Panikattacken, Psychosen, Todesfälle

Legal Highs: So gefährlich sind die frei erhältlichen Drogen

15. Juni 2021 - 15:36 Uhr

„Er ist nicht mehr aufgewacht“

Sie werden als Kräutermischungen, Badesalze oder Partypillen angeboten: Sogenannte Legal Highs sind im Internet frei erhältlich - auch für Jugendliche. Doch ihre Wirkung ist vergleichbar mit Cannabis, Ecstasy, Kokain oder LSD und gleichzeitig unberechenbar. Genau das macht sie so gefährlich, wie auch Timo am eigenen Leib erfahren muss: Jahrelang ist er von Legal Highs abhängig, beklaut schließlich sogar seine Mutter, kommt in den Jugendarrest. Heute ist er endlich clean, doch die Zeit der Sucht verfolgt ihn jeden Tag. Im Video schildert er, wie sie ihn veränderte und wie er einen der schlimmsten Momente erlebte: den Tod seines Freundes.

Vermeintlich legales Produkt wirkt wie LSD

Wie kann etwas so Gefährliches frei erhältlich sein? Neue psychoaktive Substanzen oder NPS, wie Legal Highs auch genannt werden, umgehen gezielt das Betäubungs- beziehungsweise Arzneimittelgesetz: Ihre chemische Zusammensetzung ist immer etwas anders als die verbotener Drogen. "Man nimmt eine legale Substanz auf, und im Körper entsteht dann daraus das illegale LSD", erklärt Toxikologe Prof. Dr. Volker Auwärter an einem Beispielprodukt, das unsere Reporterin problemlos kaufen konnte. Bei der aufgedruckten Warnung, dass die Substanzen nicht für den menschlichen Konsum bestimmt seien, handle es sich um Pseudohinweise, so die Ärztekammer Nordrhein.

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Legal Highs: Das sind die krassen Nebenwirkungen

Die Folgen, die neben dem von Konsumenten gewünschten Rausch auftreten können, sind unberechenbar. "Die sehen ja alle sehr putzig aus, aber sind alle lebensgefährlich. Der Verbraucher weiß ja gar nicht, was da drin ist", stellt Internist Dr. Alexander Lorscheidt klar. "Von daher ist das ein Roulette-Spiel, bei dem man auch alles verlieren kann – einschließlich dem Leben." Eine "sichere" Dosierung ist kaum möglich, da auf den Produkten weder Menge noch Art der verwendeten Stoffe deklariert werden. "Es gibt kein Gegengift gegen diese Legal Highs, das muss man ganz klar sagen", so Dr. Lorscheidt.

Gesicherte Erkenntnisse über gesundheitliche Beeinträchtigungen gibt es bisher nicht, nicht zuletzt aufgrund der hohen Dunkelziffer von Konsumenten. Legal Highs können diverse körperliche und psychische Reaktionen auslösen: Die Ärztekammer Nordrhein warnt vor Schweißausbrüchen, Kreislaufstörungen, Herz-Rhythmusstörungen, Halluzinationen, Panikattacken, Bewusstlosigkeit, Nierenversagen, Psychosen und im schlimmsten Fall dem Tod. Außerdem gehen Experten von einem hohen Suchtpotenzial aus.

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Gesetz gegen NPS als wirkungslos kritisiert

Seit 2016 gibt es das "Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz", das es verbietet, bestimmte Stoffgruppen in den Handel zu bringen, sie zu besitzen oder anderen zu verabreichen – statt wie bisher nur für einzelne Substanzen.

Dennoch finden die Hersteller von NPS immer noch Lücken, um das Gesetz zu umgehen. Laut einer Evaluation des Instituts für Therapieforschung München (IFT), die 2020 dem Bundestag vorgelegt wurde, zeigen sowohl Konsumentenbefragungen als auch epidemiologische Daten, "dass die Gesetzeseinführung keinen wesentlichen Einfluss auf die Konsumprävalenz zu haben schien." Kirsten Kappert-Gonther, Mitglied des Gesundheitsausschusses des Bundestags, kritisierte deshalb in der deutschen Apotheker-Zeitung: "Das Verbot hat den Konsum nicht verhindert, sondern nur zu einer Verdrängung auf den Schwarzmarkt geführt, wo es überhaupt keine Kontrolle mehr gibt." (rka)

Sucht hat viele Gesichter: Wenn Sie oder eine nahestehende Person Hilfe benötigen, finden Sie hier erste Anlaufstellen.

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