Argentinische Pesos

Paypal-Trick löste Kaufrausch aus, nun befürchten Schnäppchenjäger den Shopping-Kater – das sagt der Anwalt

Eine Hand hält eine Kreditkarte vor einer Laptop-Tastatur
Mit einem Visa-Trick über Paypal konnten Kunden beim Online-Shopping viel Geld sparen
Ingrid Balabanova, picture alliance / Zoonar | Ingrid Balabanova

von Christian Hensen

Mit einem besonders attraktiven Wechselkurs für den Argentinischen Peso löste der Kreditkartenanbieter Visa hierzulande eine wahre Einkaufsmanie aus – denn unterm Strich ließen sich sämtliche Waren über Paypal mit 40 Prozent Rabatt ordern. Leider weiß kaum jemand, wie es nun weitergeht.

Mydealz: So funktionierte der Visa-Trick mit Paypal

Für viele Nutzer:innen des Schnäppchenportals "Mydealz" gilt der Peso-Deal als Coup des Jahres: Vor wenigen Tagen meldete das Mitglied "kenixa", dass man mit einer Visa-Kreditkarte und einem Paypal-Account offenbar bei allen Akzeptanzstellen des Zahlungsdienstleisters bis zu 40 Prozent auf jeden Einkauf sparen könne – quasi das gesamte Internet war somit stark rabattiert. Was folgte, war ein wahrer Kaufrausch. In mehr als 38.000 Kommentaren berieten sich Gleichgesinnte, wo es die besten Rabatte zu holen gab und was man unbedingt kaufen sollte.

Auslöser dieser Manie war eine Besonderheit im Zusammenhang mit dem Argentinischen Peso. Denn tatsächlich hatte die Regierung zur Stärkung der Wirtschaft in Argentinien für Zahlungen mit ausländischen Kreditkarten einen sehr attraktiven Wechselkurs eingerichtet.

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41 Prozent Rabatt auf nahezu jeden Einkauf

Gedacht war das so: Wer als Tourist mit seiner Kreditkarte vor Ort etwas kauft, dessen Ausgaben werden nicht in den "Dollar Oficial" umgerechnet, sondern den deutlich besser gestellten "Touristen-Dollar". So wollte Argentinien einen Anreiz für Käufe im Land schaffen und damit Devisen ins wirtschaftlich geschwächte Land holen.

Soweit die Theorie. Denn in der Praxis hatte der "Touristen-Dollar" Auswirkungen in ganz anderen Ländern der Welt. Es stellt sich heraus, dass der bevorzugte Kurs auch dann zum Tragen kam, wenn man eine Visa-Kreditkarte bei Paypal auf die Währung "ARS" (Argentinischen Peso) einstellte und anschließend bei einem beliebigen Online-Shop mit dieser Karte etwas kaufte.

Während des Einkaufs zeigte Paypal zunächst die Summe in ARS an, daneben die Entsprechung in Euro. In diesem Bestellschritt war auf den ersten Blick noch nichts "gewonnen", da die Summe in Pesos exakt dem geforderten Preis in Euro entsprach. Ein Beispiel: Waren für 109,95 Euro kosteten 22.958,18 ARS – bei einem Wechselkurs von 1 zu 0,0048. Also genau das in Pesos, was es auch in Euro gewesen wäre.

Doch der Kurs bei Paypal stimmte nicht – zumindest dann nicht, wenn man mit einer Visa bezahlt hatte, die auf ARS eingestellt war. Denn Visa arbeitete im Hintergrund mit dem Kurs für den "Touristen-Dollar". Der Kurs hier: 1 zu 0,002699. Das entspricht einer Reduktion um 43,77083 Prozent.

Und tatsächlich: Auf dem Abrechnungskonto wurden aus 109,95 Euro plötzlich 64,84 Euro – oder übersetzt: Trotz zusätzlicher Gebühren ergab sich ein Rabatt von 41 Prozent.

