Irreführendes Argument im Intensivbetten-Streit

Faktencheck: Massiver Bettenabbau auf deutschen Intensivstationen?

"Niemand baut Betten ab, aber wir haben einfach nicht das Personal, um sie zu betreiben", erklärt die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
"Niemand baut Betten ab, aber wir haben einfach nicht das Personal, um sie zu betreiben", erklärt die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
© deutsche presse agentur

21. April 2021 - 12:21 Uhr

Wie steht es um die Belegung der Intensivbetten?

Es wird eng auf den Intensivstationen, warnen Intensivmediziner. Manche zweifeln jedoch daran, dass die Corona-Pandemie der Grund dafür ist. Sie behaupten: Auf den Intensivstationen wird es nur eng, weil massiv Betten abgebaut wurden. Die Belegung habe sich insgesamt im Verlauf der Pandemie kaum verändert. Doch diese Behauptung ist irreführend und teilweise falsch. Wir machen den Faktencheck.

​+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Für jedes freie Bett werden Ärzte und Pfleger gebraucht

Einige Nutzer in sozialen Netzwerken argumentieren mit Zahlen aus dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) und des Robert Koch-Instituts (RKI). Auf den ersten Blick scheinen sie zu zeigen: Die Gesamtzahl der belegten Intensivbetten in Deutschland bewegt sich seit rund einem Jahr um die Zahl 20.000. Gleichzeitig sinkt die Zahl der freien Betten. Doch bei den Daten zur Auslastung der Intensivstationen gibt es einiges zu beachten.

"Niemand baut Betten ab, aber wir haben einfach nicht das Personal, um sie zu betreiben", sagte eine Divi-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Ein freies Bett könne im Intensivregister nur dann als frei gemeldet werden, wenn eine Klinik genügend Ärzte und Pfleger habe, um einen Patienten oder eine Patientin darin zu versorgen.

LESE-TIPP: RKI, EMA, STIKO & Co.: Wer hat eigentlich was zu melden bei Corona?

Intensivmitarbeiter zunehmend erschöpft

Wie viele Pflegekräfte nötig sind, hat sich im Verlauf der Pandemie mehrmals geändert. Hinzu kommen Ausfälle durch erkranktes Klinikpersonal, die etwa in der zweiten Welle laut einer Divi-Sprecherin zunahmen. "Trotz der fantastischen Arbeit, die die Intensivmitarbeiter wirklich seit langen Jahren leisten – und jetzt seit einem Jahr nochmal verstärkt - sehen wir, dass sie zunehmend erschöpft sind und nicht mehr können", erklärt Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, im Gespräch mit RTL.

LESE-TIPP: Erschöpft wegen Corona: Weltweit geben Krankenschwestern und -pfleger auf

Zu Beginn waren zudem Personaluntergrenzen ausgesetzt. Als sie wieder eingeführt und schließlich im Februar auf tagsüber eine Pflegekraft pro zwei Intensivpatienten verschärft wurden, mussten Kliniken also Betten aus dem Intensivregister herausnehmen, für die sie kein Personal hatten. "Dadurch ist die Gesamtzahl zwar formal etwas runtergegangen", sagt Christian Karagiannidis, einer der Leiter des Divi-Intensivregisters, in einem Erklärvideo. "Aber es entspricht in keinem Fall einem Bettenabbau, sondern es entspricht der wirklichen realen Wiedergabe dessen, was wir in Deutschland an Intensivkapazität zur Verfügung haben."

Doch warum stieg die Belegung der Intensivstationen in den Corona-Wellen mit jeweils steigender Zahl von Covid-19-Patienten nicht an?

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Wenn's eng wird: Kliniken stellen auf Notbetrieb um

Das hat vor allem zwei Gründe: "Auf den Intensivstationen ist eine Auslastung von 80 Prozent die absolute Obergrenze", sagte ein weiterer Leiter des Divi-Intensivregisters, Steffen Weber-Carstens von der Berliner Charité, Anfang April. Kliniken müssten trotz der Corona-Pandemie für den Alltagsbetrieb freie Intensivplätze bereithalten. Sonst könnten etwa die Opfer eines größeren Autounfalls oder zwei, drei Schlaganfallpatienten an einem Tag nicht mehr adäquat versorgt werden, erläuterte eine Divi-Sprecherin.

Damit das gelingt, werden planbare Operationen abgesagt oder Patienten verlegt - die Kliniken stellen "vom Regelbetrieb auf den Notbetrieb" um, heißt es auf der Webseite des Divi-Intensivregisters. Die Behandlung der Vielzahl von Covid-19-Patienten Ende Dezember, Anfang Januar war nach Angaben der Divi-Sprecherin nur möglich, weil zum Beispiel andere Patienten früher als üblich auf andere Stationen verlegt wurden.

Engpässe aktuell eher in Großstädten als auf Landkreis-Ebene

Der zweite Grund ist, dass sich in der Statistik für ganz Deutschland regionale Überlastungen der Intensivstationen und weniger belastete Regionen ausgleichen. Wie unterschiedlich die Belegung regional ist, kann man einer Karte im Divi-Intensivregister entnehmen, die den Anteil der freien Betten auf Landkreis-Ebene zeigt. Engpässe beobachten Intensivmediziner derzeit vor allem in Großstädten und Ballungsräumen.

Bald 6.000 Covid-19-Intensivpatienten?

Um die außergewöhnlich hohe Auslastung der Intensivstationen nachzuvollziehen, sollte man außerdem die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen betrachten: Diese Kurve zeigt steil nach oben und liegt derzeit bei rund 4800. Der bisherige Spitzenwert lag Anfang des Jahres bei über 5700. Mediziner des Divi-Intensivregisters fürchten, dass es demnächst 6000 Covid-19-Intensivpatienten geben könnte.

Seit kurzem stuft die Mehrheit der Intensivstationen ihre Betriebssituation wieder als eingeschränkt ein, etwa beim Personal oder Material. Das war zuletzt während der zweiten Welle so. Diese Selbsteinschätzung ihrer Situation teilen die Intensivstationen dem Divi-Intensivregister seit Beginn der Pandemie mit.

Intensivmediziner Janssens: Anstieg der Corona-Intensivpatienten wäre vermeidbar gewesen

Für Intensivmediziner Prof. Uwe Janssens ist klar: Hätte die Politik früher reagiert, wäre ein Anstieg der Corona-Intensivpatienten vermeidbar gewesen, wie er im Interview mit RTL erklärt.

Quelle: DPA/RTL

TVNOW-Doku "Kinder in der Corona-Krise"

Das Coronavirus hält die Welt seit mehr als einem Jahr in Atem und ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Wie geht es unseren Kindern in der Pandemie und wie wirken sich z.B. Lockdown-Beschränkungen auf sie aus? In der TVNOW Dokumentation "Kinder in der Corona-Krise" erzählen Kinder und Jugendliche, was ihre größten Herausforderungen sind.