Junge Menschen suchen Macht und Geld und finden den Tod

"Wer redet, geht": Wer ist die "Mocro"-Mafia hinter dem Attentat auf Peter de Vries?

07. Juli 2021 - 23:22 Uhr

Polizei: Mit Kopfschuss in Krankenhaus

Ein international bekannter Kriminalreporter wird tagsüber mitten in einem belebten Stadtteil von Amsterdam niedergeschossen, als er ein TV-Studio verlässt. Das Attentat auf Peter de Vries erinnert an das Drehbuch eines Thrillers und scheint so gar nicht zu der idyllischen Grachtenstadt zu passen. Dabei tobt in den Niederlanden bereits seit Jahren der blutige Krieg der sogenannten "Mocro"-Mafia, in deren Fadenkreuz de Vries nun geraten sein könnte. Es ist eine Welt, in der ein Menschenleben nichts wert ist.

Täter greift den Reporter mitten in Amsterdam an

Kriminalreporter Peter R. de Vries spricht in Anwesenheit von Corrie und Adrie Groen vor der Presse über eine Reihe neuer Initiativen bei der Suche nach der seit 1993 vermissten Maastrichter Studentin Tanja Groen. (März 2021)
Kriminalreporter Peter R. de Vries spricht in Anwesenheit von Corrie und Adrie Groen vor der Presse über eine Reihe neuer Initiativen bei der Suche nach der seit 1993 vermissten Maastrichter Studentin Tanja Groen. (März 2021)
© picture alliance

Der Anschlag auf den Reporter ist ein Paradebeispiel für das skrupellose Vorgehen der Gangster. Gegen 19.30 Uhr verlässt de Vries ein TV-Studio und macht sich auf den Weg zu seinem Auto. Da nähert sich ihm ein Mann, wie man auf Videoaufnahmen sieht - schmal, nicht sehr groß, er trägt eine Art Militärjacke mit Tarnmotiv. Mehrere Schüsse fallen - vier oder fünf, sagen Augenzeugen. De Vries fällt zu Boden, sein Kopf blutet heftig. Eine Frau rennt zu ihm, hält seine Hand, bis Polizei und Krankenwagen ankommen.

Der Täter läuft weg - im Joggingtempo, wie Zeugen aussagen. Ein paar Straßen weiter steigt er in ein silberfarbenes Auto, das offenbar auf ihn gewartet hatte. Die Polizei nimmt die Verfolgung auf. Etwa 60 Kilometer weiter, bei Leidschendam kurz vor Den Haag, stoppen die Beamten das Fluchtauto und nehmen die beiden Verdächtigen fest. Wie bei vielen vorherigen Mordfällen dürften die mutmaßlichen Täter nicht verraten, wer sie mit dem Attentat beauftragt hat. Das wichtigste Gesetz der Mocro-Mafia, so heißt es: "Wie praat, die gaat" – wer redet, geht.

Ein Rapper erfand das Wort "Mocro"

"Mocro" ist ein Slang-Wort, das ursprünglich von einem marokkanischen Rapper als Kurzform für Marokko eingeführt und so populär wurde, sagt Thomas Mischke, Vorsitzender Bundespolizei/Zoll beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Er und sein Team bekämpfen die Kriminalität an der deutsch-niederländischen Grenze. "Jetzt bezeichnet das Wort Strukturen der organisierten Kriminalität, die überwiegend von Tätern mit einem marokkanischen Hintergrund begangen werden, die mittlerweile in den Niederlanden leben und meistens auch die niederländische Staatsangehörigkeit haben."

Im Gegensatz zu vielen anderen Mafia-Organisationen handele es sich bei der Mocro nicht um ein festes Netzwerk mit einem Kopf an der Spitze und einem klassischen Aufbau, erklärt Mischke. "Es gibt verschiedene Stränge, Strukturen und Gruppierungen, die sich mit allen Facetten der organisierten Kriminalität befassen. Das Hauptgeschäft ist der Drogenhandel, vor allem mit Kokain."

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Mafia-Anwalt warnte de Vries noch

Vito Shukrula ist Anwalt in den Niederlanden und vertritt Klienten, die man gemeinhin als Gangster bezeichnen würde. Er vertritt die Menschen, die durch die Arbeit von de Vries überhaupt erst vor einem Richter gelandet sind. Obwohl sich die beiden im Gericht oft auf unterschiedlichen Seiten gegenüberstehen, kennen und schätzen sie sich. Er habe den Reporter sogar noch vor der Gefahr der Mocro-Mafia gewarnt, wie Shukrula im Video verrät. Der brutale Bandenkrieg habe 2012 begonnen, erzählt er. Ausgelöst wurde er durch eine Kokain-Lieferung, die im Hafen von Antwerpen beschlagnahmt wurde. Mehrere Banden wären an dem Geschäft beteiligt gewesen und wussten nicht, was mit der Ware passiert war. Sie beschuldigten sich gegenseitig, die Drogen gestohlen zu haben. Die ersten Menschen starben. Bald ging es nicht mehr um das Kokain. "Es geht um Geld, Power, Rache und es hört nicht auf", sagt Shukrula.

Im Moment gebe es Verteilungskämpfe, weiß Mischke: "Die alte Generation tritt so langsam ab, wir erleben zunehmend junge Täter, die zwischen 17 und 23 Jahre alt sind und nichts zu verlieren haben. Die kommen aus den Randstädten, wohnen dort unter ungünstigen Familienverhältnissen und streben nach dem schnellen Geld, Ruhm und der Aufregung." Laut Shukrula gibt es viele von ihnen, die für 5.000 Euro oder eine gebrauchte Rolex einfach jemanden erschießen – und es ist ihnen egal ist, wer das ist, wie der Fall de Vries zeigt. "Von jetzt an muss sich ein Journalist überlegen, ob es ihm wert ist, sein Leben zu riskieren, wenn er über die Mafia berichtet. Ist ein Artikel es wert, ermordet zu werden?" Dass der Journalist mitten in Amsterdam erschossen wurde, zeige vielleicht, dass die Täter nicht besonders intelligent seien. "Es zeigt aber auch, dass es ihnen egal ist, dass sie gefasst werden. Sie machen es einfach."

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Zustände wie in Kolumbien

Mittlerweile habe die organisierte Kriminalität in den Niederlanden besorgniserregende Züge angenommen, sagt Shukrula. "Gestern habe ich mit jemanden telefoniert, der mir gesagt hat, dass Peter angeschossen wurde. Ich sagte zu ihm: Jetzt leben wir offiziell in Kolumbien. Es ist exakt das Gleiche. Journalisten werden angeschossen, Nachrichtensender werden bombardiert, Anwälte getötet – sag mir: Wo ist der Unterschied zwischen Kolumbien und den Niederlanden, außer dass wir Fahrrad fahren?", fragt der Anwalt. (mst)

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