6. Juni 2019 - 12:43 Uhr

15 Dinge standen auf Noas Bucketlist

Zum ersten Mal Roller fahren, eine Zigarette rauchen, sich ein Tattoo stechen lassen, eine Tafel weiße Schokolade essen: 15 Dinge standen auf Noa Pothovens Bucketlist - einer Liste mit Dingen, die sie vor ihrem Tod noch machen wollte. 14 dieser Wünsche konnte sich das Mädchen erfüllen, bevor es am Sonntag starb. Doch seit Mittwochnachmittag gibt es Zweifel daran, dass es sich - wie zuerst berichtet - um aktive Sterbehilfe handelt. Die Sterbehilfeklinik, an die sich das Mädchen wandte, bestätigte nun in einer Stellungnahme, dass das Mädchen aufgehört habe, zu essen und zu trinken. "Noa Pothoven starb nicht durch Sterbehilfe", erklärte die Levenseinde Kliniek. Auch Noa selbst schrieb zuvor selbst, dass sie in einen Hungerstreik getreten war.

Was muss passieren, dass ein so junger Mensch nicht mehr will? Im Video oben spricht eine Bekannte der 17-Jährigen darüber, wie der Tod sich auf die Gemeinde ausgewirkt hat.

„Wie ist es möglich, dass sie sterben möchte?"

Als Noa am vergangenen Sonntag ihren letzten Atemzug nahm, hatte sie einen langen Leidensweg hinter sich. Mit elf Jahren wurde sie zum ersten Mal missbraucht, auf einer Schulfeier. Ein weiteres Mal im Alter von 12. Als sie 14 war, wurde sie von zwei Männern in ihrem Heimatort Arnheim vergewaltigt. "Ich erlebe diese Angst, diesen Schmerz jeden Tag wieder. Ich bin immer verängstigt, immer auf der Hut. Bis heute fühlt sich mein Körper schmutzig an", sagte sie der Zeitung "Gelderlander". Damals habe sie "aus Angst und Scham" geschwiegen.

Der seelische Schmerz wuchs, richtete sich nach innen. Noa veränderte sich, hungerte. Die Eltern merkten lange nichts, bis Mutter Lisette vor anderthalb Jahren beim Putzen eine Plastiktüte mit Abschiedsbriefen fand. Ein Schock. "Noa ist süß, schön, klug, sozial und immer fröhlich", sagte sie der Zeitung. "Wie ist es möglich, dass sie sterben möchte?"

Erst Jahre nach den Übergriffen erstattet Noa Anzeige gegen ihre Peiniger, doch zu einer Aussage konnte sie sich nicht durchringen. "Sie muss der Polizei genau sagen, was diese Männer mit ihr gemacht haben", so Mutter Lisette. "Aber sie findet das immer noch zu schwierig. Zu konfrontativ." Sie habe die Hoffnung, dass die Vergewaltiger ihres Kindes eines Tages gefasst werden, damit sie "erfahren, was sie angerichtet haben".

Im Video: Gesetzliche Lage in Deutschland

Noa lag im künstlichen Koma

Die Verzweiflung der Eltern ist nicht zu ermessen. Jede Sekunde lebten Lisette und Vater Frans in der Angst, ihre Tochter könnte sich etwas antun. Das Mädchen litt unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, Depressionen, Magersucht, sie verletzte sich selbst, versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen, war in zahlreichen psychiatrischen Einrichtungen untergebracht. Von der Schulpflicht war Noa wegen ihres Zustandes befreit. Eine Richterin in Arnheim verordnete schließlich die Zwangseinweisung in eine Anstalt in Achterhoek. Dort drehte sich laut "Gelderlander" alles darum, den Teenager von einem Suizid abzuhalten. Noas psychische Erkrankung geriet zur Nebensache.

Über ihre Odyssee hat Noa ein viel beachtetes Buch geschrieben. "Winnen or Leren" ("Gewinnen oder Lernen") heißt ihre Lebensgeschichte, die auf psychische Krankheiten von Kindern aufmerksam macht. Eine Anklageschrift, denn in den Niederlanden ist die medizinische Versorgung in diesem Bereich dünn, die Wartelisten lang.

