Ministerpräsidentin lässt sich nicht aufhalten

Tapfere Malu Dreyer: Im Rollstuhl durchs Katastrophengebiet - trotz Multipler Sklerose

21. Juli 2021 - 10:44 Uhr

So schwer fiel es Malu Dreyer, den Rollstuhl zu akzeptieren

Am Sonntagabend (18. Juli) machten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer ein Bild über die Lage in Schuld in der Eifel. Mehrere Häuser sind eingestürzt, es gibt Tote und Vermisste. "Wir versuchen sehr, sehr schnell, das zu organisieren, dass die Hilfe auch direkt hier ankommt", versichert die Ministerin Betroffenen und Helfern. Im Gespräch ist ihr nicht anzumerken, dass sie selbst auch auf Unterstützung angewiesen ist. Die Bundeskanzlerin muss ihre Kollegin auf den zerstörten Straßen beim Gehen stützen. Teilweise fährt die Ministerpräsidentin auf einer Art elektrischem Roller durch die zerstörten Straßen. Der Grund dafür: Malu Dreyer leidet seit 26 Jahren an Multipler Sklerose.

Für MS-Betroffene sind die vielfältigen Symptome der chronischen Erkrankung extrem belastend. Vor allem, wenn sie sichtbar werden – so auch für Malu Dreyer, wie sie uns in einem Interview 2019 erzählte. Warum es ihr besonders schwerfiel, den Rollstuhl zu akzeptieren, das erklärt sie im Video.

Malu Dreyer wird von Angela Merkel während einem langen Fußweg gestützt.
Malu Dreyer, die an MS erkrankt ist, wird während ihres Besuches in Schuld von Bundeskanzlerin Angela Merkel gestützt.
© Getty Images

Vor etwa 26 Jahren die Diagnose: Multiple Sklerose

Die 60-jährige Malu Dreyer bekommt vor etwa 26 Jahren die Diagnose: MS. Genau im gleichen Jahr als die damals 35-Jährige als SPD-Mitglied in die Politik geht. Seitdem lebt sie mit ihrer Krankheit. Im Interview mit der "Initiative Selbsthilfe – Multiple Sklerose Kranker e.V." macht die Politikerin anderen Betroffenen Mut. So wird die 60-Jährige damals zitiert: "Ich habe mich auf die Krankheit eingestellt, sie ist ein Teil, aber nicht der Mittelpunkt meines Lebens. Ich mache regelmäßig meine Übungen und ernähre mich gesundheitsbewusst."

Malu Dreyer lässt sich nicht aufhalten

Ihr Beruf als Ministerpräsidentin ist stressig und durchgetaktet. Dreyer äußert sich erleichtert, dass sie ihren Job so ausführen kann. Weiter heißt es im Interview mit "Initiative Selbsthilfe – Multiple Sklerose Kranker e.V.": "Meine MS-Erkrankung äußert sich glücklicherweise ausschließlich in einer Einschränkung meiner Mobilität; für längere Wege nutze ich auch mal den Rollstuhl oder ein Elektromobil." Wie eben vor wenigen Stunden im Hochwasser-Gebiet Schuld. (gas)

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MS: Symptome, Verlauf, Behandlung

Etwa 130.000 Menschen leiden in Deutschland an Multipler Sklerose. Aber was bedeutet die Diagnose Multiple Sklerose (kurz MS) eigentlich? Hier sind die 10 wichtigsten Fakten zur heimtückischen Autoimmunkrankheit.

10 Fakten zu Multiple Sklerose (MS)

MS: Symptome, Verlauf, Behandlung
Multiple Sklerose: Auch wenn vieles über diese Krankheit noch im Dunkeln liegt, wird intensiv geforscht und gibt es Therapien, die Hoffnung machen.

1. Multiple Sklerose ist eine chronische entzündliche Krankheit des Nervensystems.

Häufig tritt die Krankheit in Schüben auf. MS trifft vor allem junge Menschen - üblicherweise wird MS zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr diagnostiziert. Es besteht ein Problem mit den Nervenfasern des Körpers: Das Gehirn sendet über das Rückenmark Signale zum Körper oder empfängt sie. Diese Signale werden von verschiedenen Nervenfasern geleitet, die von einer Schutzschicht umgeben sind. Entsteht in dieser Schutzschicht ein Entzündungsherd, können die Botschaften nicht mehr richtig oder nur verlangsamt übertragen werden.

