Corona-Intensivstationen immer voller, die Angst vor der Triage wächst

DIVI-Leiter Kara­gi­an­n­idis schlägt Alarm: In 7-10 Tagen wird es uns "voll treffen"

15. April 2021 - 13:10 Uhr

Prof. Janssens zu Anstieg bei Corona-Intensivpatienten: "Das wäre vermeidbar gewesen!"

Die Infektionszahlen steigen, die Intensivstationen füllen sich und die Angst vieler Mediziner wächst: Denn sind die Intensivbetten voll, müssen Ärzte entscheiden, wer zuerst behandelt wird – und wer nicht. Manchmal ist das eine Entscheidung über Leben und Tod. Triage nennt sich dieses Vorgehen, das nicht zum ersten Mal in der Corona-Pandemie im Raum steht. Laut Prof. Michael Hallek, Direktor der Inneren Medizin an der Kölner Uniklinik, könnte diese Situation schon in einer Woche eintreten, wie er am Dienstag in der "Aktuellen Stunde" beim WDR sagte. Und auch Prof. Chris­tian Kara­gi­an­n­idis, wissenschaftlicher Leiter des Intensivbettenregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), schlägt nun auf Twitter Alarm: "Liebe Intensivmediziner, die heutigen #Infektionszahlen werden uns in 7-10 Tagen voll treffen."

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Karagiannidis: "So etwas hat es noch nicht gegeben“

In seine Tweet appelliert Karagiannidis an die Intensivmediziner, die sich wegen der aktuell hohen Corona-Infektionszahlen auf weiter steigende Zahlen der Intensivpatienten einstellen müssen. Dem wissenschaftlichen Leiter der DIVI zufolge sei die britische Mutation B.1.1.7 verantwortlich für eine höhere Intensivpflicht als in der zweiten Welle. Um die ohnehin schon überfüllten Intensivstationen zu entlasten, rät er dazu, Patienten auf Betten in der Region zu verteilen.

Im "Tagesspiegel" fordert er schnelles Handeln, um die dritte Corona-Welle einzudämmen: "Wir können es uns nicht leisten, noch wochenlang zu diskutieren." Karagiannidis sagte, den Tod seien Intensivmediziner zwar gewohnt - "aber so etwas hat es noch nicht gegeben". Darüber hinaus befürchtet er eine "große Kündigungswelle". Nach einem Jahr Pandemie seien die Mitarbeiter in den Krankenhäusern erschöpft. "Das Pflegepersonal und die Ärzte sind müde. Richtig müde."

Für Intensivmediziner Prof. Uwe Janssens ist klar: Hätte die Politik früher reagiert, wäre ein Anstieg der Corona-Intensivpatienten vermeidbar gewesen, wie er im Interview mit RTL erklärt.

DIVI-Präsident: "Es brennt"

Bundesweit warnen Mediziner mittlerweile vor einer Überfüllung der Intensivstationen. Allein in den vergangenen vier Wochen sind die Zahlen enorm gestiegen. Vor allem in Großstädten und Ballungsräumen sind kaum noch Intensivbetten verfügbar.

Bereits vergangene Woche berichtete der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, vor der besorgniserregenden Lage in den Kliniken: "Es brennt. Die Lage ist sehr dramatisch. Jeder Tag zählt." Es gebe einen ungebremsten und dramatischen Anstieg von Covid-Patienten. Beim Impfen sei die Bundesrepublik auf der Zielgeraden. Deutschland dürfe aber nicht auf den letzten Metern Menschen gefährden - kurz bevor sie durch eine Impfung geschützt werden könnten, sagte er. "Wir brauchen aber mehr Zeit fürs Impfen."

Lese-Tipp: Wie weit sind wir schon? Der aktuelle Corona-Impfstatus in Deutschland

Immer mehr Jüngere auf Intensivstationen

Hinzu kommt, dass immer mehr junge Corona-Patienten auf den Intensivstationen landen. "Wir haben jetzt zwischen 50- und 75-Jährige, die zum Teil auch schwer erkranken, und das macht uns große Sorge. Das Erkrankungsalter ist runtergegangen. Die britische Mutation ist ansteckender und führt auch zu schwereren Krankheitsverläufen. Das werden wir in den nächsten Wochen weiter beobachten und das macht uns natürlich zusätzlich Sorgen. Diese Patienten liegen dann auch deutlich länger auf den Intensivstationen als vorher", erklärt Janssens im RTL-Interview.

Grafik Intensivbetten mit und ohne Notbremse
Was passiert auf unseren Intensivstationen, wenn die Notbremse nicht oder zu spät kommt?
© RTL/NTV

Schuld bei der Politik?

Die Schuld sehen viele Mediziner bei der Politik, denn auf die erneut drohende Überlastung der Intensivstationen aufmerksam gemacht hatten sie bereits vor Wochen. Passiert ist bisher trotzdem nur wenig. Angesichts der Verzögerungen bei der Verabschiedung der bundeseinheitlichen Notbremse warnt auch die Vorsitzende des Ärzteverbandes Marburger Bund, Susanne Johna, vor der Notwendigkeit einer Triage in den Kliniken. "Die Notbremse kommt ohnehin spät. Aber wenn wir noch länger warten, droht eine Überlastung der Intensivstationen. Dann kann eine Triage nötig werden", sagt Johna dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Mittwoch.

Prof. Michael Hallek von der Uniklinik Köln sieht vor allem das aktuelle Wahljahr als Faktor, der ganz viele Entscheidungen verzögert, "weil man Sorge hat, unpopuläre Maßnahmen zu treffen und einen kurzen Lockdown zu beschließen, der wirklich funktioniert", erklärt der Mediziner beim WDR.

Als Richtwert für politische Entscheidungen gilt bislang vor allem die 7-Tage-Inzidenz. Kritiker verlangen, dass auch andere Zahlen mehr hinzugezogen werden sollten. Warum die Zahl der Intensivpatienten uns laut Janssens aber nicht leiten darf bei der Beurteilung der Pandemie und was jetzt dringend zu tun ist, erklärt er im Video oben.

Lese-Tipp: Interaktive Grafik zur 7-Tage-Inzidenz: Droht bei Ihnen die Notbremse? Suchen Sie hier Ihre Region!

Was ist eine Triage?

Bei einer Triage entscheidet das medizinische Personal, wer aufgrund von mangelnden Kapazitäten eine lebensrettende Behandlung erhält und wer nicht. Bei Corona-Patienten geht es dann beispielsweise darum, wer an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden soll. Der Begriff ist eine Ableitung vom französischen Wort "triage" (Auswahl, Sortieren, Sichten) bzw. "trier" (sortieren, aussuchen).

Das Verfahren stammt ursprünglich aus der Militärmedizin und wurde entwickelt, um schnell entscheiden zu können, welcher Verletzte zuerst behandelt wird. Während früher Ziel der Triage war, die Patienten mit den besten Aussichten auf Genesung zuerst zu behandeln, um Soldaten möglichst schnell wieder fit für den Einsatz zu machen, werden heute diejenigen zuerst behandelt, denen es besonders schlecht geht.

In den ersten beiden Corona-Wellen wurde die Triage nicht gebraucht, wie Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, am Samstag gegenüber der "Passauer Neuen Presse" erklärte. Angesichts der steigender Patientenzahlen in der dritten Corona-Welle sei es aber "vorstellbar, dass es zu Situationen kommt, in denen sie angewendet wird".

Lese-Tipp: Prof. Janssens über Triage: Damit könnte ich als Arzt gar nicht leben

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