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Nutzer shoppten was das Zeug hält

Der etwas kompliziert zu erklärende, aber sehr simpel anzuwendende Tipp verbreitete sich wie ein Lauffeuer, es gab kein Halten mehr. Gegenseitig stachelten sich die Sparfüchse zu immer höheren Einkäufen an. Was zunächst mit kleineren Gutscheinkarten begann, wurde schnell zu großen Fernsehern, Goldbarren, Uhren, Schuhen und allerhand teurer Technik.

Später gab man sich noch gegenseitig Tipps, wo sich Aktien oder Kryptogelder mit Paypal kaufen ließen – so wirkte sich der Rabatt unmittelbar auf die eigenen Ersparnisse aus. Ebenso, wie sich einige dazu ermunterten, sich via Paypal gegenseitig Geld zu schicken – denn auch das funktionierte mit Rabatt, wie ein Bericht der "Bild" bestätigte. Im Klartext: Wenn jemand mit einer ARS-Visa einem Freund 1000 Euro schickte, erhielt dieser die volle Summe, während auf dem Konto des Absenders lediglich rund 600 Euro als Vormerkung auftauchten – 400 Euro Gewinn aus dem Nichts.

Paypal beendete die Aktion schließlich – doch die Bestellungen sind durch

Inzwischen ist der Rausch etwas abgekühlt, vor allem da Paypal dem Treiben nach Angaben von "Mydealz" wohl ein Ende gesetzt hat. Die einzige Möglichkeit, vom Visa-Kurs auch jetzt noch zu profitieren, sind offenbar Online-Shops, bei denen man direkt in Argentinischen Pesos bezahlen könne – was weitaus weniger Anlaufstellen anbieten, als eine Zahlung via Paypal.

Was bleibt, sind Fragen. Während die ersten Waren, Gutscheine oder Aktien schon bei den Käufern angekommen sind, reiben sich die meisten dennoch etwas ungläubig die Augen. Denn erstens tauchen viele Umsätze auf den Konten der Käufer nur als Vormerkungen auf, was Unsicherheit über die wahre Höhe der Abbuchung schafft, und zweitens ist es schwer zu glauben, dass die Nutzung dieses Fehlers frei von Konsequenzen bleibt – auch wenn es viele hoffen.

Die häufigsten Fragen, die sich Beobachter und Nießnutzer dieser ungewöhnlichen Sparmaßnahme nun stellen, lauten in etwa so: "Wer kommt für die Differenz zwischen tatsächlichem Kaufpreis und dem vorteilhaften Umrechnungskurs auf?", "Inwiefern ist es möglich, die Zahlungen auf den Konten nachträglich zu korrigieren (Differenzausgleich)?", "Wer ist Verursacher des Problems? VISA? Paypal? Argentinien? Oder war es gewollt?" und "Inwiefern ist ein Einkauf mit einer Fremdwährung strafbar? Was kommt auf die Kunden zu?"

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Fast keiner will sich äußern – außer Rechtsanwalt Solmecke

Das Problem: Es gibt zwar viele Fragen, aber keinerlei Antworten. Nicht so richtig jedenfalls. Der stern konfrontierte Visa, die argentinische Zentralbank, deutsche Banken, die Betreiber von "Mydealz", die Anwaltskanzlei WBS-Law und natürlich Paypal.

Insbesondere Visa und die hiesigen Banken meldeten sich schnell zurück. Nahezu parallel ließ man uns wissen, dass man dazu nichts sagen könne. Die Thematik sei "speziell". So verwies die ING auf "Visa und ggf. Paypal", Visa hingegen hielt sich äußerst bedeckt und kommentierte den Vorfall nicht. "Fragen Sie bitte Paypal", hieß es nur.

Doch auch wenn Paypal inzwischen offenbar reagierte und der Schnäppchenjagd einen Riegel vorschub, äußerte sich das Unternehmen auf Anfrage bisher nicht. Gleiches gilt für die argentinische Zentralbank.

