Wie ihr Patrick S. das Leben seines Opfers mit Stalkerware auf Schritt und Tritt verfolgte

Sophie N. (†23): Wenn sie ihr Smartphone benutzte, war ihr Mörder immer dabei

09. Mai 2021 - 22:17 Uhr

Von Timo Steinhaus

Weil sie keine Beziehung mit ihm wollte, stellte Patrick S. (35) der Stewardess Sophie N. zwei Jahre lang nach. Schließlich ermordete er die 23-Jährige in ihrem Badezimmer. Das Landgericht Hannover verurteilte ihn zu einer lebenslangen Haftstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Dass Patrick S. von ihr besessen war, ahnte die lebenslustige, junge Frau nicht. Doch ihr Mörder kannte nicht nur ihre Anschrift und die ihrer Familie und Freunde. Er konnte auch ihre Telefonate mithören, ihre Fotos ansehen und verfolgen, wo sie sich aufhielt. Möglich machte dies sogenannte Stalkerware. Der erschütternde Fall zeigt, wie einfach es Stalkern gemacht wird, ihre Opfer zu überwachen.

Zwei Jahre war er ihr Stalker - dann lauerte er ihr auf

Sophie N. lernt ihren Mörder auf der Arbeit kennen, als sie als Aushilfe bei H&M arbeitet. Die beiden freunden sich an. Für sie ist er ein netter Kollege. Patrick S. will eine Beziehung. Als Sophie N. ein Praktikum in Barcelona macht, reist er ihr hinterher, steht mehrfach vor ihrer Tür. Schließlich gibt sie Patrick S. einen Korb und denkt, es ist vorbei. Doch die Zuneigung ihres Verehrers schlägt in Hass um. Sophie N. ahnt nicht, dass ihr späterer Mörder eine Spionage-App auf ihrem Smartphone installiert hat. "Das geht relativ einfach und schnell", sagt Marco Preuss vom IT-Sicherheitsdienstleister Kaspersky. Patrick S. nutzte offensichtlich das Vertrauen und die Ahnungslosigkeit seines Opfers aus, um die Spionage-App auf dem Smartphone von Sophie N. zu installieren – der Fall zeigt, wie wichtig es ist, sein Handy nicht unbedacht aus der Hand zu geben.

In den meisten Fällen stecken der eigene Partner, ein Familienmitglied oder wie im Fall von Sophie N. ein Kollege hinter den Cyber-Attacken. Insgesamt 1.547 Infektionen mit Stalkerware wurden im vergangenen Jahr in Deutschland erkannt, sagt Preuss – Tendenz zunehmend. "Die Software wurde speziell dafür erstellt, eine Überwachung durchzuführen." Durch die Technik, die legal gekauft werden kann, erhalten die Täter Zugang zu Nachrichten, Fotos, Audio- oder Kameraaufnahmen sowie Geolokalisierungsinformationen ihrer Opfer. "Es geht nicht darum, wann jemand in einer App online ist oder etwas in einem sozialen Netzwerk gepostet hat", sagt Preuss. "Es geht gezielt um den Eingriff in die Privatsphäre: Mit welchen Leuten hat man privat kommuniziert? Was wurde dort kommuniziert? Wo befindet sich diese Person in dieser Sekunde? Das ist keine Statusänderung im öffentlichen Bereich."

Opfer Sophie N. lächelt in die Kamera.
Die 23-jährige Sophie N. ist tot. Die junge Stewardess wurde von ihrem Stalker ermordet.
© Keine Quellenangabe

Mutter des Täters: "Nie im Leben hätte ich das gedacht"

"Das Problem ist, dass man sein ganzes Leben auf dem Handy hat, es findet alles in der digitalen Welt statt", erklärt der Experte. Wenn Sophie N. ihr Smartphone benutzt, ist ihr Stalker dabei. Er weiß, wann sie ihre Familie besucht. Er weiß, was sie mit ihren Freundinnen bespricht. Er schaut sich die Fotos an, die sie macht. In sozialen Netzwerken tauchen gefälschte Profile von Sophie N. auf, in denen sie leicht bekleidet zu sehen ist. Als sie mit dem Auto ihrer Mutter unterwegs ist, wird es zerkratzt und die Reifen zerstochen. Übernachtet sie bei ihrer Mutter, klingelt es in der Nacht und das Klingelschild wird zerstört. Sie bekommt anonyme Anrufe.

Patrick S. wohnt die ganze Zeit über noch bei seinen Eltern. Seine Mutter weint, als sie während des Prozesses aussagt. Auf die Frage, ob sie wisse, was ihrem Sohn vorgeworfen werde und ob sie sich das vorstellen könne, antwortet sie weinend: "Nie im Leben hätte ich das gedacht." Auch Sophie N. bringt ihren Stalker nicht mit seinen Taten in Verbindung – zu unbedeutend ist er in ihrem Leben. Bei der Polizei erstattet sie Anzeige gegen unbekannt.

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Angeklagter Patrick S.
Patrick S. wird bei dem Mordprozess in Hannover zu lebenslanger Haft verurteilt.
© dpa, Ole Spata, ole fdt sto tst

Richter: „Es ist ziemlich verstörend - ihr Verhalten ist verstörend"

Die Behörden kommen nicht auf die Idee, ihr Smartphone zu untersuchen. "Die App ist darauf spezialisiert, sich zu verstecken und gibt sich als etwas aus, was auf den ersten Blick harmlos aussieht", sagt Preuss. "Die Software kann sich aber nicht immer im System verstecken." Er rät, regelmäßig die Apps zu checken und dabei zu prüfen, ob etwas Verdächtiges zu sehen ist. Die Software führe dazu, dass der Akku wesentlich schneller leer ist als sonst. Bei Betroffenen steige außerdem der Datenverbrauch an, weil die Software permanent Informationen an den Stalker sendet.

Preuss rät, eine Sicherheitssoftware für Mobilgeräte zu installieren und mit dieser einen Scan durchführen. Diese erkennt Spionage-Software und kann sie vom Smartphone entfernen. "Man sollte sie aber nicht sofort löschen, weil der Täter dann sofort die Information bekommt, was Folgen haben kann. Hier haben wir ein sehr hohes Bedrohungspotential", warnt der Experte. Man solle stattdessen alles so lassen und die Polizei auf den Verdacht hinweisen.

Der Richter fasst bei der Urteilsverkündung zusammen, dass der Angeklagte gleichzeitig "verliebt und manipulativ" gewesen sei. Nachdem sich die Zurückweisungen von Sophie N. als immer deutlicher herausstellten, hätte sich laut Richter etwas bei dem jungen Mann verändert: "Das was vorher deutliche Zuneigung für Sophie N. war, wurde dann zu überdeutlicher Abneigung bis hin zu Hass und Rache". Die Tat mache ihn fassungslos: "Es ist ziemlich verstörend - Ihr Verhalten ist verstörend"

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