So musste Noa selbst ein halbes Jahr auf einen Behandlungsplatz in einer Klinik für Essstörungen warten, obwohl sie an massivem Untergewicht litt. Eine Wartezeit mit dramatischen Folgen. Irgendwann war ihr Körper zu schwach. Ihre Organe drohten zu versagen. Noa kam in das Krankenhaus Rijnstate in Arnheim, wurde ins künstliche Koma versetzt und mit einer Sonde ernährt.

Legale Euthanasie in den Niederlanden - Daten und Fakten

Seit 2002 ist der Tod auf Verlangen in den Niederlanden erlaubt. Willensunfähige Menschen wie zum Beispiel Komapatienten fallen nicht unter die Sterbehilferegelung.

  • 2017 haben laut der Regionalen Kontrollkommissionen für Sterbehilfe (RTE) 6.585 Menschen ihrem Leben mit aktiver Sterbehilfe ein Ende gesetzt.
  • Das sind rund 4,4 Prozent aller jährlichen Todesfälle in dem Land - 2010 waren es noch 2,8 Prozent
  • 90 Prozent der Patienten litten an Krebs oder anderen Erkrankungen des Nervensystems wie Parkinson
  • In 83 Fällen war psychisches Leiden Grund für die aktive Sterbehilfe,...
  • ...in 166 Fällen Demenz

Welche Kriterien müssen erfüllt sein, um Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu können?

  • Der Patient ist unheilbar krank ohne Aussicht auf Genesung
  • Dies wird von einem zweiten unabhängigen Arzt attestiert
  • Der Wunsch, das Leben zu beenden, muss aus freien Stücken (und ohne den Einfluss mentaler Krankheit oder Drogen) mehrfach und ausdrücklich geäußert werden
  • Der Patient ist mindestens 12 Jahre alt - Patienten unter 16 Jahren benötigen die Zustimmung der Eltern
  • Der Patient ist niederländischer Staatsbürger
  • Der Tod muss in medizinisch angemessener Art in Anwesenheit eines Arztes ausgeführt werden

Todeswunsch war größer als der Drang zu leben

Schon lange vor ihrem Tod hatte Lisettes Tochter sich nach einem Ende des "hoffnungslosen, unerträglichen psychischen Leidens" gesehnt, das sie bei Instagram dokumentierte und das sich an ihren vernarbten Armen zeigte. Bereits 2018 hatte Noa heimlich eine Sterbehilfe-Klinik in Den Haag aufgesucht, wurde aber abgewiesen. Man sagte ihr, sie sei zu jung, sie solle warten, bis sie 21 sei. Noa Pothoven war "am Boden zerstört, weil ich nicht mehr so ​​lange warten kann".

Nun ist Noa tot, in einem bewegenden letzten Instagram-Post nahm sie Abschied von der Welt. Am Sonntag schlief die 17-Jährige für immer ein, nachdem sie sich in den Tagen davor von Freunden und ihrer Familie verabschiedet hatte.

"Glaube nicht alles, was du denkst"

Noa war erst 17 Jahre alt. Sie hatte einen Bruder und eine Schwester, eine Mutter und einen Vater. Sie liebte die Farbe Schwarz, Tiere - vor allem Meerschweinchen - und die Musik von Genesis. Sie spielte gerne Klavier, am liebsten "Comptine d'un autre été" von Yann Tiersen. "Je moet niet alles geloven wat je denkt" - diesen Spruch hat sie sich tätowieren lassen. "Glaube nicht alles, was du denkst." Der Zeitung "Gelderlander" sagte Noa 2018: "Ich will Frieden, ich fühle keinen Schmerz mehr."

Ruhe in Frieden, kleine Noa.

Hilfe bei Selbstmordgedanken

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen! Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch die Möglichkeit, anonym mit anderen Menschen über Ihre Gedanken zu sprechen. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Hier finden Sie eine Übersicht über Hilfsangebote.

Wenn Sie schnell Hilfe brauchen, dann finden Sie unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Menschen, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.