"Ohne Ambitionen halten wir die Klimakrise nicht auf"

Felix Finkbeiner - der Junge, der fast zur Greta Thunberg wurde

18. September 2019 - 18:15 Uhr

von Laura Waßermann / Video: Ann-Kathrin Seidel

Mit 9 Jahren hat er seinen ersten Baum gepflanzt. Inzwischen ist Felix Finkbeiner 21 Jahre alt und seine Organisation "Plant-for-the-Planet" weist 13,6 Milliarden gepflanzte Bäume auf. Damit will Finkbeiner, der gerade seinen Doktor in Umweltsystemwissenschaften macht, das Klima schützen. Achtung: Schützen, nicht retten. RTL.de hat mit ihm über genau diesen Unterschied gesprochen. Im Video erfahrt ihr zudem mehr über den Jungen, der froh ist, nicht zur Symbolfigur der Klimakrise á la Greta Thunberg geworden zu sein.

"Wir alle sind Greta"

RTL.de: Wie finden Sie Greta Thunberg?

Felix Finkbeiner: (lacht) Wir alle sind Greta. Im Ernst: Ich bin ein Riesen-Fan von ihr. Sie hat es geschafft, dass die Themen Klimawandel und -schutz zum ersten Mal auf der politischen Tagesordnung sind – und zwar nicht nur in Deutschland sondern weltweit. Regierungen nehmen den Konflikt endlich ernst.

Nehmen sie das wirklich?

Vielleicht ist es zu früh, um das zu sagen. Ich weiß jedenfalls, dass unsere Bundesregierung das Thema sehr wohl ernst nimmt. Ich erkenne einen großen Fortschritt in ihrer Klimapolitik – und das ist schließlich nur das Resultat von Gretas Einsatz und das von allen Jugendlichen, die sich so toll engagieren.

Kennen Sie Greta denn persönlich?

Leider bin ich ihr bisher nicht begegnet. Ich kenne aber Luisa Neubauer, die führende Organisatorin der deutschen Fridays-for-Future-Bewegung sehr gut. Natürlich.

"Wir seien die böse Macht im Hintergrund"

Felix Finkbeiner
Mit 14 Jahren in Spanien - Felix Finkbeiner wurde als Junge zum Klimaaktivist.
© Plant-for-the-Planet, HECTOR GARRIDO

Sie engagieren sich selbst seit mehr als 12 Jahren – warum sind Sie nicht die Greta Thunberg? Wieso sind Sie nicht die Figur des Klimaschutzes geworden?

Greta hat ihren Job in vielen Hinsichten viel schlauer und besser gemacht. Sie hat in kürzester Zeit mehr Menschen und eine größere Bewegung mobilisiert als wir es mit "Plant-for-the-Planet" bislang geschafft haben. Obwohl wir tatsächlich genau die gleiche Idee hatten.

Welche Idee?

2015 haben wir eine Konferenz mit vielen Jugendlichen abgehalten, um über die Wirkung der Klimakrise in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Damals haben wir uns mehrere Aktionen überlegt – unter anderem einen "Climate Strike", also genau das, was Greta gemacht hat. Ein paar 100 Kinder aus sechs oder sieben Ländern sind echt nicht zur Schule gegangen, aber das Engagement ist schnell wieder abgeebbt. (zögert) Kaum zu glauben, aber das haben die Rechten gegen uns verwendet.

Wie meinen Sie das?

Nachdem Greta bekannter wurde, wurden wir angegriffen mit der Aussage: Greta und ihre Bewegung hätten wir seit Jahren geplant. Wir seien die böse Macht im Hintergrund. Ganz ehrlich: Wenn wir solch einen Einfluss hätten, dann hätten wir das schon viel früher gemacht.

Warum erfahren Sie – genauso wie Luisa Neubauer und Greta Thunberg – denn überhaupt solche Anfeindungen?

Weil sie starke Forderungen aussprechen, die für viele Leute unbequem sind – die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um das Klima zu schützen. Das wollen viele Menschen einfach nicht hören. Bei uns geht es aber noch: Unser Fokus liegt auf dem Aspekt des Bäumepflanzens. Bäume pflanzen fürs Klima: Das ist unsere positive Botschaft, die weniger Leute in Deutschland als Angriff empfunden haben als das, was Luisa und Greta zu sagen haben.

"Dieser Hass ist nicht lustig"

Sind Sie froh, nicht die Greta Thunberg – die Figur des Klimaschutzes – geworden zu sein?

Sehr froh. Dieser Hass ist nicht lustig.

