Hier in diese Bremer Siedlung wird der damalige Profiler Axel Petermann vor rund 28 Jahren gerufen.
Axel Petermann, Ex Profiler: „Ich habe damals noch in der Mordkommission gearbeitet. Und am Sonntagabend rief dann der Kommissar vom Dienst bei mir an und berichtete von einem Verdacht, dass ein 11-jähriger Junge Marie, die damals ja so vier oder fünf Jahre alt war, wohl versucht hatte, zu ermorden. Und das war für mich wirklich völlig neu. Völlig ungewöhnlich, dass ein Kind ein anderes Kind töten wollte.“
Axel Petermann kann sich noch genau an die Begegnung mit dem Mädchen erinnern, die nur Stunden zuvor bis zur Ohnmacht gewürgt wurde. Marie ist nicht ihr richtiger Name.
Axel Petermann, Ex Profiler: „Also Marie zeigte die klassischen Verletzungen eines Angriffs gegen den Hals. Also Würgemale, also Hämatome waren zu sehen. Leichte Kratzer von den Fingernägeln des Täters. Sie hatte eine Beule am Kopf und sie hatte sogenannte BBCs. Das sind so Erstickungsblutungen in den Augen Bzw hier in den Wangen und im Zahnbereich.“
Der Kontakt zu der mittlerweile 32 Jährigen ist bis heute geblieben und sie wird gleich noch über den Tag sprechen, an dem sie fast gestorben wäre...
Blende
Axel Petermann ist einer der bekanntesten deutschen Profiler und Fallanalytiker. Mehr als 35 Jahre arbeitet er als Mordermittler bei der Polizei Bremen. Seit seiner Pensionierung 2014 ist er als Tatort-Berater aber auch als Autor tätig. Sein neustes Buch heißt die Psyche des Bösen.
Axel Petermann, Ex Profiler: „Das Böse hat viele Gesichter. Es kann grausam und laut sein, eruptiv und unkontrollierbar. Es kann aber auch still und leise daherkommen. Höflich, kultiviert, unauffällig.
Darin erzählt er nicht nur einfach alte Kriminalfälle nach..
Axel Petermann, Ex Profiler: „Ich versuche, die Hintergründe zu beleuchten. Dass ich mit den Überlebenden spreche, mit Angehörigen, mit den Tätern, um möglichst viel über die Motive, über die Abläufe, die Interaktion zwischen Täter und Opfer zu erfahren, aber auch psychologische Hintergründe versuche aufzudecken, die letztendlich die Psyche des Bösen ausmacht.“
So hat er z.B. für sein Buch auch mit dem Mann gesprochen - wir nennen ihn Roger - der vor 28 Jahren selbst noch ein Kind war und versucht hat die damals 5-Jährige Marie zu ermorden.
Axel Petermann, Ex Profiler: „Als ich später Roger auf sein damaliges Vorgehen anspreche, gibt er mir nahezu andächtig zu verstehen, dass er die Macht gewollt habe.“
Axel Petermann hat die Geschichte von Roger verfolgt. Im Fall von Marie war er noch nicht strafmündig, das ändert sich aber.
Axel Petermann, Ex Profiler: „ Und so habe ich dann mitbekommen, dass Roger noch andere Mädchen überfallen hatte auf dem Weg zur Schule, dass er sie gewürgt hatte und dass dann später die Katastrophe passierte, dass er drei Menschen tötete seine Freundin und deren beiden Kinder.“
Roger ist mittlerweile ein verurteilter Mörder, der eine lebenslange Haftstrafe absitzt.
Axel Petermann hat immer noch Kontakt zum ersten Opfer von Roger. Marie ist mittlerweile 32 Jahre. Den Tag an dem sie als kleines Mädchen fast erwürgt wird, wird sie wohl nie vergessen.
Marie: „Ich erinnere mich, dass ich unbedingt spielen wollte. Ich habe darauf beharrt. Meine Mama überredet, dass ich bitte unbedingt spielen möchte, weil es war ein schöner Tag. Ich habe die Voraussetzungen bekommen. Wenn es regnet, kommst du bitte rein. Ich bin aber nicht reingekommen, als es geregnet hat. Ich habe gespielt, wurde von Roger angesprochen. Er hat mich darauf angesprochen, dass er einen Hasen gefunden hätte, was für mich natürlich als Kind das Lockmittel schlechthin war. Ich habe ihm vertraut dadurch, dass ich ihn kannte. Er war ein Nachbar...“
Nur wenige Meter weiter - hier in einem Gebüsch - wird Marie von Roger überwältigt, erinnert sie sich.
Marie: „Wie ich ins Gebüsch gekrabbelt bin, um nach dem Hasen zu schauen. Und den Schmerz, als ich gewürgt wurde. Dass ich darum gebettelt habe, dass er aufhört, weil es weh tut.“
Dann verliert die damals 5 Jährige das Bewusstsein. Roger denkt, er habe sie getötet, aber Marie überlebt.
Marie: „Ich erinnere mich, dass ich mich aus etwas rausgekrabbelt habe, weil ich etwas Schweres auf mir drauf gefühlt habe. Ich war eingeengt. Ich war erdrückt, habe mich dann aus diesem Gegenstand rausgefummelt. Es war ein Teppich im Endeffekt, in den ich eingerollt war. Und ich erinnere mich, dass ich verwirrt war und dass ich so schnell wie möglich nach Hause wollte. Ich war verwirrt, verängstigt und wollte einfach zu Mama.“
Als 5-Jährige gilt Marie damals als zu jung für eine Therapie, aber das Erlebte hinterlässt tiefe Spuren.
Marie: „Also ich war als Kind extrem auffällig. Danach habe ich angefangen, Puppen zu begraben, weil ich ja begraben wurde. Ich habe angefangen, in der Schule zu fehlen. Ich habe mich abgekapselt, habe als Kind ja auch Überlebensschuld fast gefühlt. Dass ich überlebt habe, war für mich komisch. Bei Streitereien habe ich meiner Mama direkt an den Kopf geworfen: Ach, wäre ich doch lieber gestorben.“
Die 32-Jährige ist mit Unterbrechung 15 Jahre in Therapie. Noch heute versetzen Trigger sie plötzlich in den Tag vor 28 Jahren.
Marie: „Das sind einfache Sachen wie Gerüche, gewisse Gerüche, wie zum Beispiel das Gebüsch, so ein gewisser Moosgeruch, der triggert mich manchmal. Das Gebüsch selber, wenn ich daran vorbei gehe, triggert mich. Wenn mir eine Kette umgelegt wird, ist es für mich unangenehm. Das sind so banale Dinge, aber die triggern mich.“
Der Kontakt zu Axel Petermann ist geblieben. Mit dem damaligen Ermittler redet sie über die Tat - das hilft ihr. Und sie willigt sofort ein, ihre Geschichte in seinem Buch zu erzählen.
Marie: „Weil ich ja meine Stimme da draußen haben möchte und ja auch mitteilen möchte, wie es Opfern dabei geht, wie es mir dabei geht und dass es nicht immer nur um die Täter geht.“
Für ihre Zukunft wünscht sich Marie nur eines...
Marie: „Stabilität. Dass ich weiterhin auf dem Weg bleibe, auf dem ich jetzt bin. Ich denke, ich bin auf einem guten Weg. Ich habe viel durchlebt. Ich kann stolz auf mich sein, dass ich noch hier bin. Und ich hoffe, so geht es weiter.“