Nach Gewalttat im Oberlinhaus: Prozess gegen Pflegerin beginnt

Die Opfer hatten keine Chance - Ines R. tötete vier wehrlose, behinderte Menschen mit einem Messer

Die Gewalttat im Oberlinhaus in Potsdam löste im April 2021 großes Entsetzen aus. Was die Pflegerin zur Wahnsinnstat trieb, muss jetzt im Gerichtsverfahren geklärt werden.
Die Gewalttat im Oberlinhaus in Potsdam löste im April 2021 großes Entsetzen aus. Was die Pflegerin zur Wahnsinnstat trieb, muss jetzt im Gerichtsverfahren geklärt werden.
© deutsche presse agentur

25. Oktober 2021 - 17:15 Uhr

Mordprozess gegen Pflegerin des Oberlinhaus

Was trieb Ines R. dazu, am 28. April 2021 in einer Pflegeeinrichtung für schwer behinderte Menschen in Potsdam fünf hilflose Patienten mit einem Messer anzugreifen? War es Überforderung? War die Pflegerin selbst psychisch nicht zurechnungsfähig? Der gewaltsame Tod von vier Bewohnern des Oberlinhaus, die sich nicht wehren konnten, hatte tagelang für großes Entsetzen gesorgt. Eine 43-jährige Frau überlebte den Angriff der Pflegekraft schwer verletzt. Nun beginnt am 26. Oktober vor dem Landgericht Potsdam der Prozess wegen Mordes und Mordversuchs gegen die 52-Jährige.

Anwalt der Pflegerin: "Es tut ihr alles sehr leid"

Seit 32 Jahren arbeitete Ines R. im Oberlinhaus in Potsdam. Hier werden unter anderem Menschen mit schweren Behinderungen, körperlichen und geistigen Einschränkungen gepflegt und versorgt. Zwei der späteren Opfer wohnten bereits seit ihrer Kindheit in der Einrichtung, die Pflegerin soll zu beiden eine liebevolle Beziehung gehabt haben. Nach der Tat hatte sie laut ihres Anwalts Henry Timm Reue gezeigt.

Ines R. soll mit der Arbeit extrem überlastet gewesen sein. Dies habe sie ihrem Arbeitgeber auch mehrmals schriftlich mitgeteilt, erklärte ihr Anwalt. Es habe Gespräche gegeben, ob die 52-Jährige eine andere Tätigkeit innerhalb der stationären Wohneinrichtung machen könnte. Die Pflegerin hatte selbst mehrere Klinikaufenthalte hinter sich und nahm starke Medikamente, die neurologische Auswirkungen mit sich brachten. Scheinbar hatte sie die Dosierung selbst erhöht.

Nur zwei Wochen vor der Tat gab es deutliche Warnsignale, sagt ihr Anwalt nun gegenüber RTL: "Die waren sogar physischer Natur. Gekennzeichnet von Erbrechen zwischen dem Betreuen der pflegebedürftigen Patienten." Trotz allem wurde sie anscheinend weiterhin als Pflegerin auf der Station eingesetzt. Deshalb macht der Anwalt auch der Klinikleitung Vorwürfe: "Man hat aber nicht reagiert. Und da muss ich sagen, da hätte man durchaus Maßnahmen ergreifen sollen und müssen."

Pflegerin tötete vier schwer behinderte Menschen

Gegen 21 Uhr rasen am 28. April Polizei und Rettungskräfte zum Oberlinhaus in Potsdam-Babelsberg. Alarmiert vom Ehemann von Ines R. Denn nach der unfassbaren Tat soll die Pflegerin nach Hause gegangen und ihrem Ehemann das Geschehene erzählt haben. Im Thusnelda-von-Saldern-Haus finden die Einsatzkräfte vier Tote, zwei Männer und zwei Frauen zwischen 31 und 56 Jahren. Außerdem eine schwer verletzte Frau (damals 43), die durch eine Notoperation gerettet werden kann.

Zunächst soll Ines R. versucht haben, zwei der Patienten zu erwürgen. Anschließend holt sie ein Messer und fügt den Opfern schwere Schnittverletzungen im Hals zu, erklärt Gerichtssprecherin Sabine Dießelhorst gegenüber RTL: ""Sämtliche Opfer starben letztendlich an erheblichem Blutverlust." Die tatverdächtige Pflegerin konnte festgenommen werden. Die heute 52-Jährige wurde in eine psychiatrische Klinik gebracht.

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Trauer, Unverständnis und Entsetzen nach der Gewalttat in Potsdam

Warum Ines R. gerade diese fünf Bewohner des Heimes angriff, kann hoffentlich im Rahmen des bevorstehenden Prozesses geklärt werden. Drei Frauen (31, 42 und 42 Jahre) und zwei Männer (35 und 56 Jahre), die auf die Pflege angewiesen waren und sich nicht wehren konnten.

Melanie Stein kannte das 42-jährige Opfer bereits seit 40 Jahren, erzählt sie RTL kurz nach der Tat. Als Kinder habe man zusammen gespielt, sich auch später nicht aus den Augen verloren. "Sie hatte einen Autounfall und hatte ein Schädel-Hirn-Trauma", erzählt Melanie Stein, daher sei sie in die Pflegeeinrichtung gezogen. Ihre Freundin war "auf dem besten Weg, sich wieder zurück ins Leben zu kämpfen", sagt Stein, während sie mit den Tränen ringt.

Vier weiße Rollstühle erinnern beim Gedenkgottesdienst an die Opfer der Gewalttat.
Vier weiße Rollstühle erinnern beim Gedenkgottesdienst an die Opfer der Gewalttat.
© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild, Soeren Stache

Staatsanwaltschaft geht von verminderter Schuldfähigkeit aus

Für den Prozess gegen Ines R., der am Dienstag, 26. Oktober, vor dem Landgericht Potsdam beginnt, sind zunächst zehn Verhandlungstage angesetzt. Bereits im Dezember könnte es ein Urteil im Prozess wegen Mord und Mordversuch geben. "Ich bin froh und erleichtert, dass der Prozess jetzt beginnt", sagte der Theologische Vorstand des Oberlinhauses, Matthias Fichtmüller der Deutschen Presse-Agentur.

Bei einer Verurteilung droht Ines R. eine lebenslange Haftstrafe. Doch auch ihr psychischer Zustand zum Tatzeitpunkt wird berücksichtigt. "Da die Taten im Zustand der erheblich verminderten Schuldfähigkeit begangen worden sein sollen, würde das zum Ergebnis führen, dass eine Strafe gemildert werden könnte", erklärt Gerichtssprecherin Sabine Dießelhorst.

Die genauen psychischen Umstände müssen nun vor Gericht analysiert werden. Ob sich die 52-Jährige vor Gericht zu den Taten äußert ist noch unbekannt. Laut ihres Verteidigers Henry Timm sie sich in der Vorbereitung kooperativ. "Meine Mandantin arbeitet die ihr vorgeworfenen Taten auf, sie arbeitet mit Psychologen vor Ort. Sie hat sich gegenüber der Gutachterin geäußert und mir selbstverständlich auch gegenüber Aussagen getroffen." Seiner Meinung nach muss auch die Klinikleitung Verantwortung übernehmen: "Wenn der Arbeitgeber seinen ihm zustehenden Sorgfaltspflichten nachgekommen wäre, dann hätte dies vermutlich vermieden werden können." (lha/mch)

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