„Ich bin davon ausgegangen, dass ich in dieser Toilette sterbe“

Tag 14 im Halle-Prozess: Wenn die Betroffenen nicht mehr lebensfähig sind

Stephan B. auf der Anklagebank
Stephan B. auf der Anklagebank
© ZB, Hendrik Schmidt, hsc

22. September 2020 - 19:19 Uhr

von Luisa Graf

Im Prozess gegen Stephan B., dem Attentäter von Halle, werden am 14. Prozesstag weitere Zeugen vernommen. Conrad Rößler wird als erster Zeuge gehört. Für mich ist er kein Unbekannter. Er ist der junge Mann, der kurz nach dem Attentat RTL ein Interview gab, das Sie hier sehen können. Beeindruckend, eloquent, ruhig, obwohl er nur Minuten vorher dachte, er wird sterben.

„Welcher Idiot wirft hier mit einem Böller rum?“

Genauso besonnen tritt er heute im Gerichtssaal auf. Er beschreibt, wie er am Tresen des Dönerimbisses stand, auf sein Essen wartete und draußen einen Mann in Militärkleidung mit Waffe sah. Wie dieser Mann etwas warf, das dann auch explodierte. Wie vielen der Betroffenen war auch ihm die Gefahr der Situation nicht bewusst. "Welcher Idiot wirft hier mit einem Böller rum?" fragt er sich noch. Dann verschwimmen seine Erinnerungen. Manches hat sich aber in sein Gehirn eingebrannt. Zum Beispiel die Lautstärke und Panik, die um ihn herum ausbrach. Auch, dass B. mit seiner Waffe in seine Richtung zeigte. Oder an den Mitarbeiter des "Kiez-Döners", der angsterfüllt hinter dem Tresen kauerte und ihm mit dem Finger am Mund deutete, still zu sein.

Panische Flucht im Dönerimbiss

Die anderen Menschen im Dönerimbiss versuchen schon einen Ausweg zu finden, sich zu verstecken. Auch Conrad denkt fieberhaft nach. Findet eine Toilette, allerdings mit einem schweren Metallriegel. Er traut sich nicht, diesen zu nutzen. Zu laut, er will sich nicht verraten, hält die Tür nur mit den Händen zu. Auch geht der 29-Jährige zu diesem Zeitpunkt noch davon aus, dass es sich um mehrere Täter handelt. Außerhalb seines Verstecks hört er Schreie, Schüsse, Explosionen. Er zuckt zusammen, öffnet und schließt so aus Versehen die Toilettentür. Er denkt, er hätte sich so verraten. "Ich bin davon ausgegangen, dass ich in dieser Toilette sterbe."

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Abschiedsnachricht an Familie

In dem kleinen Raum ruft er flüsternd die Polizei. Die Beamtin am Apparat weiß schon über die Sachlage Bescheid, sagt, die Kollegen seien schon vor Ort und verabschiedet sich mit einem "Auf Wiederhören". Das war für Conrad seltsam. Denn er ist immer noch davon überzeugt, dass er in der Toilette sterben wird. Seiner Familie schickt er deshalb eine Abschiedsnachricht.

Conrad realisiert, dass er doch nicht stirbt

Etwa 20 Minuten später hört Conrad Rufe: "Ist da noch jemand?" Er zögert, weiß nicht, ob das eine Falle ist. Doch er gibt sich zu erkennen. Vor der Toilettentür stehen Beamte, er muss die Hände heben, darf die Tür nicht selbst öffnen. Auch die Beamten wissen nicht, ob ihnen ein Täter oder ein Opfer gegenübersteht. Da realisiert Conrad, dass er es geschafft hat, er hat überlebt. Dass es einen Toten gibt, erfährt er erst später.

Zeuge leidet noch immer unter dem Erlebten

Am nächsten Tag geht Conrad wieder zur Arbeit. Doch sein Alltag ist nicht mehr der gleiche. Schon vorher litt er unter leichten Angststörungen, hat Erfahrung mit Panikattacken. Genau dieses Gefühl hatte er in der Toilette. Auch jetzt leidet er unter dem Erlebten. Er mag keine engen Räume ohne direkten Ausgang. Andererseits lebt er jetzt bewusster. Hat ein altes Hobby wieder aufgenommen, um keine Lebenszeit zu verschwenden. "Jeder Tag kann in Sekundenbruchteilen der letzte sein." Das Attentat wird ihn trotzdem weiterhin begleiten und einige Ängste werden nicht weg gehen. "Schwer bewaffnete Polizisten werfen mich in den Tag zurück. Wenn ich die sehe, bin ich sofort wieder auf der Toilette des Dönerladens."

