Eine Chronologie des kollektiven Versagens

Erzieherin unter Mordverdacht: Was die Ermittler bisher über Sandra M. wissen

02. Juni 2020 - 9:23 Uhr

Versuchte Sandra M. schon vorher ein Kind zu töten?

Schnell war klar: Die kleine Greta in Viersen starb keines natürlichen Todes. Das Mädchen wurde mit Atemstillstand aus der Kita ins Krankenhaus gebracht, wo es wenige Tage später starb. Nun sitzt die 25 Jahre alte Sandra M. unter dringendem Tatverdacht in Untersuchungshaft. Als die Ermittler sich in den anderen Kitas umhörten, in denen die Erzieherin gearbeitet hat, stießen sie auf weitere verdächtige Vorfälle, bei denen Kinder in ihrer Obhut plötzlich Atemprobleme hatten. Der Polizei wurden diese Fälle aber nie gemeldet. Was bisher ans Licht kam, haben wir in einer Chronologie zusammengefasst.

Sandra M.  fiel schon in anderen Kitas auf.
Sandra M. fiel schon in anderen Kitas auf.
© Privat

Der erste Vorfall mit Sandra M. passierte schon 2017

August 2017

Sandra M. beginnt ihr Anerkennungsjahr zur staatlich geprüften Erzieherin in einer Kita in Krefeld. Schon nach wenigen Tagen sei aufgefallen, dass die junge Frau mit den Kindern nicht gut zurechtgekommen sei, so die Ermittler. Die anderen Erzieher halten Sandra M. für ungeeignet.

November 2017

Die Ermittler gehen im Moment davon aus, dass es im November 2017 zum ersten Mal zu einem möglichen Übergriff kam. Der Vorfall wird noch geprüft. Vieles erinnert aber an den Fall in Viersen. Auch damals beaufsichtigte Sandra M. die Kinder beim Mittagschlaf. Sie kam aus dem Schlafraum und sagte den anderen Erzieherinnen relativ unbeteiligt, dass mit einem Jungen etwas nicht in Ordnung sei.

Der Dreijährige hatte die Augen verdreht, war schlaff und nicht ansprechbar. Das Kind wurde notärztlich versorgt und kam ins Krankenhaus. Die Ursache für den Vorfall wurde nie abschließend geklärt. Die Mutter berichtete damals aber, dass das Kind auch zuhause krampfartige Anfälle bekam. Nachdem die Erzieherin die Kita verließ, sollen diese aber aufgehört haben.

Februar 2018

Im Februar 2018 soll es in der Krefelder Kita zu zwei weiteren Vorfällen mit dem gleichen Jungen gekommen sein, während die Kinder frei in der Gruppe spielten. In beiden Fällen war der Dreijährige plötzlich nicht mehr ansprechbar, schlaff und verdrehte die Augen. Die Polizei prüft nun, ob Sandra M. auch in diesen Fällen etwas damit zu tun haben könnte.

Frühjahr 2018

Wenige Wochen später gibt es einen weiteren Zwischenfall mit dem Jungen in der Kita, den die Polizei nun überprüft. Das Problem dabei: Das betroffene Dreijährige war in seiner Sprache noch nicht altersgemäß entwickelt und konnte sich nicht richtig mitteilen. Die Mutter des Jungen sagte den Ermittlern aber, dass ihr Sohn nach dem Vorfall eine regelrechte Abneigung dem Kindergarten gegenüber entwickelte, die schlagartig nachließ, als Sandra M. nicht mehr dort arbeitete. Dann ging der Junge plötzlich wieder gerne in den Kindergarten.

Juli 2018

Sandra M. beendet das Berufspraktikum in der Krefelder Kita. Ihr Arbeitgeber stellt ihr ein schlechtes Zeugnis aus. Ihr habe der Zugang zu Kindern gefehlt, sie habe keine Empathie gezeigt und bei Konflikten zwischen Kindern tatenlos zugesehen.

Sandra M. wechselt mehrmals die Arbeitsstelle - überall gibt es ähnliche Probleme

August 2018

Sandra M. fängt eine Stelle in einer Kita in Kempen an. Dort soll es laut den Ermittlern zu vier Vorfällen mit einem zwei Jahre alten Jungen gekommen sein – ebenfalls beim Mittagschlaf. Auch in diesen Fällen hatte das Kind plötzlich Atemnot, legte krampfartiges Verhalten an den Tag und musste in einer Klinik behandelt werden.