Erste handfeste Informationen zum Fall gibt Rechtsanwalt Christian Solmecke von der Kölner Kanzlei WBS (Wilde Beuger Solmecke). Um keine Informationen auszulassen, folgen die Antworten auf unsere Fragen im Vollzitat:

Wer kommt für die Differenz zwischen tatsächlichem Kaufpreis und dem vorteilhaften Umrechnungskurs auf?

Christian Solmecke: "Hier handelt es sich um eine Kette von Beteiligten. Höchstwahrscheinlich muss am Ende die Argentinische Staatsbank, also der Argentinische Staat zahlen. Denn wenn man über Paypal in Argentinischen 'Touristen'-Pesos zahlt und dort VISA hinterlegt, dann zieht Paypal das Geld direkt bei VISA ein. VISA geht dann in Vorleistung und hat zuerst den Schaden. Allerdings dürfte sich das Unternehmen die Differenz von der Argentinischen Staatsbank zurückholen können. Gäbe es keine solche Vereinbarung, würde VISA großen Verlust machen.

Unklar ist, ob der argentinische Staat mit VISA vereinbart hat, dass die Erstattung nur für Zahlungen gilt, die in Argentinien getätigt werden. Gibt es eine solche Vereinbarung, dann läge die Schuld hier sehr wahrscheinlich bei VISA und sie blieben auf dem Geld sitzen. Wir wissen aber nicht, ob es technisch für VISA überhaupt möglich wäre, Zahlungen in einer Währung nur zuzulassen, wenn sie im Land stattfinden.

Der Trick funktioniert übrigens nur so gut bei VISA, da MasterCard die Erstattung erst im Nachhinein ausschütten möchte und niemand weiß, ob das jetzt immer noch passieren wird oder ob man dem einen Riegel vorschiebt."

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Rechtsanwalt: "AGB von Visa sehen keine Möglichkeit vor, die Zahlung im Nachhinein zu stornieren"

Inwiefern ist es möglich, die Zahlungen auf den Konten nachträglich zu korrigieren (Differenzausgleich)?

"Hat man mit VISA direkt gezahlt, so dürfte das im Nachhinein nicht möglich sein. Denn die AGB von Visa sehen für solche Fälle keine Möglichkeit vor, die Zahlung im Nachhinein zu stornieren. Allerdings berichten Nutzer von Kreditkartensperrungen für die Zukunft.

Hat man jedoch seine VISA bei Paypal hinterlegt, so könnte es sein, dass reine Überweisungen storniert werden. Laut AGB von Paypal darf man 'keine Währungen für Spekulationsgeschäfte… oder andere Aktivitäten … umrechnen, mit denen primär auf der Grundlage von Wechselkursen Geld verdient oder erwirtschaftet werden soll.' Die Konsequenz eines Verstoßes wäre laut AGB u.a.: Wir können jede Transaktion… einbehalten, stornieren oder zurückbuchen. Die Klausel dürfte aber nur greifen, wenn Geld von Paypal-Konten hin- und her verschoben wird, um aus dem Nichts Geld zu generieren.

Anders sieht das allerdings aus, wenn man von dem Geld tatsächlich Waren kauft. Die Klausel spricht explizit davon, dass Geld verdient oder erwirtschaftet werden muss. Beim Kauf von Waren verdient man allerdings keines, sondern erhält für weniger Geld eine Gegenleistung. Es ist also unwahrscheinlich, dass man plötzlich auf einem Kaufvertrag sitzenbleibt und den Original-Preis zahlen muss."

Wer ist Verursacher des Problems? VISA? Paypal? Argentinien? Oder war es gewollt?

"Genau kann ich das nicht sagen, weil ich die genauen Vereinbarungen zwischen der argentinischen Staatsbank und den Kartenunternehmen nicht kenne. Allerdings sieht es aktuell so aus, als hätte die Argentinische Regierung diese Lücke nicht bedacht oder nicht ernst genug genommen. Ihnen ging es primär darum, die Kaufkraft durch Touristen zu stärken und ihre angeschlagene Wirtschaft anzukurbeln. Nur leider schwächen diese 'Deals' die Wirtschaft nun zusätzlich. Ich gehe nicht davon aus, dass die Kartenunternehmen dazu angehalten wurden, die Zahlung in 'Touristen-Peso' auf Zahlungen zu beschränken die im Inland getätigt wurden. Dies dürfte auch technisch schwer machbar sein."

