Impfzentrum-Mitarbeiterin wollte Fehler vertuschen

Kochsalzlösung statt Biontech gespritzt – jetzt sollen 200 Menschen zum Antikörpertest

28. April 2021 - 15:54 Uhr

Kochsalzlösung ist unbedenklich

Weil sie einen Fehler vertuschen wollte, hat eine Mitarbeiterin des Impfzentrums Friesland (Niedersachsen) sechs Spritzen mit Kochsalzlösung statt mit Biontech-Impfstoff gefüllt. Für die sechs Menschen besteht nach Behördenangaben keine Gesundheitsgefährdung. Die Kochsalzlösung diene zum Verdünnen des eigentlichen Impfstoffes und sei als Substanz unschädlich, sagte der Präsident des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Matthias Pulz. Für alle 200 potenziell Betroffenen ist jetzt ein Antikörpertest geplant.

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Betroffene bekommen eine neue Corona-Impfung mit Biontech

Die Ampulle mit dem echten Impfstoff fiel der Beschuldigten vermutlich am 21. April kurz vor 8 Uhr herunter. Statt den Fehler zu melden, soll sie sechs Spritzen stattdessen mit Kochsalzlösung gefüllt haben. Jeder, der an diesem Tag bis 13 Uhr geimpft wurde, soll noch einmal ins Impfzentrum kommen. "Wir wissen nicht, welche von diesen 200 Menschen diese sechs Kochsalzlösungen bekommen haben, also nicht geimpft wurden", erklärte Frieslands Landrat Sven Ambrosy (SPD). "Sodass wir mit dem Landesgesundheitsamt abgesprochen haben, am 5. Mai einen Antikörpertest mit diesen 200 Menschen zu machen."

So kann geklärt werden, wer keinen Biontech erhielt und bei wem die Corona-Impfung deshalb am 12. Mai nachgeholt werden muss.

Friesland: Impfzentrum-Mitarbeiterin verliert ihren Job

Impfzentrum Friesland: Kochsalzlösung anstatt Biontech
In diesem Impfzentrum ersetzte die Mitarbeiterin den Biontech-Impfstoff durch eine Kochsalzlösung.
© dpa, Mohssen Assanimoghaddam, ass sab

Der Landrat nannte den Fall "zutiefst schockierend". Nach dem Bekanntwerden am Samstag sei sofort das Vier-Augen-Prinzip eingeführt worden. "Niemand wird mehr mit einem Impfstoff allein gelassen, dass solche Vertuschungen nicht mehr möglich sind." Es handele sich um eine examinierte Krankenschwester, der so etwas auch in einer Stresssituation nicht passieren dürfe, sagte Ambrosy zu RTL – "Druck hin oder her".

Die Beschuldigte ist etwa 40 Jahre alt und war beim DRK-Kreisverband Jeverland angestellt. Nach DRK-Angaben ist ihre Kündigung auf dem Weg. Die Polizei nahm in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Oldenburg Ermittlungen wegen eines möglichen Körperverletzungsdelikts auf.

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Mitarbeiterin vertraute sich Kollegin an

Die Frau hatte am Samstag einer Kollegin im Vertrauen von dem drei Tage zurückliegenden Vorfall erzählt. Sie war in der Frühschicht für das Vorbereiten der Spritzen zuständig, impfte aber nicht selbst. Die Kollegin informierte sofort ihre Vorgesetzten. Die Beschuldigte habe vollständig ausgesagt, sagte der Leiter der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland, Heiko von Deetzen. "Sie wirkte sehr authentisch und sehr betroffen." Die Ermittler gehen derzeit von einem Einzelfall aus.

DRK-Geschäftsführer hat kein Verständnis

Carl-Martin Köhler, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Jever, kann sich das Handeln der Mitarbeiterin nicht erklären. "Ich kann mir nicht vorstellen, warum man nicht den Mut hat, mit uns zu sprechen", sagte Köhler. Er kenne die Kollegin sogar persönlich. "Ich habe sie immer als fleißige, zugewandte Kollegin kennengelernt. Da war nix, wo man Unlust oder Frust mit dem Job verspürte."

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Intensivstation-Pfleger: Großer Druck in den Impfzentren

"Ich finde es absolut skandalös, was da passiert ist", sagte ein Intensivstation-Pfleger zu RTL. Er glaubt jedoch auch, dass sich die Mitarbeiter in Impfzentren in einer Ausnahmesituation befinden. "Dort herrscht viel Druck auf den Leuten ", erklärte der Pfleger, der anonym bleiben möchte. "Die ganze Bevölkerung guckt jetzt auf die Impfpriorisierung." Fehler gehörten einfach dazu, findet er. "Wir sind keine Maschinen, sondern nur Menschen. Und Fehler sind menschlich."