Die CDU liegt in Trümmern

Union nach Bundestagswahl am Boden: Dieses Debakel hat viele Gründe

Armin Laschet steht stellvertretend für die Niederlage der CDU.
Armin Laschet steht stellvertretend für die Niederlage der CDU.
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28. September 2021 - 10:42 Uhr

Historisches Wahldebakel der Union

Eine Analyse von Maximilian Storr

Die Union liegt in Trümmern: Gestern erlebten CDU und CSU ein historisches Wahldebakel. Gerade einmal 24,1 Prozent der Bürger gaben ihre Stimme der einst so schillernden Volkspartei. Die Gründe sind vielfältig. An erster Stelle steht ein Kanzlerkandidat, der sich einen Fehler nach dem geleistet hat – Laschet war im Wahlkampf in ein Fettnäpfchen nach dem anderen getreten. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum die einst so stolze Union in ihrer größten Krise steckt.

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Die Schwesterpartei

Lange lieferten sich Armin Laschet und Markus Söder einen erbitterten Machtkampf um die Kanzlerkandidatur in der Union. Erst im letzten Moment gab der CSU-Chef zähneknirschend nach, überließ Laschet das Feld. Doch auch nach der Entscheidung sah es zwischen CDU und CSU eher nach einer Zweckehe aus, in der Söder auch gern den ein oder anderen Spruch in Richtung Laschet schickte.

CSU-Politiker Manfred Weber resümierte am Tag nach der Wahl: "Für mich ist entscheidend, dass wir am Ende des Wahlkampfes wirklich geschlossen marschiert sind." Und tatsächlich: Die Geschlossenheit zwischen den beiden Schwesterparteien war erst in den Tagen vor der Wahl spürbar. Und das könnte wirklich entscheidend gewesen sein. Aber anders als Weber es meint. Denn wenn die Unionsparteien schon zuvor gemeinsam an einem Strang gezogen hätten, wäre die Entscheidung der Bürger an der Wahlurne wahrscheinlich häufiger zu Gunsten der Union ausgefallen.

Aber bei einem zerstrittenen Paar, das sich erst wenige Tage vor der Wahl zusammenrauft, fehlt eben die Glaubwürdigkeit. Das bestätigen auch die Reaktionen der CSU nach der Wahl. Landesgruppenchef Alexander Dobrindt äußerte in der Vorstandssitzung nach Teilnehmerangaben, es habe bei der CDU Schwächen bei Kurs, Kampagne und beim Kandidaten gegeben. Auch andere hielten Laschet für eine Fehlbesetzung, der es nie aus dem Schatten seiner Vorgängerin Merkel geschafft hat.

26.09.2021, Berlin: Armin Laschet (CDU, r), Kanzlerkandidat der Union, und CSU-Chef Markus Söder sitzen in einem Wahlstudio des ZDF bei der "Berliner Runde" zur Bundestagswahl. Foto: Sebastian Gollnow/dpa-Pool/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Gestern demonstrierten Markus Söder (links) und Armin Laschet Einigkeit. Das war aber nicht immer so.
© dpa, Sebastian Gollnow, wst

Keine Kontinuität

"Sie kennen mich." Mit diesem legendären Spruch warb Angela Merkel 2013 im TV-Duell gegen SPD-Kandidat Peer Steinbrück für sich – und sammelte bei der anschließenden Bundestagswahl mit der Union 41,5 Prozent der Stimmen. Ein Ergebnis, von dem die CDU/CSU heute nur noch träumen kann. Merkel war in Deutschland der Inbegriff für Verlässlichkeit und Kontinuität. Und die ist der Union in den letzten Jahren völlig abhanden gekommen.

Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer 2018 zur neuen Vorsitzenden der CDU gewählt worden war, dauerte es ein Jahr, bis sie schon wieder politisch erledigt war und ein Nachfolger gesucht werden musste. Darauf folgte dann ein Kampf zwischen Laschet und Friedrich Merz um den Vorsitz, der nur ein Vorgeplänkel für die Auseinandersetzung zwischen Söder und Laschet um die Kanzlerkandidatur war.

Für Ruhe und Kontinuität steht die Union jedenfalls schon lange nicht mehr. In diese Rolle sind die Sozialdemokraten um Olaf Scholz klammheimlich geschlüpft – dabei waren sie vor 1,5 Jahren doch noch die Chaospartei! Im Dezember 2019 war Scholz noch krachend bei der Wahl zum SPD-Vorsitzenden gescheitert, danach kehrte aber Ruhe ein. Die SPD entschied sich schnell für einen Kanzler-Kandidaten Scholz und demonstrierte Geschlossenheit – im Gegensatz zur CDU! Das quittierten die Bürger jetzt auch an der Wahlurne.

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Seltsames Selbstverständnis

Gestern Abend dürften sich doch viele Zuschauer verwundert die Augen gerieben haben, nachdem sie die Reaktionen vieler Politiker zur Wahl gesehen hatten. Da kassiert die Union gerade die deftigste Niederlage in ihrer Geschichte und Armin Laschet bekräftigt in der "Berliner Runde" seinen Regierunganspruch.

Heute heißt es dagegen: Er stehe bereit, wenn eine Ampel-Koalition nicht zustande komme. Laschet verwies darauf, dass er bereits lange mit FDP-Chef Christian Lindner gesprochen habe und am Montag auch mit Grünen-Ko-Chefin Annalena Baerbock sprechen werde. Dass der CDU-Spitzenkandidat nach diesem miserablen Ergebnis und seinen noch miserableren Beliebtheitswerten so offensiv aufgetreten ist, ärgert selbst die eigenen Parteimitglieder.

Im CDU-Vorstand kritisierten die Mitglieder offenbar, dass die Union ihre Wahlniederlage nicht klarer eingeräumt hatte. "Ich sehe einen klaren Wählerwillen, der deutlich gemacht hat, die Union ist dieses Mal nicht die erste Wahl", sagte zum Beispiel Sachsens Ministerpräsident Kretschmer. Agraministerin Julia Klöckner (CDU) entgegnete dagegen: "Es gibt die Möglichkeit, eine bürgerliche Regierung zu bilden." Markus Söder sagte: "Jamaika ist eine Option", stellt aber gleichzeitig fest: "Wir haben keinen Anspruch auf eine Regierung!" Es herrscht also wieder mal Uneinigkeit. Trotz der herben Niederlage sehen viele Unions-Politiker noch einen Führungsanspruch ihrer Partei. Zeugt von einem Selbstverständnis, das besser der Vergangenheit angehören sollte. Denn aktuell hat die CDU ihren Status als Volkspartei verloren.

War Laschet die falsche Wahl?

Diese Wahlniederlage wird auch für immer mit Armin Laschet verbunden sein. Er hatte sich im Wahlkampf heftige Pannen geleistet, das Bild der Öffentlichkeit über ihn war gleichzeitig schnell gezeichnet. Da hatte die Stimmabgabe, mit der er gestern nochmal für Wirbel gesorgt hatte, weil er seinen Wahlzettel falsch gefaltet hatte, durchaus etwas Symbolisches. Seine Beliebtheitswerte blieben bis zum Ende im Keller. Söder war dagegen bis zum Schluss der populärere Kandidat. In Bayern wurde er für seine Corona-Politik gefeiert, während Laschet immer wieder herbe Kritik einstecken musste. Die Union wird sich auch in nächster Zeit den Vorwurf gefallen lassen müssen, im Wahlkampf auf den falschen Kandidaten gesetzt zu haben.