Warum die Gefahr so groß ist und worauf Eltern achten sollten

Medizinerin warnt: "Ertrinken ist die häufigste nicht-natürliche Todesursache bei Kleinkindern"

Kein Strampeln, keine Schreie: Ertrinken läuft - auch bei Kindern - meist völlig still ab.
Kein Strampeln, keine Schreie: Ertrinken läuft - auch bei Kindern - meist völlig still ab.
© iStockphoto, Serhii Sobolevskyi

21. Juni 2021 - 19:30 Uhr

Allein in den letzten Tagen mindestens 18 Badetote - Mediziner warnen

Einmal kurz abkühlen im See oder im Fluss: Was ungefährlich klingt, endete für mindestens 18 Badegäste - darunter auch Kinder – in den letzten Tagen tödlich. "Die Berichte über tödliche Schwimmunfälle häufen sich", mahnt auch Medizinerin und Influencerin Dr. med. Elena Müllner, die auf Instagram auch unter "dr.med_muellner" bekannt ist. Gemeinsam mit anderen Influencern will sie darauf aufmerksam machen, wie groß die Gefahr ist - vor allem für die Kleinsten unter uns. "Ertrinken ist die häufigste nicht-natürliche Todesursache bei Kleinkindern und die zweithäufigste bei Schulkindern", warnt Dr. Müllner in ihrer Insta-Story. Eine schockierende Tatsache, die viele Eltern sicherlich nicht auf dem Schirm haben.

Wir haben mit dem RTL-Medizinexperten Dr. Christoph Specht darüber gesprochen, warum die Gefahr des Ertrinkens bei Kindern so viel größer ist, als viele ahnen und worauf Eltern unbedingt achten sollten.

Immer mehr Nicht-Schwimmer durch Corona

"Die Heißperioden führen dazu, dass sehr viel mehr Menschen ins Wasser gehen und das erhöht die Gefahr", erklärt Allgemeinmediziner Dr. Specht im Gespräch mit RTL. "Tatsache ist, dass viele Kinder einfach nicht schwimmen können." Und genau das sei das große Problem: "Häufig ertrinken Nicht-Schwimmer oder sehr schlechte Schwimmer, die einfach nicht richtig ausgebildet sind. Das ist seit vielen Jahren so, dass man sich an den Kopf greift - ich jedenfalls - warum die Leute einfach nicht mehr schwimmen lernen."

Umso wichtiger ist es, Kinder frühzeitig ans Schwimmen heranzuführen. Doch genau das ist seit Beginn der Pandemie nicht möglich. "Das Jahr 2020 war für die Schwimmausbildung ein verlorenes Jahr", beklagte vor kurzem DLRG-Präsident Achim Haag in einer Pressekonferenz. "Mehr als jeder zweite Grundschulabsolvent ist kein sicherer Schwimmer mehr."

Badende unterschätzen die Gefahren in Flüssen und Badeseen

Häufig spielten aber auch Strömungen in Flüssen eine Rolle, die von Badenden unterschätzt werden. Das betont auch die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Das Baden im Rhein etwa sei wegen der extrem starken Strömungen und der hohen Bug- und Heckwelle der Frachtschiffe schon für schwimmerfahrene Erwachsene lebensgefährlich, für Kinder sei es "ziemlich tödlich", so die Sprecherin der DLRG-Nordrhein, Maike Waschnewski.

Auch bei Baggerseen gebe es unter Wasser befindliche Strömungen, die zum Teil extrem stark seien und die von Badenden oft nicht richtig eingeschätzt würden, erklärt uns Dr. Specht.

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"Kinder ertrinken sehr schnell und lautlos"

Für Eltern besonders wichtig zu wissen: Auch ein Kind, das nicht strampelt und schreit, kann im Wasser in Nöten sein. "Man stellt sich das immer so vor, dass ertrinkende Kinder oder Menschen unglaublich um sich schlagen, aufs Wasser platschen, schreien und dann mit viel Getöse untergehen. Das ist überhaupt nicht so", erklärt Dr. Specht. "Die allermeisten gehen vollkommen still unter."

Die DLRG warnt daher nachdrücklich davor, jüngere Kinder unbeaufsichtigt schwimmen zu lassen. "Kinder ertrinken in 30 bis 90 Sekunden", sagt Waschnewski. Sie verfielen dabei typischerweise in eine Schockstarre, überstreckten den Hals und schnappten nach oben nach Luft. Dabei verschlössen sich die Stimmritzen, sodass die Kinder nicht einmal um Hilfe rufen könnten. "Kinder ertrinken sehr schnell und lautlos."

Vor und beim Baden: Darauf sollten Eltern achten

  • "Was wirklich wichtig ist – und das muss man zehnmal unterschreiben: Schwimmen lernen! So früh wie möglich!", appelliert Mediziner Dr. Specht.
  • Natürlich sei es aber auch wichtig, immer besonders wachsam auf die Kinder aufzupassen und, je nach Alter, mit ihnen vor dem Baden über die Gefahren zu sprechen.
  • Gerade bei Kindern bis zu drei Jahren sollte darüber hinaus darauf geachtet werden, dass sie sich schnell wieder aufrichten, wenn sie mit dem Kopf unter Wasser geraten. Hier sollte daher immer genug Nähe geboten sein, um sofort eingreifen zu können.
  • Auch Hilfsmittel wie Schwimmflügel und -reifen bieten keinen ausreichenden Schutz vorm Ertrinken: Sie können Luft verlieren oder abgestreift werden.

Im Video: Zweites Ertrinken - die unterschätzte Gefahr nach dem Baden

Was viele Eltern nicht wissen: Auch noch Stunden nach dem Baden kann dieses Risiko bestehen. Beim verzögerten Ertrinken – auch sekundäres oder zweites Ertrinken genannt – gelangt Wasser in die Lungen und verursacht schwere Entzündungsreaktionen, die tödlich verlaufen können. Der zweijährige Steven wäre nach dem Baden fast daran gestorben – was ihn letztendlich rettete und wie der Vorfall genau ablief, sehen Sie im Video. (dhe, dpa)

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