Ein normaler Job für viele Frauen, ein Albtraum für andere

Leihmütter in der Ukraine: Das Geschäft mit den Babys

25. November 2020 - 19:56 Uhr

Im Video: Reportage aus einer Leihmutter-Agentur in der Ukraine

Der unerfüllte Wunsch nach einem eigenen Kind kann Paare oft jahrelang verzweifeln und leiden lassen, nicht selten zerbrechen Beziehungen daran. Für viele ist deshalb ein Baby durch eine Leihmutter die letzte Hoffnung. In Deutschland ist Leihmutterschaft zwar verboten, doch in der Ukraine sieht es anders aus: Dort boomt die Baby-Industrie – das harte Geschäft bringt allerdings nicht nur glückliche Eltern hervor, sondern lässt auch viele auf der Strecke. RTL-Reporterin Nadja Kriewald hat in der Branche recherchiert – wir zeigen die Geschichte einer Leihmutter im Video.

In der Ukraine gibt es Dutzende Baby-Agenturen

Eine der größten Leihmütteragenturen in der Ukraine ist die Firma Biotexcom. Etwa 500 Frauen tragen derzeit Babys für Paare aus, die die Agentur beauftragt haben. Im Juni gab es in Kiew wegen der Corona-Pandemie sogar eine Art "Baby-Stau", weil Paare nicht in die Ukraine einreisen konnten, um ihre Babys abzuholen. Zwischen 40.000 und 65.000 Euro zahlen die werdenden Eltern aus aller Welt an die Agentur von Albert Totchilovsky. Knapp ein Drittel dieser Summe bekommen die Frauen, die neun Monate lang ein fremdes Baby in ihrem Bauch tragen. Vorwürfe, er benutze die Frauen, weist Totchilovsky zurück. "Wenn das eine Ausbeutung der Frau ist, dann eine freiwillige, mit ihrer Zustimmung", sagt der 43-Jährige.

Im Video: Baby-Stau in der Ukraine wegen Corona

15.000 bis 20.000 Euro bekommen die Frauen für eine Leihmutterschaft

Eine dieser Frauen ist Svetlana, es ist ihre erste Leihmutterschaft. Sie hat bereits ein eigenes Kind, nun ist sie erneut schwanger – aber nicht für sich. "Ich weiß sehr wohl, was ich hier tue. Mein eigenes Kind liebe ich sehr, aber dieses hier in meinem Bauch wird von anderen Eltern geliebt und ich sehe das nicht als mein eigenes Kind an", erklärt Svetlana im Interview mit RTL-Reporterin Nadja Kriewald. Für sie sind 15.000 Euro viel Geld. Das durchschnittliche Monatseinkommen in der Ukraine liegt weit darunter – knapp 300 Euro bekommen Menschen hier im Schnitt für ihre Arbeit. Svetlana hat zwei Jobs, um über die Runden zu kommen. "Für das Geld, das ich hier verdiene, will ich mir eine Wohnung kaufen", sagt sie.

Nicht alle Leihmutter-Agenturen in der Ukraine sind seriös

Nicht rauchen, nicht trinken, keine Drogen: Svetlana hat sich vertraglich verpflichtet, gesund zu leben. Regelmäßig besucht sie alle vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen – das Paar aus dem Ausland wünscht sich schließlich ein gesundes Baby. Doch nicht alle Agenturen arbeiten seriös – das Wohl der Leihmutter kommt bei einigen zu kurz. Ira, eine weitere Leihmutter, die RTL am Rande von Kiew trifft, droht die Entfernung ihrer Gebärmutter. Ihre zweite Leihmutterschwangerschaft ging schief. Der Fötus hat sich nicht weiterentwickelt, er musste abgetrieben werden. Ira wurde krank. Statt Hilfe bekommt sie nur einen Bruchteil des vereinbarten Geldes, und die Agentur versucht sich laut Ira aus der Verantwortung zu ziehen.

Deutsche Paare müssen von Leihmüttern ausgetragene Kinder adoptieren

Die Kinder sind mit den Leihmüttern nicht verwandt, ihnen werden meist die Eizellen der künftigen Mutter bei einer künstlichen Befruchtung eingesetzt. Die Babys werden direkt nach der Geburt von der Leihmutter getrennt – damit keine Bindung entsteht. Bis ihre Eltern aus dem Ausland sie abholen, werden sie von Krankenschwestern umsorgt.

Doch auch zurück in Deutschland ist der Weg mit einem Kind von einer Leihmutter kein leichter. Der Bundesgerichtshof (BGH) entschied im vergangenen Jahr in einem Fall, dass die Ukrainerin die leibliche Mutter des Kindes bleibe. Die Deutsche, die ihr Kind mit Hilfe einer ukrainischen Leihmutter zur Welt brachte, konnte sich auf dem deutschen Standesamt nicht als Mutter eintragen lassen, wie aus dem BGH-Beschluss hervorging. Ihr bliebe nur die Adoption, hieß es.