Gepanscht, gestreckt, verfälscht

Das knallharte Geschäft mit dem Honig

02. August 2021 - 16:09 Uhr

Gefälschter Honig: Was kommt wirklich aufs Brot?

Von Veit Schmelter

Deutschland ist Honigweltmeister. Im Schnitt isst jeder von uns mehr als ein Kilo des süßen Bienengolds pro Jahr. Doch weltweit verfälschen Lebensmittelschwindler das Naturprodukt - zum Leidwesen der Verbraucherinnen und Verbraucher, die häufig gar nicht wissen, was genau sie sich da aufs Brot schmieren.

Europol und Interpol machen Jagd auf Lebensmittelbetrüger

Wenn 72 Länder fast ein Jahr lang unter Federführung der europäischen Polizeibehörde Europol und der internationalen kriminalpolizeilichen Organisation Interpol zusammenarbeiten, dann geht es um Kriminalität im ganz großen Stil. Auch Deutschland beteiligte sich an der nun zu Ende gegangenen "Operation OPSON X", eine der wohl größten Aktionen im Kampf gegen Lebensmittelbetrug. Jedes Jahr findet eine solche Aktion statt. In diesem Jahr lag der Fokus der Lebensmittelermittler unter anderem auf Honig. Denn der gehört laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit weltweit zu einem der am meisten gefälschten Nahrungsmittel. Auch bei uns in Deutschland ist das ein echtes Problem.

Im Ranking der beliebtesten Brotaufstriche in Deutschland, rangiert Honig nach Marmelade auf dem zweiten Platz - noch vor Schokoladencreme. Alleine schaffen es die deutschen Imker nicht, diese Lust zu stillen. Der Selbstversorgungsgrad hierzulande liegt den Angaben zufolge gerade einmal bei rund 30 Prozent. Der überwiegende Teil wird also aus dem Ausland importiert. Dabei führt Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge jährlich mehr als 80.000 Tonnen Honig im Wert von rund 250 Millionen Euro ein - so viel wie kaum ein anderes EU-Land. Die wichtigsten Lieferländer sind dabei Mexiko, Argentinien, Ukraine und auch China. Und genau diese Importware steht immer wieder im Verdacht, verfälscht und gestreckt zu sein.

VIDEO-TIPP: Das Geschäft mit dem Honig – die ganze Reportage

Speisehonig ohne echten Honig

Die Betrugsmöglichkeiten bei Honig sind vielfältig. So stellen beispielsweise Firmen in Fernost speziellen Sirup her, mit denen sich Honig verfälschen lässt. Dessen Zuckerstruktur sei der von echtem Honig so ähnlich, dass sie sich nur mit sehr aufwendigen Untersuchungen nachweisen lasse, sagt Martina Janke, Laborleiterin am Institut für Bienenkunde in Celle. Es gebe bestimmte chemische Merkmale, sogenannte Marker, die einen authentischen Honig ausmachen. "Aber diese Marker kann man auch kaufen und sie können eingemischt werden. Man muss moderne Techniken ausreizen und ausschöpfen, damit man dieser ganz ausgefeilten Verfälscher-Praktik auch auf die Spur kommen kann. Einfach ist das nicht."

Etiketten-Schwindel sowie die unerlaubte Zugabe von Farbstoffen, Enzymen und Pollen sind weitere gängige Methoden, um Fake-Honige auf den Markt zu bringen. Es ist mittlerweile sogar möglich, Speisehonig herzustellen, in dem gar kein echter Honig drin steckt.

Doch weil die Verfälschungsmethoden immer raffinierter werden und sich die Verfälscherpraktiken immer wieder verändern, ist es für Labore extrem aufwendig, den manipulierten Honig aufzuspüren. Zwischen Verfälschern und Lebensmittellaboren hat sich ein Katz-und-Maus-Spiel entwickelt, bei dem die Schwindler der neuesten Analysetechnik meist einen Schritt voraus zu seien scheinen. Gesundheitsschädlich ist das für Verbraucher in der Regel zwar nicht. Richtig ungesund wird es allerdings, wenn die Honigmischungen beispielsweise durch Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat verunreinigt sind.