Mai 2019

Gegen Sandra M. wird ein Verfahren wegen des Vortäuschens einer Straftat eingeleitet. Die Erzieherin ging zur Polizei und erklärte, im Wald Opfer eines Übergriffs geworden zu sein. Bei einer gerichtsmedizinischen Untersuchung fiel aber auf, dass die Frau sich die Schnittwunden im Gesicht wohl selber zugefügt hatte. Ihr sei damals dringend geraten worden, psychologische Hilfe zu suchen.

Juli 2019

Sandra M. verlässt die Arbeitsstelle in der Kempener Kita wieder.

September 2019

Die Erzieherin tritt eine neue Stelle in einer Kita in Tönisforst an.

29. Oktober 2019

Sandra M. ist mit einem Zweijährigen alleine an der Wickelstation, als der Junge plötzlich Atemprobleme bekommt. Das Kind wird unter Notarzteinsatz ins Krankenhaus gebracht, wo es sich wieder erholt. Er sei vorher völlig unauffällig gewesen und es lag keine körperliche Ursache für die plötzliche Atemnot. Der Junge soll seinem Vater später erzählt haben, dass die Erzieherin ihm fest auf den Bauch gedrückt habe, berichten die Ermittler.

November 2019

Weil Sandra M. auch in diesem Kindergarten keinen guten Eindruck macht und die Kita mit ihrer Arbeit nicht zufrieden ist, wird ihr Vertag nach der Probezeit beendet.

So kam es zu Gretas Tod in der Kita in Viersen

1. Januar 2020

Sandra M. beginnt eine neue Stelle als Erzieherin in der Kita in Viersen. Wieso sie dort trotz ihrer schlechten Zeugnisse eingestellt wurde, ist bisher noch unklar.

21. April 2020

Nachdem die kleine Greta (zu dem Zeitpunkt noch zwei Jahre alt) wegen Corona mehrere Wochen zuhause betreut wurde, geht das Mädchen am 21. April zum ersten Mal in Notbetreuung im Kindergarten.

29. April 2020

Es ist Sandra M.s vorletzter Arbeitstag in der Kita in Viersen. Die Erzieherin hat gekündigt, um eine andere Stelle anzutreten. Greta ist an dem Tag das einzige Kind in ihrer Gruppe. Die 25-Jährige betreut das Mädchen zusammen mit einem anderen Erzieher. Der macht Feierabend, als das Mädchen zum Mittagschlaf abgelegt wird. Ab dann ist Sandra M. alleine mit dem Mädchen in der Gruppe. Irgendwann alarmiert die Frau die Erzieherinnen in der Nachbargruppe, weil Greta nicht mehr ansprechbar ist. Das Mädchen wird reanimiert und ins Krankenhaus gebracht.

Noch am gleichen Tag schalten die Ärzte der Kinderklinik in Viersen die Polizei ein, weil das Mädchen verdächtige rote Punkte auf den Augenliedern hat. Diese entstehen bei Sauerstoffmangel durch Gewalteinwirkung.

4. Mai 2020

Nur einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag stirbt die kleine Greta im Krankenhaus an den Folgen von Gewalteinwirkung auf ihren Körper. Die Ärzte konnten das Kind nicht wieder zu Bewusstsein holen. Die Gerichtsmedizinische Untersuchung ergab eine schwere Hirnschädigung durch massiven Sauerstoffmangel.

19. Mai 2020

Sandra M. wird unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Bei der Festnahme soll die 25-Jährige nach RTL-Informationen geweint haben. Das Motiv für die Taten, die ihr vorgeworfen werden, ist völlig unklar. Die Beschuldigte verweigert bisher jede Aussage.

20. Mai 2020

Gegen Sandra M. wird Haftbefehl wegen Mordverdachts im Fall der getöteten Greta und wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen im Fall des Kleinen Jungen in Tönisforst erlassen. Die Vorfälle in Krefeld und in Kempen werden noch geprüft.

28. Mai 2020

Sandra M. muss nach RTL-Informationen aus Sorge vor Übergriffen in eine andere JVA verlegt werden. Kurz zuvor hatten die Ermittler in einer Pressekonferenz bekannt gegeben, was der 25-Jährigen alles vorgeworfen wird.