Hausärzte sind sich uneinig

Kinder so schnell wie möglich gegen Corona impfen - ja oder nein?

15. Mai 2021 - 12:58 Uhr

Uneinigkeit bei Hausärzten, Verunsicherung bei Eltern

In den USA und in Kanada ist bereits ein Covid-19-Impfstoff für Kinder ab 12 Jahren zugelassen. Im Juni will auch die Europäische Arzneimittel-Agentur für Europa darüber entscheiden. Doch die Frage, ob sie ihre Kinder gegen das Coronavirus impfen lassen würden, sorgt bei Familien aktuell für rauchende Köpfe. Das Problem für viele Eltern: Nicht mal die Kinderärzte sind sich einig, was in puncto Corona-Impfung das Beste für die Kleinen ist. Wir haben mit zwei Kinderärzten gesprochen, deren Meinung stark auseinandergeht. Warum sie sich für oder gegen die Corona-Impfung für Kinder aussprechen, erklären sie im Video.

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Deutscher Ärztetag fordert schnelle Covid-19-Impfstrategie für Kinder

Auf dem 124. Deutschen Ärztetag in der vergangenen Woche wurde die Bundesregierung per Beschluss aufgefordert, unverzüglich eine Covid-19-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche zu entwickeln. Die Ärzte begründeten das mit dem Recht auf Bildung, im Hinblick auf den kommenden Winter. Doch in der Ärzteschaft sind nicht alle mit dem Beschluss einverstanden. In den sozialen Medien machen sie ihrem Ärger unter dem Hashtag #nichtmeinaerztetag Luft. Der Berliner Kinderarzt Dr. med. Martin Karsten sagt aber ganz klar: Die Kinder sollten geimpft werden!

Wichtige Entwicklungsphasen in sozialer Isolation

Ohne rechtzeitige Impfung, insbesondere auch für jüngere Kinder, führt ein erneuter Lockdown für Kinder und Jugendliche zu weiteren gravierenden negativen Folgen für die psychische Entwicklung, warnen die Abgeordneten des Deutschen Ärztetages am 5. Mai. "Es geht dabei nicht nur um entstandene schulische Bildungsdefizite, sondern mehr noch darum, dass viele Kinder wichtige Entwicklungsphasen in sozialer Isolation erlebt haben", sagte Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt dort. Die Forderung der Ärzteschaft: Kinder und Jugendliche sollten schnell geimpft werden - wenn auch nicht verpflichtend.

LESE-TIPP: Hohe Verträglichkeit – Corona-Impfung für Kinder könnte schon im Juni kommen

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Kinder verstärkt im Visier der NoCovid-Strategen?

In den sozialen Medien äußern nun verschiedene Ärzte und auch Kinderärzte, die im Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung organisiert sind, starke Bedenken gegen das Programm des Ärztetages. Der Münchner Kinderarzt Dr. Martin Hirte argumentiert zum Beispiel in einem Online-Video: "Kinder sind jetzt wieder verstärkt in das Visier der NoCovid-Strategen gerückt", sagt er dort. "Sie werden in die angeblich letzte Schlacht gegen das Coronavirus geschickt: Sie sollen geimpft werden, obwohl sie nur sehr selten schwer erkranken und kaum ansteckend sind."

"Das wäre Kindeswohlgefährdung" - das sind die Argumente der Kritiker

Kinder, so argumentiert der Kinderarzt weiter, hätten von der Impfung keinen Nutzen, die Impfung sei fremdnützig. Kinder hätten aber die Risiken, und das ihr Leben lang, sagt Hirte, deswegen fordert er: "Keine Notfallzulassung schlecht geprüfter Impfstoffe, und keine Impfung von Kindern - das wäre Kindeswohlgefährdung." Zusammengefasst bringen die Ärzte vier Argumente gegen das Impfen von Kindern: Kinder seien nicht stark gefährdet, spielten für die Verbreitung des Virus keine Rolle, Kinder-Impfungen würden keinen Beitrag zur Herdenimmunität leisten und sie seien durch die Nebenwirkungen der Impfstoffe besonders gefährdet.

