Neue Studie beweist auslösende Wirkung

Harvard-Forscher: Multiple Sklerose ist Spätfolge einer Virusinfektion

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunkrankheit und nicht heilbar. Doch in Zukunft könnte sie präventivmedizinisch verhindert werden.
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunkrankheit und nicht heilbar. Doch in Zukunft könnte sie präventivmedizinisch verhindert werden.
© Pornpak Khunatorn

15. Januar 2022 - 8:44 Uhr

Schon lange steht das Epstein-Barr-Herpesvirus im Verdacht, einer der Hauptauslöser für die Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose zu sein. Jetzt liefert eine neue Studie aus den USA weitere stichfeste Beweise für diese Forschungsthese. Die Wissenschaftsgemeinschaft ist begeistert, Multiple-Sklerose-Experten aus Deutschland bezeichnen die Studie als Meilenstein. Unklar ist jedoch immer noch, wie die Krankheit optimal bekämpft werden kann.

Epstein-Barr-Virus schon länger im Verdacht

Seit geraumer Zeit schon haben Forscher weltweit das Epstein-Barr-Virus (EBV), das zur Familie der Herpesviren gehört, als möglichen Auslöser von Multipler Sklerose im Visier. Jetzt gelang es einem Team von Wissenschaftlern um den Epidemiologen Alberto Ascherio von der Harvard University, einen Nachweis zu erbringen.

Sie überprüften die auslösende Rolle des Erregers anhand der Daten von mehr als 10 Millionen jungen Mitarbeitern der US-Streitkräfte, die zwischen 1993 und 2013 regelmäßig auf HIV untersucht worden waren. Bei 955 Teilnehmern wurde eine MS festgestellt. In den archivierten Blutproben der Betroffenen fahndeten die Forscher nach Antikörpern gegen EBV und andere Viren, um festzustellen, mit welchen Erregern sie vor Ausbruch der MS-Erkrankung in Kontakt gekommen waren. Die Studienergebnisse wurden im "Science"-Magazin publiziert.

Der Erreger ist eine Ursache der Erkrankung

Bis auf einen Patienten hatten alle eine EBV-Infektion durchgemacht, da sie Antikörper gegen sie im Blut hatten. Die Autoren gehen davon nun aus, dass eine Infektion mit dem Erreger das Risiko für die Autoimmunerkrankung MS um das 32-Fache erhöht. Es deute zudem stark darauf hin, dass der Erreger eine Ursache der Erkrankung sei - und nicht bloß ein Begleitphänomen, wie bisher teilweise angenommen wurde. Erhärtet wird dieser Beobachtung zudem, weil die Blutproben ebenfalls auf Antikörper gegen weitere Viren durchsucht wurden - zum Beispiel auf das ebenso zu den Herpesviren zählende Cytomegalievirus, das auch durch Speichel übertragen wird. Und dabei fanden die Forscher keinerlei Zusammenhang.

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EBV-Impfung gegen Multiple Sklerose

Eine Strategie zum Schutz vor Multipler Sklerose müsse daher direkt auf das Epstein-Barr-Virus abzielen, etwa durch Impfungen, empfiehlt das Harvard-Team daher. "Das extrem niedrige MS-Risiko bei EBV-negativen Individuen deutet darauf hin, dass die weitaus meisten MS-Fälle durch EBV verursacht werden und so durch eine geeignete Impfung möglicherweise verhindert werden könnten", schreiben sie. Zudem könne eine Impfung auch vor mit EBV-verbundenen Krebserkrankungen schützen, wie zum Beispiel dem Hodgkin-Lymphom und Burkitt-Lymphom. Der Corona-Impfstoff-Pionier Biontech arbeitet zurzeit an einem mRNA-Impfstoff gegen den Erreger.

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Experten: „Studie ist ein Meilenstein“

Und der müsste auch ein Leben lang schützen, so Experten. "Denn je später im Leben sich ein Mensch mit dem Epstein-Barr-Virus infiziert, desto höher das Risiko für das Pfeiffersche Drüsenfieber", sagt Klemens Ruprecht, Leiter der Multiple Sklerose-Ambulanz am Campus Mitte der Berliner Charité, gegenüber ntv.de. Trotzdem ist der Experte sicher: "Diese Arbeit ist der letzte Puzzlestein, die Ergebnisse lassen praktisch keinen Zweifel mehr an einem kausalen Zusammenhang zu." Auch Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Klinik am St. Josef Hospital der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und Vorsitzender des Ärztlichen Beirats der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) urteilt demnach: "Die Studie ist ein Meilenstein, an den Resultaten kommt man nicht vorbei."

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In Deutschland 150.000 Menschen betroffen

Weltweit sind etwa 2,8 Millionen Menschen an MS erkrankt, in Deutschland etwa 150.000 Menschen. MS trifft vor allem junge Menschen: Üblicherweise wird MS zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr diagnostiziert. Es gibt aber auch Kinder und Jugendliche, die erkranken, Erstdiagnosen nach dem 60. Lebensjahr sind hingegen eher selten. An einer schubförmigen MS erkranken ungefähr doppelt bis dreimal so viele Frauen, bei den anderen Verlaufstypen von MS erkranken sowohl Männer als auch Frauen gleichermaßen. Verlauf und Beschwerdebild sind allerdings von Patient zu Patient unterschiedlich. MS ist weder tödlich noch ansteckend. (ija)