Anwalt der Pflegerin erhebt schwere Vorwürfe

Nach Gewalttat im Oberlinhaus: Hätte der Tod von vier Menschen verhindert werden können?

Blumen, Kerzen und ein Plakat "Unser Aufrichtiges Beileid" liegen vor dem Eingang zur Einrichtung des diakonischen Anbieters Oberlinhaus. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa
Blumen, Kerzen und ein Plakat "Unser Aufrichtiges Beileid" liegen vor dem Eingang zur Einrichtung des diakonischen Anbieters Oberlinhaus. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa
© deutsche presse agentur

15. Juni 2021 - 6:09 Uhr

"Es tut ihr alles sehr leid"

Ines R. soll in einer stationären Wohneinrichtung des Oberlinhauses vier Menschen mit Behinderung getötet und eine Frau schwer verletzt haben. Jetzt klagte die Pflegerin gegen ihre darauf erfolgte Kündigung und fordert 81.600 Euro Abfindung. Der Anwalt der 52-Jährigen Potsdamerin erhebt vor Gericht schwere Vorwürfe gegen das Oberlinhaus, diesen weist die Anschuldigungen zurück. Hätte der Arbeitgeber die Tat verhindern können oder wird hier die mutmaßliche Täterin zum Opfer gemacht?

Zwischenfall zwei Wochen vor der Tat

Die Pflegerin Ines R. soll mit zwei der getöteten Heimbewohnern eine liebevolle Beziehung gehabt haben. Seit deren Kindheit habe sie diese gekannt. 32 Jahre lang arbeitete die 52-Jährige für das Oberlinhaus, pflegte hilfsbedürftige Menschen mit Behinderung. Ihr Anwalt Henry Timm sagt im Interview mit RTL, dass die Tat für seine Mandantin unerklärlich sei. "Es muss eine Verkettung von Umständen gewesen sein, es tut ihr alles sehr leid", berichtet der Verteidiger unserer Reporterin.

An dem Abend, an dem die Tat geschah, soll die Pflegerin laut ihrem Anwalt, gemeinsam mit zwei Hilfskräften auf Station gewesen sein. Zuständig für 20 Patienten mit Pflegegrad Fünf Plus. Zur Erklärung, bei einem Pflegegrad 5 beispielsweise benötigen Menschen mit Behinderung folgende Unterstützung:

  • Körperpflege: Duschen, Waschen, Zahn- und Mundhygiene, Kämmen, Gesichtspflege und Rasieren
  • Ernährung: Zubereitung der Nahrung (ggf. das Zuschneiden in mundgerechte Portionen), Nahrungsaufnahme kann verlangsamt stattfinden
  • Darm- und Blasenentleerung: Wasserlassen, Stuhlgang, Richten der Bekleidung
  • Mobilität: Aufstehen und Zubettgehen, Treppensteigen, An- und Umziehen etc. (Quelle: Pflege.de)

Immer wieder soll Ines R. ihrem Arbeitgeber schriftlich mitgeteilt haben, dass sie extrem überlastet sei. Darauf hätte niemand reagiert. Außerdem hätte es in der Vergangenheit Gespräche gegeben, ob die 52-Jährige eine andere Tätigkeit innerhalb der stationären Wohneinrichtung machen könnte.

Nur zwei Wochen vor der Tat soll es einen Vorfall gegeben haben: Ines R. soll in der Folge ihren Dienst abgebrochen haben und ein Kollege musste übernehmen. Um was genau es sich handelt, wollte der Anwalt nicht weiter ausführen. Der Kollege soll im Prozess als Zeuge geladen werden. Zwei Tage später soll Ines R. jedoch wieder normal weitergearbeitet haben. Dass sie psychisch beeinträchtigt und überarbeitet war, soll der Arbeitgeber also gewusst haben. Ihr Anwalt prangert an, dass der "Personenschlüssel des Landes Brandenburg" nicht eingehalten wurde.

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Ines R. soll schon viele Klinikaufenthalte gehabt haben

Ines R. soll mehrere Klinikaufenthalte gehabt haben. Die 52-Jährige nehme seit sehr langer Zeit starke Medikamente, die neurologische Auswirkungen hätten. Der Anwalt vermutet außerdem, dass die Pflegerin in der Zeit vor der Tat wahrscheinlich ihre Dosis stark erhöht hat. So hoch, "dass ein Arzt das niemals empfohlen hätte", sagt Anwalt Henry Timm unserer RTL Reporterin.Jetzt sind vier Menschen tot. Nur eine Frau hat schwerverletzt überlebt. Ines R. soll ihren Patienten mit einem Messer die Kehle durchgeschnitten haben. Jetzt befindet die Pflegerin sich in einer Psychiatrie, will aufgrund ihrer erfolgten Kündigung eine Abfindung kassieren. Der Anwalt gibt dem Oberlinhaus eine "Mitschuld" an der Tat. Bei den 81.600 Euro handle es sich nicht nur um eine Abfindung, sondern auch um Schadensersatz, weil Ines R. mit ihren Problemen so allein gelassen worden sei.

Oberlinhaus weist die Vorwürfe des Anwalts zurück

Das Oberlinhaus weist die Vorwürfe des Anwalts der mutmaßlichen Täterin von sich. Es habe keine Anhaltspunkte für eine Überlastung von Ines R. gegeben. Ein Wechsel in einen anderen Tätigkeitsbereich sei im Haus zudem immer möglich, sofern die berufliche Fähigkeit passt.

Die Beschreibung, dass an besagtem Abend nur drei Aushilfskräfte für 20 teils schwerbehinderte Patienten zuständig waren, sei ebenfalls nicht korrekt. Es lägen keinerlei Bemängelungen durch das Land Brandenburg im Thusnelda-von-Saldern-Haus vor. Sie seien "personell gut aufgestellt."

"Grundsätzlich weisen wir die falschen und völlig haltlosen Anschuldigungen der Klägerseite in aller Deutlichkeit für das Oberlinhaus und unsere Mitarbeitenden zurück", teilte das Oberlinhaus mit.

Die Richterin hat den Prozess vertagt, da nun ein psychiatrisches Gutachten erstellt wird und man den Strafprozess in zwei Wochen abwarten wolle.

(mca/jda)

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