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Ukraine: Was passiert, wenn Putins Truppen weitermarschieren?

Sorge vor weiterer Eskalation

Ukraine: Was passiert, wenn Putins Truppen weitermarschieren?

Ein Panzer fährt durch die Straßen von Donezk
Ein Panzer fährt durch die Straßen von Donezk
ANI, REUTERS, ALEXANDER ERMOCHENKO

von Robert Clausen

Bilder, die beunruhigen: Angeblich sollen sich bereits russische Truppen im Osten der Ukraine befinden – Augenzeugenaufnahmen zeigen Fahrzeugkolonnen nahe der Stadt Donezk. Doch wird der Konflikt noch weiter eskalieren? Wo halten die russischen Truppen an – oder will Putin sich die gesamte Ukraine unter den Nagel reißen?

Lese-Tipp: Alle Entwicklungen im Ukraine-Konflikt lesen Sie auch in unserem Live-Ticker.

Welche Grenzen haben die "Volksrepubliken"?

Wie stark der Konflikt weiter eskalieren wird und ob es sogar zu einem offenen Krieg kommen wird, hängt vor allem von einer zentralen Frage ab: In welchen Grenzen sieht Putin die so genannten „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk? Seit ihrer Ausrufung im Jahr 2014 hat die ukrainische Armee Teile dieser Gebiete von den Separatisten zurückerobert.

Die Grenzfrage soll laut Kreml zu einem späteren Zeitpunkt geklärt werden. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, die Gebiete seien anerkannt „innerhalb der Grenzen, in denen sie ausgerufen wurden“ – das würde auch vom ukrainischen Militär gehaltenes Gebiet einschließen. Auf Nachfrage sprach er dann aber von den Grenzen, „innerhalb derer sie existieren“.

Klar ist: Freiwillig würde die ukrainische Armee das aktuell von ihr gehaltene Gebiet nicht aufgeben. Würde Putin die Grenzen von 2014 anerkennen und die Gebiete ausweiten wollen, käme es unweigerlich zur militärischen Konfrontation zwischen ukrainischen und russischen Soldaten.

Will Putin bis nach Kiew?

Militärische Übung für Zivilisten in der Ukraine
Militärische Übung für Zivilisten in der Ukraine
www.imago-images.de, imago images/Ukrinform, SerhiiHudak via www.imago-images.de

Die Angst, dass Putins Soldaten dann auch Kurs Richtung Kiew nehmen, ist in der Ukraine groß. Auch in der Hauptstadt trainieren Freiwillige an der Waffe und üben für den Ernstfall. Zahlreiche Bürgerwehren gibt es im Land, die Widerstand leisten wollen. Was die Ukrainer besonders besorgt: In seiner Rede von Montag hat Putin dem Land de facto das Existenzrecht abgesprochen und die Ukraine „historisch“ als Teil Russlands betrachtet. Brechen im Osten der Ukraine offene Kämpfe aus, könnten sie sich auf weitere Teile des Landes verlagern.

Dazu kommt: Die Ukraine ist von mehreren Seiten – halbkreisförmig – von russischen Truppen umstellt. Nicht nur auf seinem eigenen Staatsgebiet hat Russland Soldaten und Waffen zusammengezogen, auch in Belarus sind die Truppen stationiert. Kiew liegt nur rund 80 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt – die Truppen könnten also relativ schnell Richtung Hauptstadt vorstoßen.

Auch in der europäischen und deutschen Politik gibt es Zweifel daran, dass es friedlich bleibt. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock traf am Mittwoch ihren französischen Amtskollegen Jean-Yves Le Drian. „Alles ist möglich, auch das Schlimmste ist möglich”, warnt Le Drian. Und der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Michael Roth (SPD), schließt einen weiteren Truppenvormarsch nicht aus. Der Preis für Putin könnte ihm allerdings zu groß sein, sagen Militärexperten.

Bilder eines russischen Militärlagers in Belarus, nahe der ukrainischen Grenze
Bilder eines russischen Militärlagers in Belarus, nahe der ukrainischen Grenze
SATELLITE IMAGE ©2022 MAXAR TECHNOLOGIES
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Welche Chance hat die Ukraine gegen Russland?

Militärisch hat die Ukraine Russland nicht besonders viel entgegenzusetzen. Der Zustand der ukrainischen Armee ist mittlerweile zwar deutlich besser als 2014, erklärt der ehemalige Brigadegeneral Erich Vad im RTL-Interview. Aber: „Die zahlenmäßige Überlegenheit der Russen ist enorm und auch in den Waffensystemen ist eine mehrfache Überlegenheit vorhanden“, sagt Vad.

So hat die Ukraine beispielsweise keine starke Luftabwehr – Russland könnte so innerhalb kürzester Zeit die Lufthoheit über die Ukraine erlangen und mit Kampfflugzeugen den Bodentruppen den Weg ebnen. Erich Vad glaubt deshalb, dass die russische Armee „in der Lage ist, innerhalb von ein paar Tagen die ukrainischen Streitkräfte zu besiegen.“

Doch auch nach der Zerschlagung der offiziellen Armee müssten die Russen vor allem in der Westukraine mit starkem Widerstand rechnen. „Die zweite Phase, die Besetzung des Landes, wird sehr schwierig sein für die Russen. Auf sie würde ein Abnutzungskrieg zukommen.“ Gerade im Westen könnte es zu Guerillakriegen und Partisanenkämpfen kommen – durchaus mit nicht geringen Verlusten auf russischer Seite. „Und darum muss man sich überlegen, ob das Putin wollen kann“, so Vad. Einen groß angelegten Einmarsch in die ganze Ukraine hält er deshalb für weniger wahrscheinlich.

Ähnlich sieht es auch Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Gunnar Heinsohn, der bis 2020 am Nato Defense College in Rom gelehrt hat. In der „Wirtschaftswoche“ schreibt er: „Putin wird verehrt, weil er 2014 die Krim ohne einen einzigen Schuss erobert hat.“ Zu hohe militärische Verluste könnten ihn abschrecken, mehr noch als Sanktionen. „Er hätte Mütter und Witwen vor dem Kreml. Selbst unterm Kommunismus – im Afghanistankrieg von 1979 bis 1989 – hatten die Frauen keine Angst, gegen das Sterben von am Ende 13.000 Mann zu protestieren“, so Heinsohn in der „Wirtschaftswoche“.

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Greift der Westen militärisch ein?

Das ist höchst unwahrscheinlich. Die USA haben bereits klargestellt, dass sie keine Soldaten in die Ukraine schicken wollen – gleiches gilt für die NATO. Die Ukraine hat sich zwar wiederholt um einen Beitritt in das Bündnis beworben, ist aber kein Mitglied. Zu einem Bündnisfall, in dem andere NATO-Mitglieder wie Deutschland der Ukraine militärisch beistehen müssen, wird es also nicht kommen.

Bei einer weiteren Eskalation, einem „heißen Krieg“ würde der Westen die bereits beschlossenen Sanktionen weiter verschärfen. Als eine der schärfsten Maßnahmen gilt der Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungssystem SWIFT. Durch den Ausschluss käme der Handel mit Russland praktisch zum Erliegen, Rechnungen könnten nicht mehr bezahlt werden. Das könnte eine ernste Wirtschaftskrise für die ohnehin angeschlagene russische Wirtschaft bedeuten. Möglich sind auch weitere Waffenlieferungen an die Ukraine, um den Preis eines Krieges für Putin in die Höhe zu treiben.

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