Casting-Teilnehmer über Nacht ein Star - „Wegen Frauen, Leben, Freiheit.“

Sein Song „baraye“ wird zum Protestlied im Iran - doch er selbst verhaftet - und gefoltert?

Schülerinnen im Iran singen Protestlied Proteste gegen das Regime
01:04 min
Proteste gegen das Regime
Schülerinnen im Iran singen Protestlied

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von Jan Dafeld

Shervin Hajipours Song „baraye“ entwickelt sich zur Hymne der Protestwelle im Iran. Tausende singen das Lied bei Demonstrationen, iranische Schülerinnen stellen ihre eigene Version ins Netz. Das Video des 25-Jährigen wird wenig später gelöscht, der Künstler festgenommen – und gefoltert?

Das Video der singenden Schülerinnen sehen Sie oben im Video.

Über 40 Millionen Klicks für Shervin Hajipours Song "baraye"

Berühmt war Shervin Hajipour nicht. Im Alter von 22 Jahren hatte der Musiker mal bei einer iranischen Castingshow teilgenommen, doch seinen Namen kannte kaum jemand – selbst im Iran. All das ändert sich, als der 25-Jährige seinen Song „baraye“ bei Instagram hochlädt. Das Lied wird innerhalb kürzester Zeit mehr als 40 Millionen Mal angeklickt. Shervin Hajipour wird über Nacht zum Star.

Den Text seines Liedes hat Shervin Hajipour aus Tweets zusammengebaut. Tweets, die die Proteste im Iran unterstützen. Tweets, die zeigen sollen, wieso so viele Menschen in dem islamischen Land auf die Straße gehen.

Übersetzt heißt „baraye“ in etwa „wegen“. Und so heißt es in dem Song beispielsweise: „Wegen der korrupten Wirtschaft“. „Wegen der Sehnsucht nach einem normalen Leben.“ „Wegen der Angst, sich auf der Straße zu küssen.“ „Wegen der Studenten und ihrer Zukunft.“ Und vor allem: „Wegen Frauen, Leben, Freiheit.“

Proteste im Iran: "baraye" wird zur Hymne der Demonstrierenden

Shervin Hajipours Song "baraye" wurde zur Hymne der Proteste im Iran.
Shervin Hajipours Song "baraye" wurde zur Hymne der Proteste im Iran.
Twitter/BBCArdalan

Im Iran sorgte Shervin Hajipours Song für eine Welle der Begeisterung. „Dieses Lied hat heute Nacht die persischen sozialen Medien zusammenbrechen lassen“, schrieb Bahman Kalbasi, Iran-Korrespondent der BBC, bei Twitter. „So viele von uns haben geweint, als wir ihn uns wieder und wieder angehört haben.“

Die Journalistin Natalie Amiri sagte dem „Deutschlandfunk“: „All das, was die Islamische Republik dem Volk in den 43 Jahren ihres Bestehens angetan hat, kommt in dem Lied vor.“ Und so nahm „baraye“ im Iran eine immer größer werdende Rolle ein. Mittlerweile ist das Lied die Hymne einer gewaltigen Protestwelle.

Demonstrantinnen sangen die Zeilen des Songs, sowohl im Iran, aber auch bei Kundgebungen im Ausland, darunter auch Deutschland. Iranische Schülerinnen ließen sich – ohne Kopfbedeckung – filmen, wie sie das Lied in einer Schule singen. (Die Szene sehen Sie oben im Video).

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Offenbar mehr als 100 Tote bei Protesten im Iran

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Entladen hatte sich die Wut der jungen Frauen im Iran nach dem Tod von Mahsa Amini am 16. September. Die 22-Jährige hatte mit ihrer Familie Urlaub in Teheran gemacht und war festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch nicht richtig getragen haben soll. Sie starb später unter ungeklärten Umständen in Haft. Vermutlich wurde sie zu Tode geprügelt.

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Iran: Shervin Hajipour wird festgenommen - und entschuldigt sich

Der Tod von Mahsa Amini sorgte für eine Protestwelle im Iran.
Der Tod von Mahsa Amini sorgte für eine Protestwelle im Iran.
www.imago-images.de, IMAGO/Willi Schewski

Auch viele der Tweets, die Shervin Hajipour in sein Lied aufgenommen hatte, enthielten den Hashtag #MahsaAmini. Und auch der Sänger wurde von iranischen Behörden festgenommen – ebenso wie die 22-Jährige.

Mittlerweile soll der Musiker wieder aus der Haft entlassen worden sein. In seiner Instagram-Story entschuldigte sich Shervin Hajipour sogar für sein Lied und stritt ab, eine politische Botschaft gesetzt haben zu wollen. Womöglich wurde er gefoltert.

„Es tut mir leid, dass einige bestimmte Bewegungen, die außerhalb des Irans ansässig sind - zu denen ich keine Beziehungen habe - dieses Lied politisch unangemessen verwendet haben“, hieß es. „Ich würde dieses Land nicht gegen ein anderes eintauschen und ich bleibe für mein Heimatland, meine Flagge, mein Volk.“

Womöglich wird „baraye“ also bald eine weitere Zeile hinzugefügt werden: „Wegen erzwungener Instagram-Stories“.