Berliner Kinderarzt: Vorhandene Impfstoffe sind sehr sicher

Kinderarzt Dr. Martin Karsten aus Berlin
Kinderarzt Dr. Martin Karsten aus Berlin
© RTL, Studio Berlin, RTL News

Dem kann sich der Berliner Kinderarzt Dr. Martin Karsten so gar nicht anschließen. "Es sind ja Impfstoffe, die nicht ganz neu sind", sagt er gegenüber RTL, "die sind weltweit bereits millionenfach erprobt, und wir wissen, dass es sehr sichere Impfstoffe sind, ohne starke Impfreaktionen." Grundsätzlich, sagt der Kinderarzt, sei ja schon lange bekannt, dass die Altersgruppe der 12- bis 18-Jährigen Impfstoffe generell gut vertrage, und es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass Kinder die Corona-Impfung schlechter vertragen. Da könne man Vertrauen haben, dass die Impfstoffe in der gleichen Dosierung genauso sicher wie bei der älteren Bevölkerungsgruppe seien, so Karsten. Für die 2- bis 6-Jährigen und die 6- bis 12-Jährigen müsse erst noch die optimale Dosis gefunden werden - insofern werde eine Freigabe für diese Altersgruppe noch etwas auf sich warten lassen.

LESE-TIPP: Epidemiologe spricht sich für zeitnahe Corona-Impfung bei Kindern und Jugendlichen aus

Kinder müssen zurück ins soziale Leben

Tatsächlich erkranken Kinder extrem weniger stark an Covid-19 oder Folgeerkrankungen wie PIMS, räumt Karsten ein. Aber für den Kinder- und Jugendarzt ist es wichtiger, dass Kinder bald wieder zur Schule gehen können und am sozialen Leben teilhaben können - da sei die Impfung ein Baustein. Der Ansturm auf seine Praxis für Kinder-Impfungen ist jetzt bereits sehr groß: "Wir müssen schon Listen führen, jeder fragt: 'Kann ich der erste sein?'"

LESE-TIPP: PIMS-Syndrom – Louiza (4) kämpfte nach Corona-Infektion um ihr Leben

IM VIDEO: Kinder- und Jugendmediziner Prof. Zepp - so wichtig sind Corona-Impfungen für Kinder

Virus in Großbritannien nicht in die Schulen geschwappt

Am Beispiel Großbritannien, wo beinahe schon Herdenimmunität erreicht ist, sieht man bereits jetzt, dass das Infektionsgeschehen nicht in die Schulen geschwappt ist. "Es gibt ja die eine Möglichkeit, dass man sieht: Wenn man alle Älteren geimpft hat, drängt man das Virus in die Kinder und Jugendlichen - dann müsste man natürlich sofort die Kinder und Jugendlichen impfen", sagt der Kinderarzt uns. Aber nicht nur wegen des individuellen Schutzes sollten Kinder und Jugendliche so bald wie möglich die Impfung erhalten, sagt Epidemiologe Prof. Timo Ulrichs im Interview mit RTL: "Die andere Seite ist eben, dass man andere Altersgruppen, also Jüngere, auch braucht, um die Herdenimmunität in Deutschland zu erreichen. Beim stringenten Durchimpfen sind wir darauf angewiesen, dass wir auch bis in die jüngeren Jahrgänge hinein impfen können."

Anzahl Komplikationen wird zunehmen, falls das Virus in die Kinder gedrängt wird

Würden viele Kinder daran erkranken, wird die Anzahl der Komplikationen absolut natürlich zunehmen. "Erst wenn man eine Herdenimmunität hat und sieht, dass das Virus gar nicht in die Kinder und Jugendlichen geht, dann ist es natürlich auch ein Argument, dass man sagt, man ist etwas zurückhaltender mit der Impfung", so der Experte.

Erst dann könne man schauen, ob es Risikogruppen gebe, bei denen priorisiert werden muss. Insgesamt könne man hier auch gut von anderen Ländern lernen: "Die Israelis haben die 16- bis 18-Jährigen geimpft, Großbritannien nicht, in beiden Ländern läuft der Schulbetrieb und in beiden Ländern hat man gesehen, dass das Virus nicht in die Kinder und Jugendlichen übergeschwappt ist."

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Für viele Menschen rückt der erste Corona-Impftermin immer näher. Aber noch sind viele Fragen offen und täglich kommen neue hinzu. Wann kann ich mir einen Termin machen? An wen kann ich mich für einen Impftermin wenden? Darf ich mir meinen Wirkstoff selbst aussuchen und muss ich nach der Impfung die AHA-Regeln beachten? Sollte ich mich impfen lassen, obwohl ich schon Corona hatte? Diese und weitere Fragen beantworten wir hier in unserer Web-Story.

TVNOW-Doku "Kinder in der Corona-Krise"

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