Eine Entscheidung über Leben und Tod

Wenn die Lage ernst ist: Was ist Triage?

Triage: Wenn die Lage auf der Intensivstation ernst wird, muss das medizinische Personal im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden.
Triage: Wenn die Lage auf der Intensivstation ernst wird, muss das medizinische Personal im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden.
© sudok1

29. Dezember 2021 - 10:01 Uhr

Kommt die Triage, muss über Leben und Tod entschieden werden

Dass die Corona-Lage so dramatisch ist wie lange nicht mehr, dürfte wohl auch der Letzte begriffen haben. Wie ernst es aber wirklich ist, kann man bereits in einigen Krankenhäusern in Österreich und Bayern sehen. Hier bereiten sich Ärzte auf das vor, wovor sie große Angst haben: auf die sogenannte Triage. Aber was genau ist das eigentlich? Nach welchen Kriterien wird entschieden, welche Patienten weiterhin versorgt werden – und welche nicht?

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Was bedeutet der Begriff "Triage"?

Triage kommt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie "Sichtung" oder "Auswahl". "Im medizinischen Kontext beschreibt der Begriff die Einteilung von Patienten nach der Schwere ihrer Verletzungen", heißt es bei "quarks". Die Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden, sind von einer möglichen Triage betroffen.

Dort werden zunächst Menschen mit schweren Krankheitsverläufen behandelt, die auf eine intensivmedizinische Betreuung angewiesen sind. Dazu zählen Menschen, die beispielsweise einen Schlaganfall oder schweren Unfall hatten, dringend operiert oder künstlich beatmet werden müssen oder eben eine starke Covid-19-Infektion durchmachen. Gibt es nicht genügend Personal, Materialien oder Betten, müssen Ärzte im schlimmsten Fall entscheiden, ob Patient A oder B weiter behandelt wird.

Lese-Tipp: Ein aktuelles Urteil legt fest: Der Gesetzgeber muss unverzüglich Vorkehrungen zum Schutz behinderter Menschen im Falle einer pandemiebedingten Triage treffen. Alle wichtigen Informationen dazu, lesen Sie hier.

Das Gesundheitssystem stößt an seine Grenzen

Ein Arbeiter aus dem Gesundheitsbereich hält den Kopf gesenkt und wirkt verzweifelt.
Für die Mitarbeiter im medizinischen Bereich ist eine Triage belastend.
© Juanmonino

Mittlerweile ist es kurz vor Zwölf: Im österreichischen Salzburg haben die Landeskliniken bereits angekündigt, ein sechsköpfiges Triage-Team aufstellen zu wollen – beziehungsweise wohl eher zu müssen. Auch die Intensivmediziner in Bayern schlagen Alarm. Der Grund: Es sind nur noch wenige Intensivbetten frei, das Personal fehlt – aber die Patienten werden immer mehr.

Wenn auch die umliegenden Krankenhäuser voll sind und die Patienten somit nicht mehr umverteilt werden können, stellt sich die große Frage: Wer soll jetzt versorgt werden, welcher Patient bekommt jeweils eines der wenigen Betten oder Geräte, die jetzt noch frei sind?

Unter Zeitdruck muss medizinisches Personal im Zweifelsfall entscheiden, wer die lebensrettende Behandlung bekommt – und wer nicht. Nicht nur ehtisch und moralisch eine schwierige Entscheidung, sondern auch ein Konflikt für die Menschen, die eigentlich aus genau dem gegenteiligen Grund Ärzte geworden sind: um Menschenleben zu retten.

Lese-Tipp: Münchner Kliniken bereiten sich bereits auf die Triage vor

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So läuft eine Triage ab

Der Deutsche Ethikrat hat bereits im März 2020 eine Ad-hoc-Empfehlung formuliert, wie die Ärzte mit einer Triage umgehen sollen. Sieben weitere medizinische Fachgesellschaften haben ebenfalls bestimmte Kriterien festgelegt, die im April vergangenen Jahres überarbeitet wurden und gelten. Zu finden sind sie auf der Webseite der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Die Kriterien sollen dabei vor allem als Leitlinie fungieren, es handelt sich nicht um explizite Vorgaben.

So kommt es zu einer Triage:

  • Besteht eine "intensivmedizinische Behandlungsnotwendigkeit?"

Wenn auf einer Intensivstation eine Triage in Erwägung gezogen wird, besteht immer eine intensivmedizinische Behandlungsnotwendigkeit. Der erste Punkt ist also bereits mit "ja" zu beantworten. Die Patienten, die am ehesten Hilfe brauchen, werden versorgt. Das sind in der Regel Notfälle.

  • Überlebenschance einschätzen:

Danach, so ist es in den Leitlinien formuliert, muss eingeschätzt werden, wie hoch die Heilungschance ist. Gibt es überhaupt die Aussicht auf einen verbesserten Gesundheitszustand? Befindet sich die Welt in einem Ausnahmezustand, wie im Rahmen der Corona-Pandemie, wird berücksichtigt, wie schwer die Grunderkrankung des Patienten ist.

Aber: Kein Patient wird von vornherein ausgeschlossen, eine Covid-19-Erkrankung habe anderen Erkrankungen gegenüber auch keinen Vorrang. Auch das Alter sowie andere Faktoren wie Bildungsstand, Einkommen oder sozialer Status dürfen keine Rolle spielen, wie es auch auf der Seite der DIVI heißt. Es zählt einzig und allein die Überlebenschance.

  • Wer entscheidet?

Die Experten handeln nach dem Mehraugen-Prinzip: Möglichst zwei Ärzte, die Erfahrung im intensivmedizinischen Bereich mitbringen, sollten vor Ort sein. Zudem ein Vertreter der Pflegenden und eventuell weitere Fachvertreter, "einschließlich Primär- und Sekundärbehandler beteiligter Fachgebiete". Bei Bedarf können weitere Disziplinen, wie zum Beispiel das klinische Ethik-Komittee, hinzugezogen werden. Dann kann die Triage vollzogen werden.

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Auch das gilt es für die Ärzte zu beachten

  • Triage-Empfehlung schützt das medizinische Personal im Ernstfall vor strafrechtlichen Konsequenzen.
  • Die Politik beziehungsweise Regierung darf keine Vorgaben geben. Das Grundgesetz verbietet dem Staat nämlich, Richtlinien festzulegen.
  • Patient muss – etwa im Rahmen einer Patientenverfügung – in die Behandlung einwilligen.

Triage ist "eine enorme emotionale und moralische Herausforderung"

Nur im allergrößten Notfall kommt es wirklich zu einer Triage. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) betont, dass eine solche Patientenauswahl "eine enorme emotionale und moralische Herausforderung für das Behandlungsteam" darstellt. "Es erfordert transparente, medizinisch und ethisch gut begründete Kriterien für die notwendige Priorisierung". Zudem handeln die Mediziner stets "möglichst vielen Patienten eine Teilhabe an der medizinischen Versorgung unter Krisenbedingungen zu ermöglichen."

In Bezug auf die aktuelle Situation unterstreicht dies nur noch einmal: Die Lage ist ernst. Dass wir vor allem das Coronavirus eindämmen, mithilfe der Impfung, dem Einhalten der Hygienemaßnahmen und Co., sollte oberste Priorität haben, damit es erst gar nicht zu einer Triage kommt. (vdü)

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