat natürlich nicht komplett in meine TV-Reportage gepasst, und deshalb gibt es auch das in aller Ausführlichkeit online hier bei RTL.de.