Hinter der Trickserei steckt ein simples Ziel: Weil Honig kostbar ist und seine Gewinnung aufwendig, verfälschen die Schwindler das Produkt, um aus wenig Honig möglichst viel Masse und damit bares Geld zu gewinnen. Honigschwindel ist längst ein globales Millionen-Business. Ihn aufzudecken und die Betrüger Dingfest zu machen, erfordert offenbar die gesamte Macht von Europol und Interpol. Wer Honig in Deutschland verfälscht, begeht übrigens eine Straftat. Laut Honigverordnung handelt es sich um ein Naturprodukt, dem weder Stoffe hinzugefügt noch entnommen werden dürfen.

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Kaum noch Berufsimker in Deutschland

Es ist trotzdem wenig überraschend, dass auch in deutschen Supermärkten Honigverfälschungen und minderwertige Mischhonige im Umlauf sind. Zum Leid der Verbraucher, denn die werden massiv getäuscht. Aber auch zum Leid der heimischen Berufs- und Erwerbsimker. Während die Honig-Fakes aus Südamerika, Osteuropa oder Asien zu Dumpingpreisen von teils unter drei Euro pro 500 Gramm-Glas verkauft werden, kämpfen Bienenzüchter mit großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Längst ist Honigproduktion bei uns kaum noch rentabel und die Zahl der haupterwerblichen Imkereibetriebe hierzulande gering. Nur noch rund 50 Berufsimker in Deutschland schaffen es wirklich, ausschließlich von der Honigproduktion zu leben. Der Rest betreibt die Imkerei im Nebenerwerb. Damit die heimischen Bienenzüchter ansatzweise konkurrenzfähig bleiben, müssen auch sie ihre Preise erheblich drücken - und machen dabei Verlust. Ein Teufelskreis, der immer mehr Berufsimker zum Aufgeben zwingt. Diejenigen die weitermachen, wollen ihre Liebe und Leidenschaft für den Honig nicht aufgeben und hoffen, dass aus zwischenzeitlichen Verlusten irgendwann wieder Gewinne werden.

"Also ein fairer Preis für ein Glas Honig, dass man wirklich gut davon leben könnte und auch eine Familie davon ernähren könnte, wären mindestens 15 Euro. Beim Verkaufspreis von acht bis zehn Euro bleiben wenn es hoch kommt 50 Cent bis 1 Euro übrig", sagt die Präsidentin des deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes Annette Seehaus-Arnold.

Für die heimischen Imker gibt es derweil Hoffnung. Sie klingt zwar bürokratisch, könnte aber Transparenz bringen: die Etikettierungspflicht. "Es gibt Gemische, wo wir importierte Honige haben oder gestreckte Honige - und das weiß der Verbraucher nicht. Ich will, dass der Verbraucher sehr souverän entscheiden kann, was er kauft", gab sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gegenüber RTL/ntv Mitte Mai kämpferisch. Sie wolle sich für eine europaweite Lösung einsetzen. Wie genau diese Pflicht ausgestaltet werden kann, sagte sie aber nicht.

Imker fordern schon länger, dass die "Mischung aus EU- und Nicht-EU-Ländern"- Angabe abgeschafft werden müsse. Stattdessen bräuchte es detaillierte Informationen über die Herkunft und vor allem über die prozentuale Zusammensetzung von Mischhonigen nach Region und auch nach Sorte und Pollengehalt auf den Etiketten. "Die jetzige Angabe bedeutet ja nur, dass der Honig nicht vom Mars komme", unterstreicht Seehaus-Arnold die Forderung nach einer Etikettierungs-Reform. Durch transparentere Angaben, könnte es Honigschwindlern künftig schwerer gemacht werden, ihre Ware unentdeckt auf den Markt zu bringen.

Bei der weltweiten Lebensmittelüberwachung "Operation OPSON X" wurde in zwei Fällen in Deutschland derweil ein Strafverfahren gegen Honigschwindler eingeleitet. Weitere Ermittlungen sollen auf europäischer Ebene folgen. Die Dunkelziffer dürfte aber wohl um ein Vielfaches höher sein. (aze)