Ohne Impfung besser geschützt? RTL-Faktenchecker widersprechen!

Impfgegner Marcus Fuchs auf dem "Heißen Stuhl": Omikron-Behauptung sorgt für Gelächter im Studio

18. Januar 2022 - 9:31 Uhr

Querdenker argumentiert mit angeblichen RKI-Zahlen zu Omikron - RTL macht den Faktencheck

RTL-Politikchef Nikolaus Blome bittet Impfgegner Marcus Fuchs bei "stern TV" auf den "Heißen Stuhl". Der 36-Jährige ist Kopf der sogenannten Querdenker-Bewegung in Dresden. In der Sendung behauptet er unter anderem: "Wer ungeimpft ist, hat ein geringeres Risiko, sich mit Omikron anzustecken." Gelächter im Publikum und Widerspruch von Nikolaus Blome. Zudem unterstellt er der Firma Pfizer, die den Biontech-Impfstoff mitentwickelt hat, Fehler und vertritt die Meinung, die Corona-Impfung an sich schütze ja überhaupt nicht.

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Ungeimpfte sollen angeblich besser gegen Omikron geschützt sein

Das Faktenchecker-Team von RTL und Stern überprüfen die verschiedenen Aussage von Marcus Fuchs – und widerlegen sie.

Zum einen sagt der 36-Jährige während der Sendung: "Mein Risiko an Corona zu erkranken ist viel geringer, gerade erst wieder hat das RKI Zahlen veröffentlicht, die eindeutig zeigen: Wer ungeimpft ist, hat ein geringeres Risiko sich mit Omikron anzustecken." Recherche-Experte Tobias Hamelmann erklärt: "In seiner Aussage, dass Ungeimpfte ein geringeres Risiko haben, sich mit Omikron zu infizieren, bezieht sich Fuchs auf eine falsche Zahl des RKI, die mittlerweile korrigiert wurde." In seinem fehlerhaften Wochenbericht vom 30. Dezember 2021 hat das Robert Koch-Institut (RKI) nämlich bei ihrer Aktualisierung versehentlich die Textversion vom 23. Dezember genommen, so sind falsche Zahlen bezüglich der vermeintlichen Tatsache, dass Ungeimpfte weniger ansteckend sind als Geimpfte, entstanden.

Trotzdem fand diese Behauptung eine relativ große Verbreitung, vor allem durch den Podcast von Apolut. Interessant: Apolut ist dafür bekannt, recht fragwürdige und eher verschwörungstheoretische Inhalte zu verbreiten. Bei Telegram zum Beispiel – ebenfalls bekannt für bedenkliche Inhalte – hat Apolut 120.000 Abonnenten. Es könnte daher gut möglich sein, dass der RKI-Fehler dafür genutzt wurde, die falschen Zahlen über beliebte Kanäle von Corona-Kritikern zu verbreiten.

Lese-Tipp: "stern TV" verpasst? Die gesamte Sendung mit den Highlights hier zum Nachlesen!

Omikron ist infektiöser - und daher gefährlich für Ungeimpfte

Eine aktuelle Studie aus Großbritannien zeigt, dass die Corona-Impfung sehr wohl auch gegen die infektiöse Virus-Variante Omikron schützt. Ausschließen, dass sich auch Geimpfte infizieren, kann man aber vor allem deswegen nicht, weil diese Mutation viel ansteckender ist als der Ursprungstyp des Virus oder andere Varianten wie Delta. Somit liegt auf der Hand, dass die Wahrscheinlichkeit, sich mit Omikron zu infizieren, für alle Menschen höher ist – egal ob ungeimpft oder geimpft. Besser geschützt sind diejenigen, die bereits ihren Booster, also ihre Auffrischungsimpfung erhalten haben und somit ein drittes Mal gegen Covid-19 geimpft wurden.

Fakt ist aber, dass Geimpfte weniger häufig schwere Verläufe durchmachen und auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Womit wir auch schon beim nächsten Fakt wären.

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Behauptung: Impfung schützt überhaupt nicht

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Die Corona-Impfung bietet noch immer den besten Schutz vor einer schweren Erkrankung.
© imago images/Future Image, Christoph Hardt via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Marcus Fuchs polarisiert im Talk unter anderem mit folgender Behauptung: "Die Impfung schützt nachweislich weder vor Ansteckung noch vor Übertragung noch vor Tod. Das sagt das RKI selbst, das sagen die Daten vom RKI selber." RTL-Politikchef und Moderator Nikolaus Blome hat sofort eine Antwort parat: "Herr Fuchs, nichts schützt vor dem Tod – weil der kommt immer."

