Wer muss auf Hilfe warten?

„Entsetzliche Entscheidung“ steht bevor: Ärzte bereiten sich auf Triage vor

Triage: Wenn die Lage auf der Intensivstation ernst wird, muss das medizinische Personal im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden.
Triage: Wenn die Lage auf der Intensivstation ernst wird, muss das medizinische Personal im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden.
© sudok1

26. November 2021 - 7:44 Uhr

Krankenhäuser haben keine andere Wahl

Patienten müssen verlegt werden, die Infektionszahlen brechen laufend Rekorde, in den Schulen verschärft sich die Situation. Sogar die Bundeswehr will jetzt helfen. Dennoch: Die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich angesichts der stark steigenden Zahl von Corona-Infizierten dramatisch zu. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, schlägt deshalb Alarm. Es gibt aktuell nur noch eine Möglichkeit: "Wir alle bereiten uns auf eine Triage vor."

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Triage: „Kliniken müssen sich vorbereiten“

Ärzte versuchten alles, um diese letzte entsetzliche Entscheidung abzuwenden, so Montgomery im Interview mit der Funke-Mediengruppe. "Aber angesichts der steigenden Infektionszahlen müssen sich die Kliniken vorbereiten." Triage bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen – und wer auf eine medizinische Notversorgung warten muss.

Die Triage-Ankündigung kommt fast zeitgleich mit neuen Höchststand-Zahlen: Am Freitag registrierte das Robert Koch-Institut mit 76.414 einen Höchststand an Corona-Neuinfektionen in 24 Stunden. Die Sieben-Tage Inzidenz gab das RKI mit 438,2 an - ebenfalls ein Höchstwert. Am Donnerstag war die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, auf mehr als 100.000 gestiegen.

VIDEO: Angst vor Triage - Besuch auf einer Intensivstation

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Ärzte-Boss fordert: Deutsche Corona-Patienten ins Ausland verlegen

Um die Kliniken zu entlasten, bereitet die Bundeswehr ab Freitag Flüge zur Verlegung von Intensivpatienten vor. Die Luftwaffe hält zwei Flugzeuge für den Hilfseinsatz bereit. Im Rahmen des sogenannten Kleeblatt-Systems sollen Covid-19-Patienten bundesweit verteilt werden können, wenn in einzelnen Regionen der Kollaps von Krankenhäusern droht. Vereinzelt wurden schon am Donnerstag Patienten in andere Bundesländer gebracht, zum Beispiel aus Thüringen nach Niedersachsen.

Montgomery geht das nicht weit genug. Er fordert die Verlegung von Kranken ins europäische Ausland: "Die systematische Verlegung von Covid-Patienten ins Ausland muss jetzt eingeleitet werden. Dabei muss auch die Bundeswehr helfen."

Schlimme Statistik: Fast jeder dritte Patienten kann wohl nicht versorgt werden

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, beklagte die Auswirkungen von abgesagten Operationen. Die Folgen für die Patienten jenseits der Pandemie seien ebenso dramatisch wie tragisch. 75 Prozent aller Krankenhausstandorte mit Intensivstationen meldeten heute einen nur noch eingeschränkten Betrieb. "Konkret heißt das, dass wir wie im Januar 2021 erneut fast jeden dritten Patienten im Regelsystem nicht versorgen können", schrieb er in einem Gastbeitrag für die "Rheinische Post" (Freitag).

"Wir werden rund 20 Prozent weniger Darmkrebs-Operationen durchführen und etwa sieben Prozent weniger Operationen bei Frauen mit Brustkrebs", schrieb Gaß. Die Situation, auf eine Warteliste gesetzt zu werden, sei für jeden einzelnen Krebspatienten psychisch und körperlich schwer zu ertragen.

VIDEO: Neues Infektionsschutzgesetz - So liefen die ersten 3G-Kontrollen am Arbeitsplatz

Mehrheit findet neues Infektionsschutzgesetz ohne Lockdown-Chance richtig

Bei den Bürgern stoßen die aktuellen Regelungen zur Corona-Bekämpfung auf ein geteiltes Echo. Laut dem "Deutschlandtrend" für das ARD-"Morgenmagazin" halten 53 Prozent der Bevölkerung das neue Infektionsschutzgesetz ohne die Möglichkeit von Lockdowns, Schulschließungen oder Ausgangssperren für richtig. 40 Prozent finden es der Umfrage zufolge falsch.

Gerade der Aspekt der Schulschließungen könnte noch wichtig werden. Dem Wochenbericht des Robert Koch-Instituts vom Donnerstagabend zufolge kommt es in Schulen wieder deutlich häufiger zu Corona-Ausbrüchen. "Nach einem kurzzeitigen Rückgang während der Herbstferien wird jetzt ein sehr rascher Anstieg beobachtet." Demnach seien zuletzt innerhalb von vier Wochen 1265 Ausbrüche gemeldet worden, hieß es. Die letzten zwei Wochen seien aber noch nicht bewertbar. Jüngere Schüler treffe es im Schnitt öfter als ältere.

Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen nahe 1000: Schulschließung sollte Option sein

Aktuell liege die Zahl der Corona-Ausbrüche in Schulen "sehr deutlich" über dem Höchstniveau der zweiten Welle. Anfang November seien etwa dreimal mehr Ausbrüche pro Woche übermittelt worden als im Vorjahr zu dieser Zeit. "Bei der zugenommenen Ausbruchshäufigkeit spielen vermutlich die leichtere Übertragbarkeit der Delta-Variante und auch die ausgeweiteten Testaktivitäten eine Rolle, wobei Infektionen, auch asymptomatische, frühzeitig erkannt werden."

In der vierten Corona-Welle entfallen laut RKI besonders viele positive Corona-Nachweise auf Kinder und Jugendliche. So lag die Sieben-Tage-Inzidenz in der Woche bis vergangenen Sonntag bei den 5- bis 9-Jährigen (829) und bei den 10- bis 14-Jährigen (921) mehr als doppelt so hoch wie im Bevölkerungsschnitt (414). Allerdings werden Schüler auch besonders häufig auf Corona getestet. (dpa/ana)