Jahrzehntelang hat sie so getan, als könne sie lesen und schreiben, in der Schule, beim Einkaufen, im Job, sogar in ihrer Beziehung. Als Jessica Tepass aus Wesel mit 18 Jahren die damalige Sonderschule verlässt, fehlen ihr diese grundlegenden Fähigkeiten.
In der Schulzeit habe ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Aber mit der Lehrerin war oder ob die Schüler waren, die mich gehänselt haben. Da bin ich ja wollte ich eine Ausbildung machen. Aber dann bin ich schwanger geworden mit meinem ersten Kind und ja, dann hab ich das auch schleifen lassen mit dem Lesen und Schreiben.
Danach mogelt sie sich durchs Leben, ständig mit der Angst aufzufallen. Briefe und Formulare werden zur Belastung, landen meistens ungeöffnet in der Schublade. Tägliche Situationen, die für andere selbstverständlich sind, bedeuten für Jessica Tepass Stress und Scham.
Ich habe mich teilweise nicht getraut, einkaufen zu gehen, weil ich Angst hatte, dass ich irgendwie blöde Bemerkungen kriege oder ausgelacht zu werden.
Der Wendepunkt kommt zu Hause vor einem Formular, das sie nicht versteht. Tränen, Überforderung. Und dann der Entschluss: Jetzt muss sich etwas ändern. Vor zwei Jahren wagt sie den Schritt zur Volkshochschule Wesel und meldet sich zu einem Lese und Schreibkurs für Erwachsene an. Jessica Tepas ist eine von mehr als 6 Millionen deutschsprachigen Erwachsenen hierzulande mit einer Lese und Rechtschreibschwäche, so eine repräsentative Leostudie, Das sind rund 12 % aller Erwachsenen. Dabei ist nicht jeder gleich betroffen. Fachleute unterscheiden zwischen Legasthenie, einer medizinisch diagnostizierten Lernstörung und funktionalem Analphabetismus, bei dem Lesen und Schreiben nie ausreichend gelernt wurde. Es gibt nicht den einen Grund, warum die Zahl so hoch ist. Häufig sind es familiäre, schulische oder persönliche Faktoren wie fehlende Unterstützung der Eltern, so der Direktor der Volkshochschule.
"Entweder, weil Mama und Papa das nicht richtig beibringen konnten oder weil nicht zu Hause vorgelesen wurde. Aber die kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Das ist also kein Unterschichtsphänomen."
Doch Hilfe wie an der VHS Wesel erreicht längst nicht alle. Viele Betroffene wissen gar nicht, dass es Lese und Schreibkurse für Erwachsene gibt. Andere trauen sich nicht, solche Angebote anzunehmen. Die Scham ist zu groß. Gleichzeitig gibt es viele Vorurteile gegenüber dem Betroffenen. Lesen und Schreiben haben Jessica Tepas ein Stück Selbstständigkeit zurückgegeben. Und doch bleiben viele Betroffene unsichtbar, aus Scham und Angst. Sie hat Mut bewiesen, Hilfe anzunehmen und damit gezeigt, dass jeder Mensch jederzeit neu anfangen kann.