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Solingen-Prozess: Gericht zeigt Bilder des Tatorts - nur die Angeklagte schaute weg

Fünf Kinder getötet

Solingen-Prozess: Gericht zeigt Bilder des Tatorts - nur die Angeklagte schaute weg

Christiane K. auf der Anklagebank im Gerichtssaal - ihr wird fünffacher heimtückischer Mord vorgeworfen.
Christiane K. auf der Anklagebank im Gerichtssaal - ihr wird fünffacher heimtückischer Mord vorgeworfen.
www.imago-images.de, imago images/Tim Oelbermann, Tim Oelbermann via www.imago-images.de

Hinsehen, genau dann, wenn es wehtut

Von Christina Warnat

Das Landgericht Wuppertal muss genau hinsehen, besonders dann, wenn es wehtut, unerträglich ist. So auch im Prozess wegen fünffachen heimtückischen Mordes gegen Christiane K. (28) aus Solingen, der am Mittwoch fortgeführt wurde. Auch heute wurden noch einmal Tatortfotos in Augenschein genommen: der Flur, das Bad, die Kleider am Boden, die toten Kinder. Alle schauten hin, die Angeklagte jedoch hielt den Blick gesenkt. Ihr Verteidiger versuchte erneut, die Schuldfähigkeit der 28-Jährigen infrage zu stellen – doch die Strategie ging nicht auf. Noch nicht.

Mordprozess Solingen: Diashow des Grauens

Am 12. Verhandlungstag zeigte das Gericht noch einmal Fotos aus der Wohnung, in der Christiane K. laut Anklage fünf ihrer sechs Kinder mit hohen Medikamentendosen zunächst sediert und anschließend in der Badewanne ertränkt oder erstickt haben soll. Schweigend scrollte der Richter durch Skizzen und Bilder, die an die Wände projiziert wurden.

Der Flur, die Garderobe, die Küche, ein Karton mit Medikamenten, Kinderzimmer, die Kinder. Zugedeckt in ihren Betten als würden sie bloß schlafen. Das Badezimmer, Kleider am Boden neben der Heizung, eine benutzte Windel. Stumme Zeugnisse jener Schrecken, die sich am 3. September 2020 in Solingen zugetragen haben müssen. Christiane K. sah während der Diashow weg, fixierte einen Punkt vor sich und regte sich kaum. Erst hinterher, als der Vorsitzende Richter Jochen Kötter das Wort ergriff, schaute sie wieder auf.

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Ist Christiane K. schuldunfähig?

Im Laufe des Prozesstages beantragte Rechtsanwalt Thomas Seifert, kinderpornografische Inhalte in Augenschein zu nehmen, die Christianes Vater Hans-Peter U. besessen und konsumiert hat, weswegen er am 17. Januar 2013 vom Amtsgericht Mönchengladbach rechtskräftig verurteilt worden war. Seifert beantragte des Weiteren ein sexualwissenschaftlich-psychologisches Gutachten, das aufzeigen solle, dass jemand, der Kinderpornos konsumiert, auch selbst missbraucht.

Ein biometrisches Gutachten solle darüber hinaus feststellen, ob Christiane K. auf den Fotos und Videos zu sehen ist. Denn dann, so der Verteidiger, sei bewiesen, dass die Angeklagte von ihrem Vater missbraucht und/oder vergewaltigt worden sei. Ein Trauma, das „die Voraussetzung der Entwicklung einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung“ sei. In diesem Fall könnte seine Mandantin schuldunfähig sein. Psychiatrie statt Gefängnis für den mutmaßlichen Mord an Melina (1), Leonie (2), Sophie (3), Timo (6) und Luca (8).

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Richter weist Anträge ab: „nicht entscheidend“

Der Ankläger folgt Seiferts Kausalkette jedoch nicht. Ziel der Verteidigung sei es, aufzuzeigen, dass ein Trauma eine Persönlichkeitsstörung auslöse, so Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt. Diese könne sich aber „auch ohne ein solches entwickeln oder trotz eines Traumas ausbleiben“, argumentierte er. Eine zwingend sichere Verbindung zwischen einem traumatischen Ereignis und einer Persönlichkeitsstörung gebe es nicht. Insofern seien die Anträge für den Mordprozess „nicht von Bedeutung“.

Dieser Argumentation schloss sich der Vorsitzende Richter an und wies die ersten beiden Anträge zurück. Eine Inaugenscheinnahme der Kinderporno-Inhalte sei nicht erforderlich. Die sichergestellten Dateien von damals zeigten den schweren sexuellen Missbrauch und Vergewaltigungen „aller Ausprägungen“ von Kindern „aller Altersstufen“, darunter auch Säuglingen. „Das reicht aus, um den Vater hinreichend deutlich zu charakterisieren“, so Kötter.

Auch ein Gutachten sei in diesem Zusammenhang für den vorliegenden Fall „nicht entscheidend“. Wenn jemand Kinderpornos besitze oder verbreite, „vermag das keine belastbaren Rückschlüsse darauf zuzulassen, ob er auch selbst missbraucht“, begründete das Gericht die Entscheidung. Hinzu komme, dass die Angeklagte bei Befragungen einen sexuellen Missbrauch durch den Vater nie selbst berichtet habe – nur den Missbrauch durch einen Mann im Hause ihrer Großmutter 2005. Ein erneuter Rückschlag für die Verteidiger der Christiane K.

Anwälte beauftragen eigenen Gutachter als Zeugen

Die Erstellung eines biometrischen Gutachtens, das prüfen soll, ob K. in den Kinderporno-Inhalten auftaucht, stellte das Gericht zurück. Dennoch könnte es am 20. September noch einmal spannend werden: Die Anwälte haben einen privaten Gutachter beauftragt. Der Psychiater Dr. Thomas Schwarz aus München wird Christiane K. am 25. August in der JVA Köln besuchen, begutachten und als Zeuge vor Gericht aussagen. Wohlbemerkt: als Zeuge. Offizielle Gutachter in dem Fall sind und bleiben Professor Dr. Sabine Nowara und Professor Dr. Pedro Michael Faustmann.

Gutachten stellt Schuldfähigkeit der Angeklagten fest

Der Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Ruhr-Universität Bochum hatte bereits ein vorläufiges Gutachten erstellt, demzufolge eine psychische Erkrankung bei Christiane K. auszuschließen ist. K. habe „weder ein gestörtes Selbstbild, noch liegt bei ihr eine emotionale Persönlichkeitsstörung vor“, sagte Faustmann vor Gericht aus. Damit wäre die Angeklagte voll schuldfähig. Genau das versucht die Verteidigung seit Tag eins zu widerlegen. Doch frühere Anträge, etwa den Gutachter wegen Befangenheit abzulehnen und ein neues Gutachten in Auftrag zu geben, scheiterten. Nun soll es ein eigener Gutachter richten.

Christiane K. selbst bestreitet die Tat, spricht von einem Unbekannten, der in die Wohnung eingedrungen und die Kinder getötet habe. Eine Theorie, die während des Prozesses bislang durch keinerlei Indizien oder Beweise gestützt werden konnte. Im Falle einer Verurteilung droht der Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe.