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Emilia Fester: Junge Frauen werden im Parlament anders behandelt als Männer

Die jüngste Abgeordnete zieht Bilanz über ihre erste Zeit im Bundestag

Emilia Fester: Junge Frauen werden im Parlament anders behandelt als Männer

24-Jährige berichtet über die ersten Monate im Bundestag Emilia Fester im Interview

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von Nina Lammers

Vor acht Monaten kam Emilia Fester als jüngste Abgeordnete in den Bundestag. Im Interview mit RTL spricht sie über das Ankommen im Politikbetrieb, den Umgang mit Shitstorms, die Ungleichbehandlung von jungen Frauen und das Leben in der Öffentlichkeit.

Auszüge des Interviews im Video.

„Fast immer, wenn eine junge Frau geredet hat, war die Reaktion so hart, so scharf und so laut“

An einem Freitag Mitte Mai packt Emilia Fester die letzte Umzugstasche aus. Wechselklamotten kommen in den Schrank, ein bisschen Deko auf den Tisch. Obwohl sie schon seit acht Monaten Mitglied im Bundestag ist, hat sie erst jetzt ihr Büro bekommen. Dass der Betrieb hier so langsam läuft, hat sie überrascht.

Überrascht war sie auch über die Stimmung im Parlament, die nicht nur ihr persönlich, sondern auch anderen jungen Frauen entgegen schlug. „Fast immer, wenn eine junge Frau geredet hat, war die Reaktion so hart, so scharf und so laut“, erzählt die 24-jährige. Die Etikette, erste Reden zu honorieren, sei mit dem Einzug der vielen jungen Frauen abgeschafft worden. Das berichtet auch die Bundestags-Vize-Präsidentin Katrin Göring-Eckardt im RTL-Interview, die die AFD für die frauenfeindliche Stimmung im Bundestag verantwortlich macht.

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„Die wollen uns Angst machen“

Nicht nur im Parlament – auch im Netz schlug Emilia Fester Hass entgegen. Nach ihrer ersten Rede im Bundestag trendete der Hashtag „Göre“. Nachdem sie mit dem Satz zitiert wurde, sie opfere für den Job ihre Jugend – ein Job, der nicht nur viel Arbeit macht, sondern viel Geld und Privilegien bringt – folgte der zweite Shitstorm.

Eine kürzlich vorgestellte Forsa-Umfrage im Auftrag Landesanstalt für Medien NRW zeigt, dass keine andere Gruppe so oft im Netz attackiert wie Politiker. Emilia Festers Team prüft die Hass-Kommentare, wer über die Stränge schlage, werde im Zweifel angezeigt. „Die wollen uns Angst machen“, so Fester über die Verfasser der Hass-Botschaften, „wenn es einem Angst macht, das zu lesen, sollte man aufhören, das zu lesen.“

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Das Leben in der Öffentlichkeit: Eine Umstellung

In der Öffentlichkeit zu stehen, sei eine Umstellung. In den ersten zwei bis drei Wochen nach der Wahl habe sie als jüngste Abgeordnete etwa 80 Interviews gegeben. Es sei ihr am Anfang schwergefallen, zu priorisieren.

Ihr Leben hat sich geändert: Pendeln zwischen Wahlkreis und Berlin, Verantwortung für sieben Mitarbeiter, in Sitzungswochen Arbeitstage von bis zu 16 Stunden – das Leben als Abgeordnete ist nicht vereinbar mit dem Leben, das andere 24-Jährige üblicherweise führen. Aber Fester findet es wichtig, dass auch junge Leute im Parlament vertreten sind, „dass es eben auch die gibt, die aus dem Leben einer Jugendlichen berichten kann, repräsentieren kann, was diese Generation braucht“, sagt sie. Ihr Schwerpunkt: Jugendpolitik. Ihre nächsten politischen Ziele: Die Durchsetzung des Wahlrechts mit 16 für die Europawahl, Stärkung der Freiwilligendienste und die Erarbeitung von Maßnahmen zur seelischen Gesundheit Jugendlicher, bei denen Zukunftsängste und Orientierungslosigkeit durch die Pandemie und den Ukraine-Krieg gestiegen seien.

"Wir haben das Recht, im Bundestag vertreten zu sein."

Emilia Fester bekommt nicht nur Gegenwehr. Im Gegenteil: Ihre Fraktion, Bündnis 90/Die Grünen, stehe hinter ihr und sie bekomme viel Zuspruch – vor allem von jungen Leuten. Sie sagten, sie habe ihnen aus der Seele gesprochen. „Das hat mir geholfen, zu sehen: Ich habe ein Anrecht darauf, das hier zu sagen. Wir als junge Generation haben ein Anrecht darauf, im Bundestag vertreten zu werden.“

Dass junge Frauen im Bundestag eine Randerscheinung sind, findet auch Saskia Weishaupt, die ebenfalls im Herbst neu in den Bundestag kam. Sie und Emilia Fester leben gemeinsam in einer Abgeordneten-WG. Beide treffen sich in Festers Büro, besprechen einen gemeinsamen Post über Freundschaft in der Politik. Auch Weishaupt berichtet von Hass im Netz. „Es geht bei jungen Frauen oftmals gar nicht um inhaltliche Punkte, sondern um Äußerlichkeiten“, sagt die 28-jährige.

Die beiden verkörpern das Gegenteil des alten Politiker-Klischees vom alten Mann im Anzug. Oft werden sie im Bundestag – an ihrem Arbeitsplatz – nicht als Politikerinnen erkannt, ständig nach ihren Ausweisen gefragt. Meistens schmunzeln sie darüber, lachen sowieso oft, scheinen trotz ihrer Kritik am Umgang mit jungen Frauen im Bundestag, ihre Arbeit als Volksvertreterinnen zu mögen. Fester formuliert es so: „Ich mach´das gerne.“

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