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Nach Kindesmissbrauch in Münster: Wie gehen die Opfer mit den Taten um?

Was passiert mit Opfern von Kindesmissbrauch?

Psychologin: Man muss den Kindern das Vertrauen ins Leben zurückgeben

Was passiert mit den Seelen der Kinder? Psychologin erklärt

Die abscheulichen Taten von Adrian V. und den anderen Beschuldigten im Missbrauchsfall von Münster lösen blankes Entsetzen und Ekel aus. Über Jahre sollen sie kleine Kinder in einer Gartenlaube, in Autos und an anderen Orten gewaltsam sexuell missbraucht haben. Die Ermittler vermuten, dass es nur die Spitze des Eisberges ist. Und während immer neue Details ans Licht kommen, erscheint das Leid der Kinder unerträglich. Wir haben Diplom-Psychologin Cordula Leddin gefragt, was mit den Kindern nach einem solch grausamen Erlebnis passiert?

Psychologin: Kinder brauchen Stabilität

„Kinder, die so ein traumatisches Erlebnis erleben, die haben das Gefühl, dass sie nichts mehr auf der Welt wirklich hält und dass sie auch niemanden vertrauen können“, erklärt Psychologin Leddin im RTL-Interview. Umso wichtiger ist es, so Leddin, dass sie Therapeuten an ihrer Seite haben, „die wirklich verstehen, was mit den Kindern passiert und wie man ihnen Vertrauen ins Leben wieder zurückgeben kann.“ Eine Therapie helfe ihnen einordnen zu können, „dass es böse Menschen auf der Welt gibt und dass es eben nur ganz wenige sind“, erklärt sie. Denn um ein normales Leben führen zu können, brauchen Kinder Vertrauen und Stabilität. Sonst wird es „ganz schwierig für sie, später stabile Beziehungen einzugehen“, so Leddin.

Kinder geben sich oft selbst die Schuld

„Kinder geben sich oft selbst die Schuld für solche Fälle“, sagt die Psychologin. Das hänge mit ihrer kindlichen Wahrnehmung zusammen, dort seien sie „in ihrer eigenen Welt“. „Dass heißt, alles was passiert, hat irgendwie etwas mit mir zutun und wenn mir so etwas passiert, muss das auch meine Schuld sein“, beschreibt Leddin das Empfinden der Kinder. Ihnen müsse dann immer wieder vermittelt werden, dass es „die Welt außen“ gibt, die manches Böse habe, „aber nichts mit dir zutun hat“, erklärt sie.

Kindermissbrauch in Münster Gesellschaft: Verbrechen, Prozesse. Ein Polizeiwagen steht am Eingang der Kleingartenanlage in Münster. In der Gartenlaube in Münster sollen Ende April vier Männer zwei Jungen missbraucht haben. Münster Nordrhein-Westfalen
Kindermissbrauch in Münster Gesellschaft: Verbrechen, Prozesse. Ein Polizeiwagen steht am Eingang der Kleingartenanlage
www.imago-images.de, imago images/Kirchner-Media, David Inderlied/Kirchner-Media via www.imago-images.de

Im Missbrauchsfall von Münster sollen die Kinder laut den Ermittler von den Tätern sogar betäubt worden sein. Bei den Kinder bleibe dennoch eine „unbewusste Erinnerung“, sagt Leddin. „Das macht es manchmal schwieriger, alles zu verarbeiten und man gar nicht so richtig weiß, was da eigentlich passiert ist.“ Später im Erwachsenenleben kann es bei den Opfern zu „Rückerinnerungen“ kommen, „das macht es dann schlimm, dass man die Erinnerungen überhaupt nicht zuordnen kann“, erklärt sie.

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Psychologin: „Man muss genau hinschauen"

Im Missbrauchsfall von Münster ist besonders schockierend, dass Hauptverdächtiger Adrian V. für die Behörden kein Unbekannter gewesen war. Schon seit 2010 stand der 27-Jährige immer wieder wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und Ermittlungen wegen Kinderpornografie im Fokus der Ermittler. Dennoch entschied das Jugendamt nach einem Gutachten im Jahr 2016, seinen von ihm offenbar missbrauchten Stiefsohn in der Familie zu lassen. Man habe einen Eingriff in das „elterliche Sorgerecht“ nicht für gerechtfertigt gehalten, heißt es.

Dass das Kind vom eigenen Stiefvater missbraucht worden ist, ist für Psychologin Leddin besonders tragisch, „weil das eine Vertrauensperson ist und auch im eigenen Haushalt lebt, wo man das Gefühl hat, jeglicher Halt ist missbraucht worden“, so Leddin und erklärt: „Man muss genau hinschauen, ob man diese Kinder bei den Familien belassen kann.“ Grundsätzlich sei es so, „dass die Eltern nichts mitbekommen oder auch die Augen verschlossen oder fahrlässig die Kinder irgendwo alleine hingehen ließen“, so die Psychologin.