Erste Details zu den Verdächtigen

Anschlag schockt Niederlande: Kriminal-Reporter Peter R. de Vries lebensgefährlich verletzt

08. Juli 2021 - 11:58 Uhr

Schüsse auf Reporter: Polizei nahm auch den mutmaßlichen Schützen fest

Schüsse im Herzen von Amsterdam: Der Kriminal-Journalist Peter R. de Vries (64) wurde am Dienstagabend lebensgefährlich verletzt. Wenige Stunden nach dem Anschlag nahm die Polizei drei Verdächtige fest. Nun müssen Ermittler die Frage klären: Wer steckt dahinter?

Bürgermeisterin von Amsterdam bezeichten de Vries als "Nationalhelden"

Peter de Vries wurde in Amsterdam niedergeschossen und schwebt in Lebensgefahr.
Peter de Vries wurde in Amsterdam niedergeschossen und schwebt in Lebensgefahr. Drei Verdächtige wurden festgenommen.
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Der Reporter war gegen 19.30 Uhr beim Verlassen eines TV-Studios beim Leidseplein im Zentrum von Amsterdam auf offener Straße niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt worden. Zeugen erkannten das Opfer. Auf Fotos und Videos in den sozialen Medien ist zu sehen, dass de Vries schwer verletzt am Boden liegt. Er sei mit einem Kopfschuss ins Krankenhaus gebracht worden, teilte die Polizei mit. "Peter R. de Vries kämpft um sein Leben", sagte die Bürgermeisterin von Amsterdam, Femke Halsema, bei einer Pressekonferenz. Er sei ein "Nationalheld" und "mutiger Journalist", den Anschlag bezeichnete sie als "brutales, feiges Verbrechen".

Drei Verdächtige wurden nach Angaben der Polizei zunächst festgenommen, zwei von ihnen auf der A4 bei Leidschendam. Das Twitter-Video soll die Festnahme zeigen. Auf einen der festgenommenen Männer treffe die Personenbeschreibung des mutmaßlichen Schützen zu, gab Polizeichef Frank Paauw bekannt. Der Mann, der auf de Vries feuerte, trug demnach einen dunkelgrünen Tarnfleckenmantel und eine schwarze Mütze. Über die Hintergründe der Tat ist noch nichts bekannt. Eine Sonderkommission wurde eingesetzt.

Bei den Festgenommenen handelt es sich nach Informationen der niederländischen Zeitung AD um einen 35-Jährigen Mann aus Maurik in der Provinz Gelderland sowie einen 18-Jährigen aus Rotterdam. Der dritte zunächst Festgenommene ist ebenfalls 18 Jahre alt und nicht mehr verdächtig. Er wurde inzwischen aus der Haft entlassen.

Marengo-Prozess gegen organisiertes Verbrechen: De Vries ist Vertrauensperson eines Kronzeugen

 AMSTERDAM - Lawyer Peter r de Vries arrives at the bunker, prior to the substantive treatment of the multi-day Marengo trial. Seventeen suspects, including prime suspect Ridouan Taghi, are on trial in the mega-murder case. The gang is suspected of h
AMSTERDAM - Peter R. de Vries erreicht den Hochsicherheitsgerichtssaal De Bunker.
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Der Journalist ist zurzeit Vertrauensperson des Kronzeugen Nabil B. im Marengo-Prozess gegen das organisierte Verbrechen. Hauptangeklagter in dem Verfahren ist der Schwerverbrecher Ridouan Taghi. Der als skrupelloser Unterweltboss gefürchtete mutmaßliche Chef der international agierenden "Marengo"-Bande ist unter anderem wegen sechsfachen Mordes und mehrerer Mordversuche angeklagt.

"Taghi hat gesagt, dass jeder, der sich in seinen Fall einmischt, erschossen wird", sagte der ehemalige Anwalt von Nabil B., Oscar Hammerstein, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt "Rijnmond". Er sei überzeugt, dass der Angriff auf de Vries mit dem Fall zu tun habe. "Zuerst war es der Bruder des Kronzeugen, dann ein Anwalt. Jetzt ist es ein Mann, der ohne Rüstung rausgegangen ist." Kurz nach der formellen Eröffnung der Strafsache war im März 2018 der Bruder des Kronzeugen Nabil B. in Amsterdam erschossen worden. Auch der Anwalt von B. wurde Opfer eines Mordanschlags. Beide Vorfälle werden Taghi in einem gesonderten Verfahren zur Last gelegt.

Der Vorfall zeigt, dass die Pressefreiheit in den Niederlanden massiv bedroht ist. Der Anschlag auf de Vries ist nur eine von vielen besorgniserregenden Entwicklungen. Ebenfalls zu nennen sind der versuchte Anschlag auf die größte Redaktion des Landes, "De Telegraaf" in Amsterdam, Morddrohungen gegen Journalisten von "De Telegraaf" und "Het Parool", die Polizeischutz bekamen, sowie sieben umgebaute Foltercontainer der Unterwelt, die im Juli letzen Jahres von der Polizei gefunden worden waren.

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"Mutiger Journalismus sollte mundtot gemacht werden“

Nach Einschätzung des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) zeige der Anschlag auf Vries, dass es lebensgefährlich ist, über das organisierte Verbrechen zu berichten. "Es ist zu befürchten, dass das milliardenschwere Drogen- und Waffengeschäft nicht nur in den Niederlanden gnadenlos zuschlägt, wenn es sich durch journalistische Recherchen gestört fühlt", sagte DJV-Chef Frank Überall. "Umso wichtiger ist es, dass Journalisten mit Themenschwerpunkt Organisierte Kriminalität umfassend geschützt werden."

De Vries gilt als Experte auf dem Feld der organisierten Kriminalität. Zur Zeit ist er die Vertrauensperson des Kronzeugen in einem großen Prozess. "Mit dem Attentat sollte kritischer und mutiger Journalismus mundtot gemacht werden", so der DJV-Bundesvorsitzende. "Das war der gezielte Versuch, Journalistinnen und Journalisten einzuschüchtern, die über organisierte Kriminalität berichten."

Premier Rutte: „Anschlag auf den freien Journalismus“

Der Anschlag hat das Land geschockt, TV-Sender berichteten in Sondersendungen über die Tat. Premierminister Mark Rutte und Justizminister Ferdinand Grapperhaus waren mit der Anti-Terrorismusbehörde zusammengekommen. Rutte sprach in der Nacht zum Mittwoch von einem "Anschlag auf den freien Journalismus". "Wir hoffen inständig, dass er den Anschlag überlebt", sagte Grapperhaus.

Das niederländische Königspaar sei "tief geschockt". "Journalisten müssen ohne Bedrohung und frei ihre wichtige Arbeit tun können", schreiben König Willem-Alexander und seine Frau Máxima auf Facebook und Twitter. Das Paar stattet zur Zeit Deutschland einen Staatsbesuch ab.