"Eine Strafbarkeit scheidet hier höchstwahrscheinlich aus."

Inwiefern ist ein Einkauf mit einer Fremdwährung strafbar?

"Eine Strafbarkeit scheidet hier höchstwahrscheinlich aus. Für einen Betrug fehlt es an einer Täuschung – die Kunden täuschen nicht vor, in Argentinien zu sitzen, sondern nutzen eine vorhandene Lücke aus. Auch ein Computerbetrug kommt nicht in Betracht. Schließlich könnte man noch an den Kreditkartenmissbrauch denken, falls in schwerem Maß gegen Bestimmungen aus dem Kreditkartenvertrag verstoßen wurde. Hier sehen die Nutzungsbedingungen aber nicht einmal ein Verbot solcher Transaktionen vor."

Was kommt auf die Kunden zu?

"Strafrechtlich haben Kunden wahrscheinlich nichts zu befürchten. Haben sie mit Paypal gezahlt könnte es sein, dass zumindest reine Überweisungen rückgängig gemacht werden – Käufe hingegen wahrscheinlich nicht. Kunden berichten außerdem bereits von Kreditkartensperrungen. Möglicherweise könnte auch Paypal erstmal das Konto sperren. Risikofrei ist das Ganze also nicht. Und: Man kann seine Währung bei Paypal nur einmal im Monat ändern."

Es scheint, als beschränke sich die Nutzung dieser Lücke nicht nur auf Einkäufe, sondern auch auf andere Paypal-Funktionen. So geben viele an, sich gegenseitig Geld geschickt zu haben (auch die "Bild" bestätigt, dass es funktioniert). Wenn man also 1000 Euro an Person X schickt, erhält X 1000 Euro, Y zahlt aber nur 600. Wie kann das gehen? Was passiert in diesen Fällen?

"Der Trick liegt in der Abbuchung des Geldes vom eigenen Konto. Paypal rechnet nach dem ganz normalen Wechselkurs um, wie viele (normale) Argentinische Pesos abgebucht werden müssen. Diesen Betrag leitet Paypal dann an VISA weiter, damit VISA das Geld von der Karte abbuchen kann. Jetzt können von einem deutschen Konto natürlich nur Euro abgebucht werden, sodass die eben ausgerechneten Pesos erst mal wieder in Euro umgerechnet werden müssen. Und für diese Umrechnung gilt dann der vergünstigte 'Touristen-Dollar-Umrechnungspreis'. Hier kommt es zum günstigeren Umrechnungspreis, sodass vom belasteten Konto nur 60 % abgebucht werden.

Laut AGB könnte es aber eben sein, dass solche Transaktionen wieder rückgängig gemacht werden können."

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Was ist mit Aktienkäufen über Etoro?

Die gleiche Frage hätte ich zu Aktienkäufen über z.B. Etoro, bei denen nach eigenen Angaben viele Nutzer:innen Aktien mit ARS gekauft haben, um den Kaufpreis um 40 Prozent zu drücken.

"Auch hier muss man einen Blick in die AGB von Etoro werfen: Ich entdecke hier lediglich den direkten Hinweis auf Extra-Gebühren beim Umtausch in fremde Währungen (Punkte 14.12-14.14; 21.4). Diese dürften niedriger sein als das Ersparte.

Allerdings kann das Trading-Konto gekündigt werden, wenn Etoro es 'vernünftigerweise für erforderlich' hält, 'einen Umstand zu verhindern, den (sie) angemessenerweise für einen Verstoß gegen Geltendes Recht halten oder der einen solchen darstellen könnte (einschließlich, jedoch nicht beschränkt auf Marktmissbrauch, Gaming the System oder Scalping)'. Je nachdem, wie Etoro selbst die Maßnahme bewertet, können sie also auf Basis ihrer AGB durchaus agieren."

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst bei stern.de