Haben die Tochter und ihr Freund aus Hass getötet?

Ärztepaar in Mistelbach getötet: RTL-Reporterin erzählt, warum dieser Fall sie besonders mitgenommen hat

09.01.2022, Bayern, Mistelbach: Ein Absperrband der Polizei ist vor einem Einfamilienhaus gespannt. Nachbarn hörten Hilferufe - und alarmierten die Polizei: In einem Keller in Mistelbach wurde am Sonntag ein lebloses Paar mit Stichverletzungen gefund
In diesem Haus in Mistelbach geschah das Unfassbare.
fricke, dpa, Fricke

von Michaela Johanssen

Es gibt nichts, was es nicht gibt und das zieht sich durch alle Schichten unserer Gesellschaft. Diesen Satz habe ich von einem Psychiater gehört, den ich bat, den Fall um das getötete Arztehepaar einzuschätzen. Da wusste ich noch nicht, was ich Monate später, zu Beginn des Prozesses um den Doppelmord von Mistelbach, hören sollte. Das unglaubliche Motiv: Hass auf die Eltern. Das Mädchen habe seine Eltern tot sehen wollen.

Lese-Tipp: Doppelmord von Mistelbach - Hannah (17) nahm Geschwistern Handys ab, damit niemand den Notruf wählen konnte

Tatvorwurf: Zweifacher heimtückischer Mord aus niederen Beweggründen

Die Staatsanwaltschaft wirft der Tochter und deren Freund zweifachen heimtückischen Mord aus niederen Beweggründen vor. Was muss in dieser Familie alles passiert sein? Ich frage mich, warum hat sich das Mädchen keine Hilfe geholt. Warum hat sie nicht einfach den Kontakt zu den Eltern abgebrochen? Warum hat niemand aus dem nahen Umfeld bemerkt, was hinter verschlossenen Türen passiert ist? Es gibt so viele Hilfsangebote. Hätte jemand Fremdes helfen können? Haben die Eltern ihrer ältesten Tochter zu viel oder zu wenig Freiheit eingeräumt?

Es sind so viele Fragen, auf die ich bis heute keine Antwort habe, obwohl der Prozess am Landgericht Bayreuth seit einigen Wochen läuft. Die Angeklagten sind Jugendliche und psychisch stark belastet. Deshalb war die Verhandlung nicht öffentlich und so ist bisher auch wenig über die Hintergründe bekannt.

RTL-Reporterin Michaela Johannsen beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Bayreuth
RTL-Reporterin Michaela Johannsen beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Bayreuth
RTL

Video: Hannah (17) "hasste ihre Eltern und wollte sie tot sehen"

Der Doppelmord hat mich als Reporterin und Mutter von zwei jungen erwachsenen Kindern besonders schockiert. Ich kann mich noch genau erinnern, als wir am 9. Januar letzten Jahres vor dem schicken Einfamilienhaus der Arztfamilie standen. Es war ein ruhiger Sonntagnachmittag. Das neue Jahr war erst wenige Tage alt und schon überschattet von dem brutalen Tod zweier Menschen. Der Schnee hat die Wohnsiedlung in ein kühles Licht getaucht. Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, was ist hinter dieser Tür in der letzten Nacht passiert?

Vor der Haustür standen Kerzen und ein Schild mit der Frage: Warum? Die Polizei konnte mir zunächst nicht viele Informationen geben, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Ich weiß noch, dass ein Polizist mir gesagt hat, der Täter hatte ein berechtigtes Anliegen im Haus zu sein. Dass er der Freund der Tochter war und von der Familie aufgenommen wurde, habe ich an diesem Sonntag erst später erfahren.

Lese-Tipp: Staatsanwalt: „Dringender Verdacht, dass sie an Tötung ihrer Eltern beteiligt war"

Hannah (17) "hasste ihre Eltern und wollte sie tot sehen" Doppelmord von Mistelbach
01:34 min
Doppelmord von Mistelbach
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Was ist in der Familie in Mistelbach schiefgelaufen?

Die wenigen Passanten, die am Haus vorbei kamen, erzählen uns, dass der Familienvater ein beliebter Kinderarzt war. Seine Frau, auch Ärztin, habe sich viel um die vier Kinder gekümmert. Eine nette Familie, die immer gegrüßt habe. Die älteste Tochter habe einen Freund. Dieser habe immer wieder für Ärger gesorgt. Mehr wisse man nicht.

