Immer mehr junge Menschen süchtig nach Schmerzmittel

Trend-Droge Tilidin: So schnell macht sie abhängig

26. Oktober 2020 - 10:07 Uhr

Opioid ist trotz Verschreibungspflicht einfach zu bekommen

Tilidin gilt als eine der Trend-Drogen unter Jugendlichen – nicht zuletzt, weil es in Texten von Rappern wie Capital Bra gehypt wird. Doch das starke Opioid ist nicht ohne Grund verschreibungspflichtig: Es lässt nicht nur Schmerzen verschwinden, sondern enthemmt, macht angstfrei und high – und oftmals auch aggressiv. Zu welchen gefährlichen Situationen das bei ihm bereits führte, erzählt ein Tilidin-Konsument im Video. RTL-Reporterin Anke Reichardt wollte wissen: Wie einfach kommen junge Menschen auch ohne Rezept an das Schmerzmittel?

Zahl der Tilidin-Verschreibungen stark angestiegen

Tilidin Tagesdosen (DDD) 2010 bis 2019
Die Tabelle der AOK zeigt: Männliche gesetzlich Versicherte zwischen 15 und 20 Jahren bekommen immer mehr Tilidin verschrieben
© Wissenschaftliches Institut der AOK

Schon bei legal verschriebenem Tilidin ist der Blick auf die Zahlen bei jungen Männern zwischen 15 und 20 Jahren erschreckend. Aus Daten der AOK geht hervor: Während ihnen 2010 noch 50.000 Tagesdosen verordnet wurden, waren es 2019 bereits 2,27 Millionen Tagesdosen – ein drastischer Anstieg also. Hinzu kommt die illegale Beschaffung über den Schwarzmarkt.

Online-Bestellung ohne Rezept

Die erfolgt zum einen über das Darknet, die "dunkle Seite" des Internets. Hier findet RTL-Reporterin Anke Reichardt schnell Angebote, bei denen sie pro Tilidin-Tablette nur rund zwei Euro zahlen müsste. Zum anderen stößt sie jedoch auch auf eine vermeintliche Online-Apotheke – angeblich aus Holland – die die Tabletten ohne vorliegendes Rezept eines Arztes verschickt. Dafür müsste Reichardt nur einen medizinischen Fragebogen ausfüllen. Auf der Website wird sie darauf hingewiesen, dass die Bestellung nach Deutschland strafbar wäre, angeboten wird sie aber trotzdem.

Straßenhandel und gefälschte Rezepte

Neben dem Straßenhandel kommen Abhängige außerdem auch über gefälschte Rezepte an das Opioid, erklärt Olaf Schremm vom Drogendezernat Berlin: "Wir haben Rezeptdiebstähle in Krankenhäusern und Arztpraxen teilweise im vierstelligen Bereich gehabt. Sie werden dann mit fiktiven Daten ausgefüllt und in der Apotheke eingelöst."

Wird man bei solchen illegalen Methoden erwischt, drohen hohe Strafen. Oft sind die ohne Rezept angebotenen Schmerz- und Beruhigungsmittel außerdem aus Krankenhäusern gestohlen und fehlen da, wo man sie braucht.

Arzt und Rapper warnen vor quälender Sucht

Capital Bra warnt seine Fans vor Tilidin
Capital Bra warnt seine Fans inzwischen vor Tilidin
© imago images/Photopress Müller, SpotOn

Maurice Cabanis ist Leitender Oberarzt der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten am Klinikum Stuttgart. Seinen Erfahrungen zufolge sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, die aus prekären Lebenssituationen kommen, von der Tilidin-Sucht gefährdet. Etwa, wenn sie vernachlässigt oder misshandelt wurden oder sexuelle Gewalt erleben mussten und traumatisiert sind.

"Opioide bringen ein warmes und geborgenes Gefühl, das man zu Hause vielleicht nie hatte und nie gespürt hat", so Cabanis. Wenn Tilidin dann in der Szene oder in Songs als Superdroge verherrlicht werde, sei dies fatal. Ein Entzug sei je nach Konsummenge quälend, verbunden etwa mit starken Muskelschmerzen, Erbrechen, Unwohlsein, Zittern und Schwitzen.


Auf die Fragen an Künstler, die Tilidin in ihren Songs verherrlichen, bekam RTL-Reporterin Reichardt keine Antwort. Zumindest Capital Bra hat sich inzwischen allerdings öffentlich von der Droge distanziert und warnt in einem Interview mit der NDR-Sendung "STRG_F": "Du sitzt dann da wie ein vercrackter Junkie. (…) Es ist auf jeden Fall nichts Cooles, macht es auf jeden Fall nicht nach!"