Auch der restliche Bestandteil des vermeintlichen Fakts lässt sich schnell widerlegen, da sich bereits viele Experten zur Corona-Impfung geäußert haben. Schon lange ist datenbasiert nachgewiesen, dass Geimpfte besser vor einem schweren Covid-19-Verlauf geschützt sind und weniger häufig auf der Intensivstation landen als diejenigen, die die Impfung gänzlich ablehnen. Somit ist es faktisch nicht richtig, dass die Impfung nicht schützen würde.

Dass die Vakzine von Biontech/Pfizer, Moderna und Co. nicht vor einer Ansteckung oder Übertragung von Sars-CoV-2 schützen, das ist an sich richtig und lange bekannt; Gegenteiliges wurde nie behauptet. Dass es zu Impfdurchbrüchen kommen kann, sprich, dass sich auch Geimpfte mit dem Virus – insbesondere den Mutationen wie Delta und Omikron – infizieren können, ist nicht neu. Aber es ist normal, weil die Viren mutieren und die Impfstoffe eben vordergründig entwickelt wurden, um tödliche und schwere Erkrankungen zu verhindern. Hat sich ein Geimpfter mit dem Virus infiziert, hat er in der Regel einen leichten Verlauf und kann die Erkrankung besser wegstecken.

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Wurden bei der Zulassungsstudie von Pfizer Daten manipuliert?

In den Fokus gerät in der Diskussion auch immer wieder die Corona-Impfung. Marcus Fuchs behauptet, bei der Zulassungsstudie von Pfizer seien Daten manipuliert worden. Auf den ersten Blick scheint das zunächst zu stimmen: Eine Regionaldirektorin der "Ventavia Research Group", einem Subunternehmen aus Texas (USA), das für Pfizer Covid-Studien durchgeführt hat, hat in der renommierten Fachzeitschrift "British Medicine Journal" Vorwürfe gegen Studien erhoben, die im Herbst 2020 von Ventavia durchgeführt wurden. Sprich, noch bevor der Impfstoff zugelassen wurde. Laut eigener Angabe habe sie dem BMJ umfangreiches Material bereitgestellt.

Zu den Hauptvorwürfen von Brook Jackson gehören, dass in dieser Zeit Daten gefälscht und Patienten "entblindet" worden sein sollen, sowie dass angeblich unzureichend ausgebildete Impfärzte beschäftigt gewesen sein sollen. Das frühzeitige und versehentliche Entblinden könnte im größeren Umfang erfolgt sein. Aber was genau ist damit gemeint? Handelt es sich um eine Blindstudie, die in der medizinischen Forschung häufig eingesetzt werden, bekommt eine Gruppe der Versuchspersonen einen zu testenden Arzneistoff verabreicht, wohingegen der anderen Probanden-Gruppe nur ein Placebo verabreicht wird. Weder die eine noch die andere Gruppe weiß, was sie bekommen hat, beide sollen gleichermaßen über Wirksamkeit und Nebenwirkungen berichten. Hat es aber, wie Jackson behauptet, ein frühzeitiges Entblinden gegeben, könnten so die Forschungsergebnisse beeinflusst worden sein.

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Keinerlei Auswirkung auf den Impfstoff als solchen

Aber: Die Zahl der Ventavia-Probanden ist nur ein relativ kleiner Bruchteil der weltweiten Probanden aus diesem Zeitraum. Inzwischen sind Millionen von Menschen geimpft worden. Das bedeutet: Selbst wenn die Vorwürfe stimmen, haben sie wenig Aussagekraft in Bezug auf die Pfizer-Impfstoffe. Zudem muss man festhalten, dass Brooks lediglich zwei Wochen, im September 2020, bei Ventavia beschäftigt war.

Auch die EMA (European Medicines Agency) hat sich schriftlich zu dem Vorfall geäußert: "Die EMA kam zu dem Entschluss, dass die festgestellten Mängel die Qualität und Vollständigkeit der Daten aus der Hauptstudie von Comirnaty nicht gefährden und keinen Einfluss auf die Nutzen-Risiko-Bewertung oder auf die Schlussfolgerungen zur Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität des Impfstoffs haben." An dieser Hauptstudie haben, so heißt es weiter, rund 44.000 Personen an 150 Standorten der Welt teilgenommen, an der Ventavia-Studie nur rund 1.000 Personen an drei Standorten, die allesamt in den Vereinigten Staaten liegen.

Insgesamt lässt sich also sagen, dass ein Subunternehmen von Pfizer in einem begrenzten Zeitraum unsauber bei der Anfertigung klinischer Studien gearbeitet hat, das aber weder Auswirkungen auf die weiteren Studien hatte und sich, aufgrund der geringen Anzahl der Probanden, keinerlei Aussagekraft zu der Wirksamkeit des Impfstoffes nachweisen lässt. (rsa/vdü)

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