Sie soll Vergewaltigungen mitbekommen und nicht verhindert haben

Missbrauchskomplex Münster: Mutter eines Opfers vor Gericht

05. August 2021 - 12:07 Uhr

Öffentlichkeit von Prozess ausgeschlossen

Der Missbrauchskomplex Münster ist ein riesiges Verfahren, die im Raum stehenden Vorwürfe sind monströs. Nun muss sich die Mutter eines Opfers vor dem Landgericht verantworten. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde die Anklage verlesen. Die Staatsanwaltschaft wirft der 31-Jährigen aus Münster in neun Fällen Beihilfe durch Unterlassen vor. Die Frau soll seit 2018 vom schweren sexuellen Missbrauch ihres eigenen Kindes durch ihren Lebensgefährten gewusst haben. Sie soll Vergewaltigungen mitbekommen und nicht verhindert haben. Besonders erschütternd: Darüber hinaus soll sie ihren heute elfjährigen Sohn auch zu sexuellen Handlungen mit dem Mann animiert haben.

Angeklagter droht Haft zwischen 2 und 15 Jahren

Hansen
Gerichtssprecherin Cornelia Hansen

Im Hauptprozess war dieser im Juli zu 14 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Das Urteil gegen den 28-Jährigen ist noch nicht rechtskräftig. Münster ist nach Lügde und Bergisch Gladbach einer von drei großen Kindesmissbrauchskomplexen der vergangenen Jahre in Nordrhein-Westfalen.

Ob sich die Mutter des Kindes zu den Vorwürfen einlässt, ist ungewiss. Zum Schutz des Opfers hatte die Nebenklage den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt. Verteidiger und Staatsanwaltschaft schlossen sich dem an.

Bis Ende September hat das Landgericht Münster acht weitere Verhandlungstage angesetzt. Laut Gerichtssprecherin Cornelia Hansen droht der Angeklagten im Fall einer Verurteilung eine Haftstrafe zwischen 2 und 15 Jahren. Auch in diesem Fall muss das Landgericht über eine anschließende Sicherungsverwahrung entscheiden.

Expertin: 10 bis 30 Prozent der Taten werden von Frauen begangen

ARCHIV - 06.07.2021, Nordrhein-Westfalen, Münster: Eine Kamera steht vor dem Landgericht. Am 05.08.2021 beginnt ein weiterer Prozess um den Missbrauchskomplex von Münster. Verantworten muss sich die Mutter eines Opfers. (zu dpa «Expertin zu sexuellem
Die Öffentlichkeit ist von dem Prozess vor dem Landgericht Münster ausgeschlossen.
© dpa, Guido Kirchner, gki cul lic sab

Die Angeklagte ist nicht die einzige Frau, die im Missbrauchskomplex Münster ins Visier der Justiz geraten ist. Die Mutter des Drahtziehers wurde wegen Beihilfe zu fünf Jahren Haft verurteilt. Sie hatte ihrem Sohn eine Gartenlaube zur Verfügung gestellt und stand im Dialog mit einigen der Täter.

Julia von Weiler, Psychologin und Vorstand des Opferschutzvereins Innocence in Danger, stellt in Bezug auf sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen fest: "Grundsätzlich haben wir Frauen als Täterinnen einfach nicht wirklich im Blick. Bisherige internationale Studien sagen aber, dass immerhin 10 bis 30 Prozent aller Taten von Frauen begangen werden."

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Von Weiler verweist auf ein Phänomen. Bei Misshandlungen von Kindern sei die Gesellschaft bei Müttern, Tanten oder Großmüttern nicht überrascht. "Da finden wir das irgendwie auch nicht schön. Aber es überrascht uns nicht. Wenn das Wort sexualisiert vor der Gewalt steht, dann sind wir plötzlich irgendwie erstaunt", sagt die Expertin.

Bei der repräsentativen Mikado-Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2015 wurden Männer und Frauen, Jungen und Mädchen zu sexuellen Erfahrungen und sexuellen Gewalterfahrungen befragt. 11,6 Prozent der jungen Frauen und 5,1 Prozent der jungen Männer waren laut Umfrage von Kindesmissbrauch betroffen. 46,4 Prozent der betroffenen Jungen und Männer sagten wiederum, dass sie mindestens auch einmal sexualisierte Gewalt durch eine Frau erfahren haben. (uvo, ntv, dpa)