Witwe und Sohn fordern 100.000 Euro Schadenersatz

Ischgl-Prozess um Corona-Opfer: Staat Österreich lehnt Vergleich ab

Bei Après-Ski-Partys, unter anderem im "Kitzloch", verbreitete sich das Coronavirus in Ischgl rasant.
Bei Après-Ski-Partys, unter anderem im "Kitzloch", verbreitete sich das Coronavirus in Ischgl rasant.
© imago images/Roland Mühlanger, Bildagentur Muehlanger via www.imago-images.de, www.imago-images.de

17. September 2021 - 17:29 Uhr

Staat Österreich hält Klage für grundlos

Beim ersten Prozess um den folgenschweren Corona-Ausbruch im Tiroler Skiort Ischgl hat der österreichische Staat eine einvernehmliche Lösung und Vergleichsverhandlungen abgelehnt. Die Republik vertritt die Auffassung, dass Regierung und Behörden mit dem damaligen Wissen über das Virus richtig handelten und die Klage deshalb grundlos ist – dies wurde zum Auftakt des Verfahrens am Freitag deutlich. Vor dem Wiener Landgericht fordern die Witwe und der Sohn eines an Covid-19 gestorbenen Österreichers, der sich bei der chaotischen Abreise aus Ischgl angesteckt haben soll, rund 100.000 Euro Schadenersatz vom Staat.

+++ Alle aktuellen Corona-Entwicklungen finden Sie jederzeit in unserem Live-Ticker +++

Sohn von Corona-Opfer will Gerechtigkeit

"Mir geht es um Gerechtigkeit", betonte der Sohn am Rande des Prozesses. "Falls es einen Schadenersatz gibt, werden wir das Geld natürlich spenden", sagte er und verwies auf karitative Organisationen. Sein 72-jähriger Vater starb im April 2020 mit einer schweren Covid-19-Erkrankung, kurz nachdem er von einem Skiurlaub mit Freunden aus dem Après-Ski-Paradies zurückgekehrt war.

Mindestens 15 weitere Angehörige klagen auf Schadenersatz

Die Familie des Österreichers ist nicht die einzige, die auf Schadenersatz klagt. Auch mindestens 15 andere Angehörige sind der Ansicht, dass Österreichs Behörden im März 2020 zu spät auf die ersten Infektionen in Ischgl reagierten, und dass die unkontrollierte Massenabreise der Gäste zu weiteren Ansteckungen sowie zur Verbreitung des Virus in Europa führte.

In den kommenden Wochen erwartet auch die Deutsche Dörte Sittig aus der Nähe von Köln ihren Gerichtstermin in Wien. Schon am Freitag beobachtete die Partnerin eines verstorbenen Wintersportlers vor Ort den ersten Prozess. Sie wolle hauptsächlich ein Schuldeingeständnis des Staats, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. "Ich erwarte einfach, dass man sagt: Da haben wir nicht rechtzeitig reagiert."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Reisende trugen Coronavirus von Ischgl in ihre Heimatländer

Der auch bei Deutschen beliebte Ski- und Partyort wurde im März 2020 wegen steigender Fallzahlen plötzlich geschlossen. Reiserückkehrer trugen das Virus in viele Heimatländer weiter. Der erste Corona-Fall Ischgls wurde am 7. März gemeldet: Ein 36-jähriger deutscher Barkeeper aus der Après-Ski-Bar "Kitzloch" war positiv getestet worden.

Klägeranwalt: Behörden reagierten zu spät

Laut Klägeranwalt Alexander Klauser sind rund 11.000 Corona-Fälle in verschiedenen Ländern auf Ischgl-Heimkehrer zurückzuführen. Behörden hätten aus wirtschaftlichen Überlegungen keine ausreichenden Gesundheitsmaßnahmen festgelegt. Außerdem habe Österreichs Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am 13. März eine Quarantäne für Ischgl ohne Vorbereitungszeit verkündet. Tausende Urlauber seien dadurch chaotisch und dicht an dicht gedrängt geflohen. "Wer sich noch nicht in der Woche davor mit dem Coronavirus infiziert hatte, infizierte sich jetzt in überfüllten Pkws und Skibussen", sagte Klauser vor Journalisten.

Klauser forderte wissenschaftliche Gutachten und Behördenprotokolle. Außerdem schlug er eine dreimonatige Pause des zivilrechtlichen Prozesses vor. In dieser Zeit würde sich herausstellen, ob die Staatsanwaltschaft Innsbruck wegen der Causa Ischgl strafrechtliche Anklagen gegen Behördenvertreter erheben werde. Doch die Richterin wies ihn ab. Da alle relevanten Informationen über das Handeln der Behörden bekannt seien, schloss sie das Verfahren und kündigte ein schriftliches Urteil an. Das könne mehrere Wochen dauern, sagte eine Gerichtssprecherin.

RTL-Reporter Christof Lang infizierte sich mit Corona

Auch RTL-Reporter Christof Lang infizierte sich während seines Skiurlaubs mit dem Coronavirus. Schon nach seiner Rückkehr nach Deutschland beschrieb er eine "Wegschau-Mentalität in Ischgl und Umgebung". (dpa/bst)