Ermittlungsleiter: "Sie können es sich nicht vorstellen"

Schwerer sexueller Missbrauch an drei Jungen - sieben Verdächtige in Untersuchungshaft

08. Juni 2020 - 9:05 Uhr

Ermittler stoßen auf schweren Fall von Kindesmissbrauch

Gibt es nach Lügde und Bergisch Gladbach den nächsten großen Fall von Kindesmissbrauch in Nordrhein-Westfalen? Die Ermittler in Münster sind sichtlich schockiert, während sie die Ergebnisse ihrer Ermittlungen vorstellen. "Selbst die erfahrensten Polizeibeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen", sagte der Polizeipräsident von Münster, Rainer Furth, in einer Pressekonferenz. Auch im RTL-Interview, das wir im Video zeigen, fand Furth deutliche Worte. Nach nur drei Wochen intensiver Ermittlungen haben die Ermittler den schweren Missbrauch von drei Jungen im Alter von fünf, zehn und zwölf Jahren aufgedeckt.

Verdächtige verschlüsselten kinderpornografisches Material professionell

Die Ermittler kamen dem Kinderporno-Ring im Zuge anderer Ermittlungen auf die Spur. Inzwischen haben die Ermittler massenweise verschlüsselte Daten ausgewertet und elf Personen festgenommen. Haftbefehl wurde gegen sieben Verdächtige erlassen. Es handele sich um sechs Männer und eine Frau. Der Hauptbeschuldigte sei ein 27-Jähriger aus Münster. Außerdem handele es sich um dessen Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg, Hannover, Schorfheide, Kassel und Köln.

Noch sind die Dimensionen des Falls gar nicht absehbar. Denn der Hauptverdächtige, ein IT-Techniker, habe die Bilder und Videos, die bei Missbrauchshandlungen entstanden sind professionell verschlüsselt. In einem Keller fanden die Beamten sogar einen professionell eingerichteten Serverraum. Die Polizei arbeitet mit Hochdruck daran, die sichergestellten Daten zu entschlüsseln und auszuwerten.

Gartenlaube war mit modernster Überwachungstechnik ausgestattet

Offenbar wurden die drei Jungen regelmäßig von den Männern missbraucht. Der Fünfjährige sei der Sohn des Verdächtigen aus Staufenberg, der Zehnjährige der Sohn der Lebensgefährtin des Hauptbeschuldigten aus Münster und der Zwölfjährige sei der Neffe des Verdächtigen aus Kassel, erklärte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt.

Die schockierendeste Tat, auf die die Ermittler bisher gestoßen sind, spielte sich in einer Gartenlaube in Münster ab. Diese hatten die Männer offenbar professionell mit Überwachungstechnik ausgestattet, um die Übergriffe auf die Kinder zu dokumentieren. Die Polizei vermutet, dass dort regelmäßig Kinder missbraucht wurden. Das Material einer Tatnacht wurde inzwischen ausgewertet.

"So haben wir sehen müssen, was dort passiert ist", sagte Ermittlungsleiter Joachim Poll. Der Fünfjährige und der Zehnjährige seien über Stunden hinweg von vier Männern abwechselnd missbraucht worden. "Vier erwachsene Männer vergehen sich an zwei kleinen Jungs", sagte Poll sichtlich schockiert. Die Männer hätten schwerste sexuelle Handlungen an den Kindern vorgenommen. "Es werden Gegenstände benutzt, Sie können es sich nicht vorstellen", so der Ermittlungsleiter.

Gartenlaube ist einer der Tatorte
In dieser Gartenlaube wurden zwei Jungen von vier Tatverdächtigen über Stunden hinweg missbraucht.
© Polizei Münster

Auch die Mutter des Haupttäters wusste Bescheid

Sogar die Mutter des Hauptverdächtigen soll von den Taten gewusst haben. Der 45-Jährigen aus Münster gehörte die Gartenlaube und sie stellte ihrem Sohn den Schlüssel zur Verfügung – nach bisherigem Ermittlungsstand in dem Wissen, was sich dort abspielen würde.

Außer einem 41-Jährigen aus Köln, der ebenfalls in Untersuchungshaft sitzt, schweigen bisher alle Verdächtigen zu den Vorwürfen. Die Ermittlungen laufen weiter, denn noch ist erst "die Spitze des Eisbergs" bekannt. Die Ermittler mussten besonders schnell arbeiten, weil sie fürchteten, dass die Verdächtigen sonst massenweise Beweisematerial vernichten könnten. Darum wurden die Verdächtigen auch so schnell verhaftet.

Der 27-Jährigen aus Münster ist auch kein Unbekannter. Zwei mal wurde der Mann wegen des Besitzes und des Zugänglichmachens von Kinderpornografie zu Bewährungsstrafen verurteilt – unter der Auflage, dass er eine Therapie wegen seiner pädophilen Neigungen mache. Dem sei er auch nachgekommen. Dass er einen eigenen Serverraum betrieb und sich auf einschlägigen Seiten im Darknet bewegte, blieb lange unentdeckt, weil der 27-Jährige als IT-Techniker seine Spuren offenbar gut zu verwischen wusste.

Serverraum des Hauptverdächtigen
Der Hauptverdächtige soll in einen eigenen Serverraum im Keller gehabt haben. Die Polizei muss noch massenweise Daten entschlüsseln und auswerten.
© Polizei Münster

Opfer werden vom Jugendamt betreut

Polizeipräsident Furth bedankte sich bei den Ermittlungsbeamten, die nun den ganzen "abscheulicher Dreck", sichten müssten. "Diese Arbeit ist nur zu leisten mit dem Bewusstsein: Ich helfe Kinder aus diesem Elend heraus", sagte er.

Die drei Opfer sind inzwischen alle in Sicherheit. Sie seien in Obhut der zuständigen Jugendämter und würden betreut. Auch sie konnten den Ermittlern noch wichtige Informationen geben und so helfen, den Fall so schnell aufzudecken. Die Kinder wurden untersucht und hätten zumindest nach derzeitigem Ermittlungsstand keine körperlichen Schäden davongetragen. Mit den seelischen Folgen des Missbrauchs werden sie wohl ihr Leben lang zu kämpfen haben.

Nächster großer Fall nach Lügde und Bergisch Gladbach

Nordrhein-Westfalen war seit Anfang 2019 wegen mehrerer Fälle von schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern in die Schlagzeilen geraten. Auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe hatten mehrere Männer Kinder hundertfach über Jahre schwer sexuell missbraucht. Ermittlungen zu einem bundesweiten Kinderpornografie-Tauschring hatten im Oktober 2019 in Bergisch Gladbach bei Köln begonnen und erstrecken sich mittlerweile auf sämtliche Bundesländer