"Zweitimpfung mit mRNA-Impfstoffen ist ein Luxusproblem"

Stiko ändert Empfehlung: Was sollen mit AstraZeneca Geimpfte jetzt tun?

Gemischte Corona-Impfung
Gemischte Corona-Impfung
© dpa, Till Simon Nagel, gab vco

02. Juli 2021 - 11:47 Uhr

Neue Empfehlung der Stiko

Was nun, fragen sich jetzt wohl Millionen mit dem Impfstoff von AstraZeneca Geimpfte. Denn angesichts der schnellen Ausbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante in Deutschland hat die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Corona-Impfempfehlung angepasst. Menschen, die eine erste Dosis AstraZeneca erhalten haben, sollen künftig unabhängig vom Alter als zweite Spritze einen mRNA-Impfstoff wie den von Biontech oder Moderna erhalten. Was bedeutet das jetzt konkret für die einmal oder bereits zweimal mit dem Vektor-Impfstoff Geimpften?

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Telefone stehen seit dem 1. Juli nicht mehr still

In der Praxis des Kölner Hausarztes Dr. Jochen Harbaum-Weiß steht das Telefon seit dem 1. Juli nicht mehr still – schon wieder. "Reihenweise rufen jetzt Patienten an, die ihre Zweitimpfung mit AstraZeneca absagen wollen", erzählt er uns, "weil sie nach der Empfehlung nun lieber einen mRNA-Impfstoff bekommen wollen." Mittlerweile hat das Praxis-Team wieder eine Ansage vorgeschaltet, in der darauf hingewiesen wird, dass für die kommenden Zweitimpfungen keine mRNA-Impfstoffe zur Verfügung steht, die Patienten werden gebeten, ihre Termine einzuhalten.

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Impfkommission: mRNA-Immunantwort ist deutlich überlegen

Der Grund: Die Stiko hat ihre Impfempfehlung dahingehend angepasst, dass sie nun allen, die einmal mit dem britisch-schwedischen Impfstoff geimpft wurden eine Zweitimpfung mit einem mRNA-Impstoff anraten. Die Expertinnen und Experten begründen den Rat zur Kombination von Vektor- und mRNA-Impfstoff damit, dass die Immunantwort nach dem Verabreichen von zwei verschiedenen Präparaten der Immunantwort nach zwei Dosen AstraZeneca "deutlich überlegen" sei. Fachleute sprechen von einem heterologen Impfschema. Das hatte die Stiko bisher nur jüngeren Menschen angeraten, die bereits eine Erstimpfung mit AstraZeneca bekommen hatten, bevor dieser Impfstoff nur noch für Impfwillige ab 60 Jahren empfohlen wurde.

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Impfarzt: "Astra-Schelte geht mir auf den Nerv"

Der Kölner Impfarzt Jürgen Zastrow ist von dem Thema AstraZeneca nicht erst seit dieser Empfehlung genervt: "Diese ganze Astra-Schelte geht mir schon seit Anfang des Jahres auf den Nerv", sagt er uns. "AstraZeneca ist ein ganz hervorragender Impfstoff und da bleibt es bei." Denn: Es ginge in Sachen Wirksamkeit um Unterschiede von sehr wenigen Prozentpunkten. "Ja, die heterologe Impfung hat natürlich Vorteile, wir haben auch schon heterolog geimpft und jetzt sollen wir das eben noch mehr tun."

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Specht: "Wir diskutieren hier über Feinheiten"

Auch RTL-Medizin-Experte Dr. Christoph Specht, der in Großbritannien Tropenmedizin studierte, sagt aufgrund seiner internationalen Erfahrung: "Dass wir überhaupt über diese Feinheiten diskutieren können, ist im Grunde genommen ein Luxusproblem." Und ergänzt: "Was man denen sagen muss, die bereits zweimal mit AstraZeneca geimpft worden sind: Es ist ja nicht so, dass zweimal Astra nicht wirken würde."

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Allerdings komme es bei dem Begriff Wirkung immer zu Missverständnissen. Bei der Entwicklung des Impfstoffs sei erst einmal im Fokus gewesen, dass er vor schwerem Verlauf, Krankenhaus-Einweisung und Tod schützen sollte – und da sei AstraZeneca fast genauso gut wie die mRNA-Impfstoffe. "Man ist in der Tat nicht so gut geschützt gegen eine Infektion wie mit einem mRNA-Impfstoff, man kann auch leichter Symptome bekommen."

Hausarzt hätte sich weitere Empfehlung der Stiko gewünscht

Trotzdem hat Medizin-Journalist Specht Verständnis dafür, dass jeder am liebsten den optimalen Impfschutz haben wolle, auch sei die Empfehlung der Stiko rein wissenschaftlich betrachtet logisch. Auch Hausarzt Harbaum-Weiß hat Verständnis für den Wunsch nach optimalem Schutz. Er hätte sich nur gewünscht, dass es seitens Stiko auch eine Empfehlung gegeben hätte, die bereits vereinbarten Zweitimpfungstermine mit AstraZeneca auf jeden Fall wahrzunehmen.

Wer auf mRNA-Zweitimpfung spekuliert, könnte leer ausgehen

"Patienten, die jetzt auf eine Zweit-Impfung mit Biontech oder Moderna spekulieren, könnten auch erst einmal leer ausgehen", warnt er. "Die Rahmenbedingungen für die Erfüllung einer solchen Empfehlung müssen ja erst einmal in der Praxis hergestellt werden." In seiner Praxis habe man von Anfang an auf diese Problematik hingewiesen. Denjenigen, die zweifach mit dem in Oxford entwickelten Impfstoff geimpft worden seien, könne wahrscheinlich eine Auffrisch-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff angeboten werden. (ija)

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