Meine Tochter hatte damals einige Wochen zuvor ihren ersten Freund kennengelernt. Ich denke an zu Hause. Als Mutter kann ich nicht anders. Ich weiß, es macht kaum Sinn, Lebensmodelle oder den Familienalltag zu vergleichen, weil man nie weiß, welche Werte und Gemeinsamkeiten sind anderen wichtig. Dennoch denke ich daran, wie uns der Freund vorgestellt wurde. Ihr Bruder, mein Mann und ich haben uns für sie gefreut. Ihr Freund war und ist bei uns willkommen.

Lese-Tipp: Bluttat in Mistelbach: Bester Freund des Tatverdächtigen spricht mit RTL

War das erste Zusammentreffen in der Arztfamilie auch so oder gab es Ärger, weil die Familie mit der Wahl nicht einverstanden war? Ich bin dankbar, dass es bei uns harmonisch ist und denke an die Opfer. Sicher haben sie genauso wie ich jeden Schritt im Leben der Kinder begleitet. Erst das Laufen lernen, das Heranwachsen und das Erwachsenwerden. Als Eltern ist man sicher nicht perfekt. Aber zu keinem Zeitpunkt gab es Hass zwischen uns. Was ist in der Familie schiefgelaufen und was hat dazu geführt, dass sich so viel Wut angestaut hat? Ich weiß es nicht.

Auftakt Prozess um den Doppelmord von Mistelbach
Die Tochter des getöteten Ärztepaars und ihr Freund stehen wegen Mordes vor Gericht.
dka, dpa, Daniel Karmann

Kerzen und Blumen vor der Arztpraxis des toten Vaters

Kurz nach der Tat war das Unvorstellbare noch nicht bekannt, dass die eigene Tochter die Eltern tot sehen wollte. Der Freund der ältesten Tochter saß in U-Haft. Das Mädchen und seine minderjährigen Geschwister waren in der Obhut des Jugendamts. Ich habe dem Praxiskollegen des getöteten Kinderarztes getroffen. Der Arzt war mitten im Umzug in eine neue Kinderarztpraxis, die er wenige Tage später zusammen mit seinem ermordeten Kollegen eröffnen wollte.

Er erzählte mir von einem liebenden Familienvater, einem genialen Kinderarzt. Niemand im Umfeld konnte sich die schreckliche Bluttat erklären. Ein ähnliches Bild hatten Patienten vom dem Arzt. Dementsprechend viele Blumen wurden vor der Praxis abgelegt und Kerzen zum Gedenken angezündet.

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Bester Freund des Tatverdächtigen spricht mit RTL Ärzte-Paar bei Bluttat in Mistelbach erstochen
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Urteil im Doppelmord von Mistelbach fällt am 23. Januar

Bis heute wissen wir nicht, ob der Kinderarzt im familiären Umfeld anders als mit seinen Patienten war und woher der Hass der Tochter auf ihre Eltern kam. Es sind nur wenige grausame Details bekannt geworden: Das Verhältnis der ältesten Tochter zu ihren Eltern war offenbar schon länger von Streit geprägt. So soll sie gemeinsam mit ihrem Freund geplant haben, die Eltern zu ermorden.

Es sollte wie ein Einbruch aussehen. Der Freund der Tochter schlich ganz in schwarz gekleidet und mit Skimaske, Stirnlampe und Messer in das Schlafzimmer der Eltern. Zuerst soll er auf den schlafenden Vater eingestochen haben, dann auf die Mutter seiner Freundin. Das Mädchen soll ihren jüngeren Bruder davon abgehalten haben, Hilfe für die sterbenden Eltern zu holen. Als die Nachbarn Hilferufe aus dem Haus gehört haben wurde die Polizei und der Rettungsdienst verständigt. Noch in der Nacht wurde der Freund festgenommen.

Lese-Tipp: Ehepaar in Mistelbach erstochen: Das wissen wir über den Tatverdächtigen

Etwas mehr als ein Jahr nach dem Doppelmord soll am 23. Januar das Urteil gegen die Tochter und ihren Freund verkündet werden. Für die Tochter und ihren Freund wird die Geschichte damit juristisch beendet sein. Mit der Tat werden die Beiden immer leben müssen.