Sagen Sie uns – was ist Ihre Vision?

Kurz gesagt: 1.000 Milliarden Bäume zu pflanzen – also eine Trillion.

Das sind viele Bäume. Wie weit sind Sie?

Gemeinsam mit der UN haben wir einen Baumzähler online gestellt. Dieser steht bei
13.604.060.393 Bäumen (Stand: 18.09.2019). Dort werden allerdings nicht nur die Bäume gezählt, die wir selbst pflanzen, sondern auch die, die von Regierungen und Unternehmen gepflanzt werden.

Apropos Baumzähler – da gab es Anfang 2019 Kritik, dass der Zähler nicht 100%ig korrekt geführt wird und zu viele Bäume anzeigt. Stimmen die Vorwürfe?

Teils, teils. Die UN hatte den Weltbaumzähler ins Leben gerufen und an uns übergeben, nachdem ihre Schirmherrin Wangari Maathai gestorben war. Das hat anfangs zu (technischer) Verwirrung geführt und zusätzlich gab es noch ein paar Spaßvögel, die Falscheinträge getätigt haben. Das ist aber alles längst behoben und nicht nur das: Ende September starten wir eine App mit extra Baumzähler – diesmal mit der UN zusammen.

"Wir schützen das Klima mit Bäumepflanzen, wir retten es nicht"

Was kann die App denn?

Also sie hat zwei Grundfunktionen: Erstens können die User mit einem eigenen Profil selbst Bäume pflanzen und in den Baumzähler einfügen – mit Foto und Standort. Zweitens kann man ganz einfach für eins der 45 Aufforstungsprojekte, die wir unterstützen, spenden. 100 Prozent des Geldes gehen an die Projekte – wir behalten nichts. Außerdem soll es noch Spiele und Wettbewerbe geben – um das alles auch spaßig zu gestalten.

Das Tik Tok fürs Bäumepflanzen also?

Naja, ganz so ambitioniert sind wir vielleicht nicht. Und letztlich geht es uns um die Botschaft.

Ihre Botschaft ist: Wenn jeder Mensch auf der Welt 150 Bäume in seinem Leben pflanzt, retten wir das Klima. Nun wohnt aber nicht jeder von uns am Wald oder hat einen Garten – wie soll das gehen?

Wir von "Plant-for-the-Planet" pflanzen täglich Bäume auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Ein Baum kostet einen Euro. In Indien kostet ein Baum der Initiative "Tree planting for Biodiversity conservation" sogar nur 0,2 US-Dollar. Spenden, selber pflanzen – die Art und Weise, das Klima damit zu schützen, ist vielfältig. Achtung: Wir schützen das Klima mit Bäumepflanzen, wir retten es nicht. Damit hat sich Christian Lindner (FDP) letztens auch vertan.

Dieser Eindruck darf nicht entstehen. Neben dem Bäumepflanzen müssen wir zum Beispiel unseren CO2-Ausstoß reduzieren, aus der Kohle aussteigen usw. – um die Klimakrise zu lösen.

Trotzdem: Sind Aktionen wie die "Pflanz-einen-Baum"-Challenge, die kürzlich die Runde in den Sozialen Netzwerken gemacht hat, wichtig für den Klimaschutz?

Natürlich – sehr wichtig sogar. Ich finde es absolut klasse, dass mit jedem Baum, der öffentlich gepflanzt wird, das Bewusstsein für unsere Natur geschärft wird und die Bedeutung für das Thema Aufforstung deutlich gemacht wird.

"Ohne Ambitionen halten wir die Klimakrise nicht auf"

Stichwort Aufforstung: Bis wann wollen Sie denn die 1 Trillion Bäume gepflanzt haben?

Bis spätestens 2050. Ambitioniert, ist klar, aber ohne Ambitionen halten wir die Klimakrise nicht auf. Das wissen Luisa und Greta und auch ich.

Danke für das Interview, Felix Finkbeiner.

In seinem Buch "Wunderpflanze gegen Klimakrise entdeckt: Der Baum!", erschienen im KOMPLETT-MEDIA Verlag schreibt Felix Finkbeiner über den Baum, der ein Zeitjoker im Kampf gegen den Klimawandel ist.

TVNOW-Dokumentation "Greta - wie eine 16-Jährige die Welt veränderte"

Greta Thunberg ist zur Ikone einer weltweiten Klimabewegung geworden. Wer hinter der Fassade des unscheinbaren Mädchens aus Schweden steckt, zeigt die aktuelle TVNOW-Dokumentation.