Dieser Vorschlag geht Epidemiologen zu weit

Südafrikanische Ärztin sieht „Omikron als Chance“ - Experten entsetzt

Südafrikas Ärzteverband-Chefin Angélique Coetze sagt: Omikron könnte eine Chance auf Herdenimmunität darstellen. Epidemiologen sind entsetzt.
Südafrikas Ärzteverband-Chefin Angélique Coetze sagt: Omikron könnte eine Chance auf Herdenimmunität darstellen. Epidemiologen sind entsetzt.
CNN

Epidemiologen warnen drastisch

Dass jederzeit eine neue Variante die Bewältigung der Pandemie erschweren kann, ist lange klar. Mit Omikron ist eine neue Variante da - doch führt sie wirklich zu einem herben Rückschlag? Südafrikas Ärzteverband-Chefin Angélique Coetzee berichtet seit ihrer Entdeckung der Variante immer wieder hartnäckig von milden Verläufen aus ihrem Land - und zeigt sich erstaunt über die in ihren Augen übertriebene Panikmache. Sie sagt: Omikron könnte auch eine Chance für uns bedeuten. Epidemiologen warnen drastisch vor ihren riskanten Vorstellungen.

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Eine Million Infektionen bis Ende des Jahres

Dr. Angélique Coetzee, Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbands, berichtet seit der Omikron-Entdeckung vor vier Wochen immer wieder von überwiegend milden Covid-19-Verläufen durch die Variante, so zuletzt auch im englischen Radiosender LBC. Sie gilt als diejenige, die zuerst auf die Variante aufmerksam wurde. Am 18. November rief sie den südafrikanischen Impfstoff-Beratungsausschuss an, nachdem eine vierköpfige Familie positiv auf das Virus getestet wurde und ungewöhnliche Symptome wie zum Beispiel extreme Müdigkeit gezeigt hatte. Jetzt legt sie in einem Gastbeitrag für die britische Daily Mail noch einmal nach. "Ich habe die ganze Welt vor Omikron gewarnt - und ich glaube, dass Großbritannien überreagiert", schreibt sie dort.

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Tatsächlich ist angesichts der Vorhersagen, bis Ende des Monats werden sich eine Million Menschen mit Omikron infizieren, die Sorge groß, dass das Gesundheitssystem der Insel mit bis zu 10.000 Krankenhausaufenthalten pro Tag überfordert sein könnte. Englische Politiker bringen jetzt wieder Beschränkungen zu Weihnachten und einen möglichen Lockdown zu Neujahr ins Spiel.

Gliederschmerzen, Kopfschmerzen und etwas Müdigkeit

„Als Allgemeinmedizinerin, die seit mehr als 33 Jahren praktiziert, gehöre ich zu denjenigen, die sich zuerst um die Patienten kümmern“, führt Coetzee in dem Beitrag aus. „Ich kann Ihnen versichern, dass die Symptome, die bei Menschen mit Omikron auftreten, sehr, sehr mild sind, verglichen mit denen, die wir bei der weitaus gefährlicheren Delta-Variante beobachten.“

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Die Patienten kämen typischerweise mit Muskel- und Gliederschmerzen, Kopfschmerzen und etwas Müdigkeit. Die Symptome verschlimmern sich dabei nicht, so die Ärztin. „Nach etwa fünf Tagen klingen sie ab, und das war’s.“ Südafrika ist allerdings ein junges Land – der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre beträgt nur zirka 6 Prozent. Im Vergleich: In Deutschland sind es 22 Prozent.

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Johnson: "Omikron sorgt für Krankenhauseinlieferungen"

Bei dem Besuch eines Impfzentrums wies Englands Prime Minister Boris Johnson am 12.Dezember die Meldungen zurück, dass es sich bei Omikron um eine milde Variante handele. "Omikron sorgt für Krankenhauseinlieferungen, und traurigerweise gibt es mindestens einen bestätigten Todesfall mit Omikron", sagte Johnson bei dem Besuch. "In dem Teil Südafrikas, in dem ich arbeite, wurden nicht viele Patienten mit Omikron ins Krankenhaus eingeliefert, und die meisten wurden zu Hause mit entzündungshemmenden Mitteln wie Ibuprofen und niedrigen Kortisondosen behandelt", hält die Ärzteverbands-Chefin dagegen.

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Herdenimmunität durch die Omikron-Variante?

Omikron, appelliert die Medizinerin weiter, könne wegen der angeblichen Milde potenziell eine große Hilfe sein. „Ein Lockdown würde den Prozess der Verbreitung von Omikron in der Bevölkerung verlangsamen und verhindern, dass die Menschen lebenswichtige Antikörper entwickeln“ – die schließlich zu einer Herdenimmunität führen könne. „Die nächste Variante, die auftaucht, könnte sich zwar langsamer ausbreiten, aber schwerer verlaufen, und so werden wir alle Hilfe brauchen, die wir von einer solchen natürlichen Immunität bekommen können“, argumentiert die Allgemeinmedizinerin.

„Wir Ärzte haben tagtäglich mit echten Menschen zu tun, nicht mit statistischen Hochrechnungen“, auch das sagt Coetzee in ihrem Gastbeitrag. Experten weltweit sind entsetzt über die Ausführungen der südafrikanischen Ärztin. Coetzee fehle genau das: eine genaue Datenbasis. Harvard-Epidemiologe und Gesundheitsökonom Dr. Eric Feigl-Ding warnt deswegen: Das Herabtun der Omikron-Variante als mild erinnert an die Vergleiche mit einer Grippe am Anfang der Pandemie.

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Exponentielle Zunahme tötet am Ende mehr Menschen

„Wer ‘Omikron ist milder’ propagiert, versteht auch Epidemiologie und exponentielle Mathematik nicht“, so Feigl-Ding auf Twitter. „Auch wenn es nur ein Zehntel tödlicher ist, aber zweimal ansteckender, werden selbst mit dem ein Zehntel milderen Virus mehr Menschen sterben.“ Und ergänzt: „Ein ‘milder, aber schneller’ Virus tötet und schadet oft mehr Menschen als ein Virus, der langsamer und schwerer ist.“ Dabei muss man wissen: Die Wissenschaft geht derzeit davon aus, dass Omikron sogar vier bis sechs Mal ansteckender als Delta ist.

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„Die exponentielle Zunahme der Fälle ist das, was am Ende mehr Menschen töten wird“, schreibt er auf Twitter. „Auch wenn Booster-Impfungen gegen Omikron zwar funktionieren, werden sie nicht in der Lage sein, mit dem exponentiellen Wachstum Schritt zu halten. Wir müssen so schnell wie möglich mehr tun.“ Er warnt ganz in Richtung Coetzee ganz klar: „Lernen Sie aus der Geschichte – wiederholen Sie nicht den gleichen Fehler.“ (ija)

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