RTL-Medizinexperte Dr. Specht ordnet ein

Bald keine Ungeimpften mehr in hessischen Supermärkten - macht das Sinn?

15. Oktober 2021 - 19:58 Uhr

Supermärkte bald nur noch für Geimpfte und Genesene?

2G macht's möglich: In Hessen dürfen Einzelhändler künftig selbst darüber entscheiden, ob sie auch Getestete oder nur Geimpfte und Genesene in ihre Läden lassen. Das gilt auch für Supermärkte. Dürfen Ungeimpfte also bald nicht mehr zu Aldi, Rewe & Co.? Wir fragen uns: Wie viel Sinn macht das aus medizinischer Sicht? Und wie hoch ist die Ansteckungsgefahr überhaupt im Supermarkt? RTL-Medizinexperte Dr. Christoph Specht hat die Antworten und erklärt: Der Hauptgrund für diese Regelung ist kein medizinischer.

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Macht 2G im Supermarkt aus medizinischer Sicht Sinn?

"Nein", sagt Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht auf RTL-Nachfrage. "Supermärkte sind keine Hotspots." Das zeigen laut dem Experten immer wieder sämtliche Untersuchungen, die es dazu gebe. "Die Menschen halten sich hier viel zu kurz auf und sind nicht nah genug beieinander. Hier würden auch kaum Infektionen stattfinden, wenn man ohne Maske und ungeimpft reingeht", erklärt Specht weiter. Viel größer sei das Ansteckungsrisiko hingehen in Büros oder im privaten Umfeld.

Der Hauptgrund für die 2G-Regelung ist aus seiner Sicht ein anderer: "Man möchte das Leben der Ungeimpften ungemütlich machen, das führt aber wohl eher zu Bockigkeit", so Specht.

Lese-Tipp: Druck auf Ungeimpfte ja - Hexenjagd aber nicht! Ein Kommentar von RTL-Politik-Chef Nikolaus Blome zu 2G im Supermarkt

Was wären die Konsequenzen von 2G? Lange Schlangen und aufwendige Kontrollen?

Wenn Supermärkte nur noch Geimpfte und Genesene reinlassen und dadurch auf Einschränkungen wie Masken, Abstandsregelungen und Maximalanzahl im Markt verzichten könnten, müssten sie den Status der Kunden auch kontrollieren.

Hier sieht Specht das nächste Problem: "Wenn man so etwas macht, muss man das tatsächlich kontrollieren." Solange wir alle eine Maske tragen, sei es kein Problem. Wenn man allerdings den Impf- oder Genesenenstatus überprüfen wolle, müsse man Personal dafür bereitstellen. "Das halte ich für völlig illusorisch", so Specht.

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Dr. Specht vor Supermarkt (Collage)
Dr. Christoph Specht findet das 2G-Modell in Supermärkten aus medizinischer Sicht wenig sinnvoll.
© RTL

Glauben Sie, dass 2G von den großen Supermarktketten umgesetzt wird?

"Ehrlicherweise nein", sagt Specht, "Man kann eigentlich nur hoffen, dass das ein holpriger Übergang zur Normalität ist, die spätestens zum Ende des Winters eintreten sollte. Ich halte davon nichts."

2G im Einzelhandel hätte vielleicht Sinn gemacht, wenn die Impfung eine sterile Impfung wäre, erklärt Specht. Wie wir wissen, können sich aber auch Geimpfte infizierten. Je länger die Impfung her ist, desto häufiger wird das passieren, so der Experte. "Selbst wenn ich in einem Laden also nur Geimpfte habe, kann ich nicht davon ausgehen, dass keine Infektion stattfindet, dann infizieren sich halt Geimpfte untereinander". Die Impfung senke zwar das Risiko, sich zu infizieren, und schütze einen vor einem schweren Krankheitsverlauf, aber eine Ansteckung sei dadurch nicht unmöglich.

Für den Medizinexperten sei der jetzige Weg immer noch der beste, sofern man im Auge habe, dass das Maskentragen auch wieder ende, wenn es die Corona-Lage zulässt.

Was sagen die Einzelhändler in Hessen?

Für vier von fünf Handelsbetrieben in Hessen ist das sogenannte 2G-Modell übrigens keine Option. Das geht aus einer am Freitag abgeschlossenen Blitz-Umfrage des Handelsverbands Hessen hervor. Lediglich Unternehmen mit beratungsintensiven Sortimenten - wie Brautmoden- und Fotofachgeschäfte oder Optiker - können sich mehrheitlich vorstellen, nur noch Corona-Geimpfte und Genesene in ihren Läden zu begrüßen.

Aldi Nord und Aldi Süd haben auf Nachfrage von RTL erklärt, dass Zutrittsbeschränkungen zu den Märkten im Sinne einer 2G- oder 3G-Regelung derzeit nicht geplant seien. "Wir sind davon überzeugt, dass die zahlreichen Maßnahmen, die in den vergangenen Monaten in allen Märkten umgesetzt wurden, sinnvoll dazu beitragen, unsere Kundinnen und Kunden sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestmöglich zu schützen. Einzelne Kundengruppen vom Einkauf auszuschließen, würde grundsätzlich unserem Selbstverständnis des zuverlässigen Grundversorgers widersprechen. Unser Anspruch ist es, weiterhin alle Kundinnen und Kunden jederzeit mit all dem zu versorgen, was sie für ihren täglichen Einkauf benötigen."

Auch Lidl und Rewe erklärten gegenüber RTL, dass sie die 2G-Regel nicht einführen werden. Von der Rewe Group, zu der auch der Discounter Penny und toom Baumarkt gehören, heißt es: "Die Märkte der Rewe Group werden diese Möglichkeit des 2G-Optionsmodells in Hessen nicht nutzen. Die bisherigen Regelungen in unseren Märkten haben sich in der Praxis sehr gut bewährt." (akr)