Die geringe Impfbereitschaft unter Migranten bereitet der Politik große Sorgen

Geringe Impfbereitschaft unter Menschen mit Migrationshintergrund

27. April 2021 - 20:32 Uhr

von Heike Boese und Erik Bäsecke

Viel Unsicherheit über die Corona-Impfung unter Zuwanderern und Asylbewerbern

Auf dem Wochenmarkt am Hermannplatz im Berliner Stadtteil Neukölln geht es bunt zu: die Standbetreiber sind Italiener, Türken, Syrer, Palästinenser – genauso wie die Menschen, die im Bezirk leben. 40 Prozent von ihnen haben Migrationshintergrund. Die meisten leben in ihren eigenen Communities mit ihren eigenen Regeln. Für deutsche Politik interessieren sich die wenigsten, auch weil sie kein oder kaum Deutsch verstehen. Das ist für die Impfkampagne der Bundesregierung ein Riesenproblem. Noch lassen sich mehr Menschen mit Migrationshintergrund nicht gegen das Corona-Virus impfen – die Gründe dafür sind vielfältig:

Integrationspolitiker fordern mehr Information und Vorbilder für die Impfkampagne

Serap Güler, Integrations-Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen, glaubt zu wissen, woran das liegt: "Wenn ich an die Anschreiben denke, die die erste und die zweite Priorisierungsgruppe erhalten haben, da haben Deutsche schon ein Problem, diesen Brief zu verstehen", erklärt die CDU-Politikerin im ntv-RTL-Frühstart. Zudem kursieren Mythen und Legenden unter verschiedenen Migranten-Gruppen. Viele Asylbewerber glauben etwa, dass Geimpfte leichter abgeschoben werden. Junge Frauen fürchten, dass bestimmte Impfstoffe die Fruchtbarkeit beeinflussen. Güler plädiert daher für öffentlichkeitswirksame Impf-Aktionen. "Was wir brauchen, sind Vorbilder, die sich impfen lassen."

Viele bleiben aus Verunsicherung der möglichen Impfung fern

Francesco Alonica ist Italiener. Der 22-Jährige betreibt in Berlin-Neukölln einen mobilen Kaffeestand. Obwohl er vorerkrankt ist, hat er die Impfeinladung, die schon vor Wochen kam, bisher ignoriert. "Ich weiß nicht, ob ich das machen soll. Fifty-fifty, würde ich sagen. Aber am Ende wird es wohl so sein, dass man geimpft sein muss, wenn man irgendwohin fliegen will. Damit ich auch mal wieder zurück nach Italien kann, brauche ich bestimmt einen Impfpass." Es ist vor allem Unsicherheit, die Francesco bisher davon abhält, zum Impfen zu gehen: "Alles was ich höre, ist, dass es danach schlimmer werden kann, vielleicht aber auch nicht. Und man kann trotzdem krank werden." Francesco Alonica würde sich nur impfen lassen, wenn er sicher ist, "dass nicht auch ein paar Jahre später noch was rauskommt. Das muss schon eine 100 Prozent sichere Sache sein."

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Flyer landen ungelesen im Müll, das Bezirksamt setzt auf Aufklärung vor Ort

So denken viele im Kiez. Das weiß auch Falco Lieke. Der Gesundheitsstadtrat von Neukölln ist regelmäßig mit einem Aufklärungsteam auf dem Hermannplatz unterwegs. Seine Mitarbeiter sprechen zwölf Sprachen. In ihrem Info-Wagen kann man sich informieren und auch gleich testen lassen. "Wir hatten im letzten Jahr einen massiven Ausbruch in einer südosteuropäischen Community und da haben wir gemerkt, dass wir keinen Zugang zu den Menschen finden und nicht erklären können, was wir von ihnen wollen." Mit dem Aufklärungsteam geht man jetzt auf die Straße und will die Informationen direkt zu den Menschen bringen – ohne Flyer, ohne Broschüren. Die landen sowieso ungelesen im Papierkorb. Das Vertrauen in die Politik ist hier eher gering ausgeprägt. Falco Lieke weiß, dass Menschen mit Migrationshintergrund eher ihren Hausärzten als Politikern vertrauen. Deshalb nimmt man die mit ins Boot.

Mehr Vertrauen in Hausärzte als in Politiker

Und tatsächlich wäre Ehab Afiah ohne seinen Hausarzt wahrscheinlich auch noch nicht geimpft. Der 42-Jährige Palästinenser war anfangs sehr skeptisch. Obwohl er herzkrank ist, vertraute er weder der Politik noch der Impfkampagne. Sein Hausarzt hat ihn letztlich überzeugt. "Wir müssen geimpft werden, sonst kommen wir aus der Pandemie nicht raus. Wir müssen uns selber schützen." Sein Rat an seine Landsleute: "Es ist gar nicht so schlimm, wie man denkt. Einfach Augen zu und durch."

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