Wenn Betroffene nach einem Anschlag nicht mehr lebensfähig sind

Der nächste Zeuge kann aus gesundheitlichen Gründen nicht aussagen. Die Tat beschäftige ihn so sehr, so seine Anwältin, dass er bei jedem neuen Kontakt dazu große psychische Rückschläge erlebt. Auch soll sein Name in der Presse nicht veröffentlicht werden. Nur so viel: der Zeuge war ein Kollege des erschossenen Kevin S. und mit ihm im "Kiez"-Döner.

Ihr Mandant habe das Vertrauen in sich und andere gänzlich verloren, sagt Rechtsanwältin Doreen Blasig-Vonderlin und verliest eine Erklärung ihres Mandanten. Er gehe seit dem Anschlag nicht mehr alleine vor die Tür, nur in Begleitung, ein Einkauf scheint schier unmöglich, zu groß ist die Angst. Ihr Mandant habe jegliche Lebensfreude verloren, ziehe sich zurück. In ihre Kanzlei nach Leipzig konnte er nicht kommen. Sie besuche ihn in Halle nach den Prozesstagen. Die 500 Meter zu seinem Sohn gehe er nicht zu Fuß, sondern fahre mit dem Auto. Seit dem Anschlag ist er in psychologischer Behandlung, teilweise sogar stationär. Seiner Arbeit könne er nicht mehr nachgehen, ihm wird eine Minderung der Erwerbsfähigkeit um 30 Prozent bescheinigt.

Sein Freund Kevin S. ist tot

Unter anderem Selbstvorwürfe würden ihn umtreiben, so die Anwältin. Er war für Kevin S. verantwortlich, er hatte entschieden mit ihm im "Kiez"-Döner zu essen, so legt die Anwältin die Gedankengänge ihres Mandanten dar. Eine psychische Genesung ist nicht abzusehen, eventuell muss eine weitere stationäre Behandlung vorgenommen werden. Alle Prozessbeteiligten, auch der Angeklagte und seine Verteidiger, sind sich einig, dass niemand den Zeugen zur Aussage zwingen will. Zu eindrücklich sind die langen Atteste und Berichte der psychischen Behandlungen, die die Richterin verliest. "Mein Mandant weiß nicht, ob ein normales Leben jemals wieder möglich sein wird."

Stephan B. fuhr Passanten an

Die nächsten drei Zeugen, die gehört werden, hatten auf Stephan B.s Flucht Berührungspunkte mit ihm. Einer davon wurde angefahren. Er kommt aus Somalia und arbeitet in Halle als Lagerist. Mit seinem Freund steigt er am Tattag aus der Straßenbahn, plötzlich rast ein PKW auf die beiden Männer zu. Im Auto sitzt Stephan B., angeschossen, auf der Flucht. Einer der Zeugen verletzt sich beim Sturz durch Stephan B.s Manöver.

Tötungsabsicht oder nicht?

Der Zeuge erleidet Schürfwunden, wird im Krankenhaus behandelt. Seitdem hat er Angst. Manchmal schaffe er es nicht, in einer Grünphase über die Ampel zu gehen, weil er sich so lange umblickt, ob auch wirklich kein Auto kommt, dass die Ampel dann wieder auf Rot stehe. Doch hat Stephan B. wirklich gezielt die beiden Zeugen ins Visier genommen?

Heftige Diskussionen auf dem Gerichtsflur

Unter den Nebenklageanwälten gehen die Meinungen über Stephan B.s Tötungsabsicht in diesem Moment auseinander. Jan Siebenhüner, der einen der Polizisten vertritt, der auf den Attentäter schoss, meint, dass dieser zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage gewesen wäre, das Anfahren eines Schwarzen zu planen. "Der Somalier kam hinter der Bahn vor, Stephan B. war verletzt und angeschossen und auf der Flucht. Ich glaube nicht, dass das bewusst war." Rechtsanwältin Asia Lewin, die den Sicherheitsbeauftragten aus der Synagoge vertritt, ist sich nicht ganz so sicher. "Zufällig ist die Person, die Stephan B. anfährt, schwarz?" Unfall oder nicht, einig sind sich beide Anwälte darin, dass es im Zweifel für den Angeklagten heißen muss.

Stephan B. bestreitet Tötungsabsicht

dpa/Hendrik Schmidt
Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens muss Stephan B. seit dem ersten Prozesstag immer wieder ermahnen.
© dpa, Hendrik Schmidt, hsc htf

Der Angeklagte lacht zwar während der Aussage des angefahrenen Somaliers, wird von der Richterin auch ermahnt, aber in seiner Aussage bei der Polizei und zu Beginn des Prozesses hatte er beschrieben, dass er den jungen Mann nicht absichtlich angefahren hätte. Es ist eine der vielen Diskussionen am Rande des Prozesses, die am Ende für das Strafmaß allerdings unerheblich ist. Stephan B.s Taten wiegen auch so schwer genug.