2. Die Symptome betreffen den ganzen Körper.

Kribbelmissempfindungen, Taubheit von Armen, Beinen oder im Gesicht, Sehstörungen auf einem Auge, leichte Lähmungen der Arme oder Beine, Koordinationsstörungen und Gleichgewichtsstörungen. Bei schweren Schüben kann es auch zu Lähmungen, Halbseitenlähmungen oder Querschnittslähmungen kommen. Sogar das Wesen des Erkrankten kann sich verändern. Auch eine depressive wie manische Stimmungslage ist möglich.

3. MS ist weder tödlich noch ansteckend.

Weltweit leiden etwa 2,5 Millionen Menschen unter der Krankheit. Multiple Sklerose ist noch nicht heilbar. Es gibt aber verschiedene Formen von Therapien, die den Verlauf beeinflussen können. Während eines MS-Schubes wird Kortison eingesetzt. Das ist entzündungshemmend. In der Regel findet die Kortisontherapie im Krankenhaus statt.

4. Die genaue Ursache von MS ist unbekannt.

Aber die Krankheit tritt familiär gehäuft auf. Forscher vermuten ein ganzes Bündel von Auslösern. Wichtig ist hierbei das Immunsystem. Bei der MS ist das Abwehrsystem des Körpers falsch programmiert: Die Abwehr richtet sich nicht gegen Krankheitserreger, sondern gegen den eigenen gesunden Körper. So bildet der Körper Antikörper, die die Schutzhülle der Nervenfasern schädigen.

5. Ärzte sprechen von der "Krankheit mit den 1.000 Gesichtern"

Der Verlauf und das Beschwerdebild der Krankheit sind von Patient zu Patient sehr unterschiedlich.

6. MS führt nur selten zur Behinderung.

Die Symptome sind zwar extrem belastend, zu einer schweren Behinderung der Patienten kommt es aber in weniger als fünf Prozent der Fälle. Nach 10 bis 15 Jahren geht bei vielen Patienten mit anfänglich schubförmigen Verlauf die MS in einen chronisch voranschreitenden Verlauf über.

7. MS tritt in einigen Familien häufiger auf.

Ein genauer Vererbungsweg ist nicht bekannt, aber Verwandte 1. Grades haben das 15- bis 25-fache Erkrankungsrisiko. Das Risiko des Kindes eines an MS erkrankten Elternteils, ebenfalls an MS zu erkranken, kann noch nicht exakt berechnet werden.

8. Ein Neurologe muss die Krankheit diagnostizieren.

Dafür werden verschiedene Tests und Untersuchungen durchgeführt. Zunächst werden sogenannte versteckte Symptome abgefragt, wie Phasen starke Müdigkeit, depressive Phasen, Missempfindungen oder Blasenprobleme. Dann wird der Arzt die Funktion der Nerven überprüfen. Hier muss er die Kraft, die Empfindungen, die Spannung der Muskeln, Reflexe und Bewegungsabläufe checken.

9. Multiple Sklerose ist kein Argument gegen eine Schwangerschaft

Da gerade viele junge Frauen an Multipler Sklerose erkranken, stellt sich immer wieder die Frage nach dem Risiko einer Schwangerschaft. Aus ärztlicher Sicht spricht in der Regel nichts dagegen. Es scheint sogar so, dass sich eine Schwangerschaft positiv auf den Verlauf der Krankheit auswirkt. Die Schubrate sinkt oft während der Schwangerschaft. Nach der Entbindung kommt es aber häufig zu Schüben.

10. Physiotherapie und Medikamente helfen

Bei den chronisch-progredienten Verlaufsformen werden Chemotherapeutika eingesetzt, die meist alle paar Monate im Krankenhaus verabreicht werden. Bei bleibenden Schäden durch die MS wird Physiotherapie angeordnet, manchmal muss Ergotherapie oder Logopädie dazu kommen. Gegen die Spastik gibt es Medikamente, auch gegen andere Symptome wie Stimmungsveränderungen oder Müdigkeit.