Zehntausende russische Soldaten an der Grenze

Angst vor russischer Invasion in der Ukraine wächst: "Jetzt hören wir jeden Abend Schüsse"

06. Dezember 2021 - 18:36 Uhr

Menschen im Grenzgebiet sind in Sorge

von Stephan Richter und Robert Clausen

In der Ostukraine wächst die Sorge vor einem Krieg. Russland hat in den letzten Wochen seine Truppen an der Grenze massiv verstärkt, weist Vorwürfe einer bevorstehenden Invasion aber zurück. Die Menschen im Grenzgebiet leben trotzdem in Sorge, überall sind noch die Spuren der Kämpfe von 2014 und 2015 sichtbar.

Wir waren vor Ort und haben mit den Menschen dort gesprochen. Nicht wenige sind noch immer traumatisiert von früheren Kampfhandlungen.

Bewohner noch immer traumatisiert: "Mütter haben ihre Kinder genommen und sind gerannt"

Im Januar 2015 wurde die Stadt Mariupol heftig beschossen
Im Januar 2015 wurde die Stadt Mariupol heftig beschossen
© dpa, Sergey Vaganov

Eine Fahrt durch das ukrainische Mariupol: Weniger als 50 Kilometer sind es bis zur russischen Grenze. Dort sollen laut NATO-Angaben mittlerweile insgesamt mehr als 90.000 Soldaten zusammengezogen worden sein. Dazu kämen Panzer, Artillerie und Drohnen. Die Sorge der Menschen vor Ort ist groß, viele sind von den Kämpfen traumatisiert. Im Januar 2015 starben in Mariupol 30 Menschen bei einem Angriff. Raketen trafen Wohnhäuser und einen Marktplatz, rund 100 Menschen wurden verletzt.

Eine Mutter erinnert sich: "Es war furchtbar! Dieses Kind war drei Wochen alt. Das war schlimm, die Menschen sind alle gerannt, es war kalt im Januar, die Mütter haben ihre Kinder genommen und sind gerannt. Bis heute brauchen viele Menschen psychologische Behandlungen."

Folgen halten bis heute an

Dieser Mann ist beim Raketenangriff auf den Markt von Mariupol durch die Luft geschleudert worden.
Dieser Mann ist beim Raketenangriff auf den Markt von Mariupol durch die Luft geschleudert worden.
© RTL

Ein älterer Herr hat den Raketenangriff hautnah mitbekommen: "Geschosse sind hier rumgeflogen, von drei Seiten. Hier hat eine Frau Wurst verkauft und hier lag eine tote Frau. Alles flog durch die Luft: Fisch, Obst, Gemüse. Ich bin auch in diese Richtung geschleudert worden. Ich war nicht verwundet, aber hier sind noch Spuren von den Splittern."

Angst vor einem erneuten Krieg hat er nicht, aber Sorge: "Nein, Angst habe ich nicht. Aber ich befürchte, dass sich das wiederholt. Natürlich wäre das Gegenteil besser."

Auch seine Frau leider bis heute unter den Folgen: "Es ist wenig angenehm hier. Meine Frau ist nach dem Beschuss krank geworden. Viele sind hier krank geworden. Das sind die Nerven."

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"Jetzt hören wir jeden Abend Schüsse. Aber wir haben uns schon längst dran gewöhnt"

Nur rund anderthalb Kilometer von der Grenze entfernt lebt Alexander. Er wohnt mit seiner Familie in der so genannten "grauen Zone", hier wird noch regelmäßig geschossen, häufig hört er die Schüsse und Explosionen. Er macht sich große Sorgen vor einer weiteren Eskalation:

"Wenn wir die Situation mit den letzten sechs Monaten vergleichen, dann hat sich die Lage nochmal deutlich zugespitzt. Im Sommer war es relativ ruhig und jetzt hören wir jeden Abend Schüsse. Aber wir haben uns schon längst dran gewöhnt." Ob sich die Situation noch weiter zuspitzen kann? "Jederzeit! Die ganze Zeit das gleiche. Schusswechsel, Explosionen. Es kann sich alles schnell ändern."

Alexander hat in seinem Garten einen eigenen Bunker gebaut.
Alexander hat in seinem Garten einen eigenen Bunker gebaut.
© RTL

Menschen wie Alexander bauen ihre eigenen Bunker

Um sich und seine Familie zu schützen, hat Alexander in seinem Garten einen eigenen Bunker gebaut. Früher hatten sie keinen Keller und mussten sich bei den Nachbarn verstecken. Eine 40 Zentimeter dicke Betondecke soll jetzt Schutz bieten, falls wieder Raketen kommen sollten: "2014 haben wir ganze Tage unter Erde verbracht, weil durchgehend geschossen wurde. Aber wenn es jetzt ernst wird, dann besteht immerhin die Möglichkeit, hier in Sicherheit zu sein."

RTL-Reporter Stephan Richter mit Alexander in dessen Bunker
RTL-Reporter Stephan Richter mit Alexander in dessen Bunker
© RTL

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