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Recherche bei Telegram: 250 Todesdrohungen aus Querdenker-Szene in zwei Monaten

Gegen Menschen aus Politik, Wissenschaft und Journalismus

Recherche bei Telegram: 250 Todesdrohungen aus Querdenker-Szene in zwei Monaten

Das Wort «Querdenken» trägt ein Teilnehmer einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen auf dem Rücken während er den Organisatoren Jens Kaufmann (l) filmt. Auf dem Veranstaltungsgelände müssen die Demonstranten wegen des Coronavirus einen Mund-Nasensc
Coronavirus - Protest (Symbolfoto)
bwu jai, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild, Bernd Wüstneck

User fragt, ob er Minister "abknallen" darf

Wie weit verbreitet sind Tötungsaufrufe aus der sogenannten Querdenker-Szene in Deutschland? Seit Mitte November wird einem Medienbericht zufolge täglich zum Tod von Personen aus Politik, Wissenschaft, Medizin, Behörden und Medien aufgerufen. Das berichtet "tagesschau.de" unter Berufung auf eigene Recherchen in geheimen und offenen Telegram-Chatgruppen. Zwischen 1. November bis 31. Dezember 2021 habe es in den untersuchten Chaträumen mehr als 250 Tötungsaufrufe gegeben.

Nur an drei Tagen kein Tötungsaufruf

Michael Kretschmer
Ministerpräsident Michael Kretschmer
deutsche presse agentur

Dies sei jedoch nur die Spitze des Eisberges, da sich Telegram - anders als Twitter - nicht komplett durchsuchen lasse, sondern nur die Kanäle und Chats, in denen man selbst Mitglied ist. Die meisten Chatgruppen sind geheim und können nur mit einem Einladungslink betreten werden. "Lediglich an drei Tagen Anfang November konnte in den untersuchten Chaträumen kein Tötungsaufruf gefunden werden, an dem nicht ein Galgen, eine Guillotine oder ein Strick für Politiker*innen, Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen, Polizist*innen oder Journalist*innen gewünscht wurde", heißt es in einer Mitteilung.

Lese-Tipp: Morddrohungen, Raubkopien & Hass – ist Telegram das neue Darknet?

Die Tötungsaufrufe seien sowohl in geheimen als auch in offenen Chatgruppen verbreitet worden, oftmals sogar unter dem mutmaßlich richtigen Namen. Widerspruch habe es selbst in großen Chats mit mehr als 50.000 Mitgliedern fast nie gegeben.

Dies deckt sich mit Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden. Seit dem Herbst sei hier eine Zunahme zu beobachten, hieß es. Telegram sei nach wie vor der wichtigste Kanal für die Verbreitung solcher Äußerungen, die in den Chats in der Regel unwidersprochen blieben.

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In der Mitteilung wird aus einem Chat über Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer vom 31. Dezember zitiert: "Kretschmer und seine Söldner [Anm. der Redaktion: Polizisten] gehören Hingerichtet [sic!] wegen Hochverrat an das Volk!!"

In einem anderen Chat habe ein User gefragt, ob er Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP)
"abknallen" dürfe.

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picture alliance/dpa, Markus Scholz

Neben Kretschmer und Buschmann seien auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), CDU-Chef Friedrich Merz, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der amtierende Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) seien Opfer dieser "hemmungslosen Gewaltaufrufe", so "tagesschau.de".

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Besonders ein Telegram-Chat von angeblich überwiegend Soldaten und Reservisten sei durch häufige Tötungsaufrufe aufgefallen. Das unlängst bekannt gewordene Droh-Video des Soldaten Andreas O. sei kein Einzelfall, so das Ergebnis der Recherchen.

Neben den Gewaltaufrufen gegen Politiker wird auch die zunehmende Aggressivität gegenüber Journalisten und Medienunternehmen thematisiert. Als Beispiel wird unter anderem ein Beitrag aus der "Süddeutschen Zeitung" genannt, der so kommentiert wurde: "Macht den Propaganda Laden dem Erdboden gleich. Volksverräter an den Galgen". (uvo)